Boeing kündigt nach Fast-Absturz Aufarbeitung an
#Global Markets

Boeing kündigt nach Fast-Absturz Aufarbeitung an

Author

Simeon Koch

Vergangenen Freitag musste ein Boeing-Flugzeug notlanden, weil auf 5000 Metern Flughöhe ein türgroßes Teil aus dem Rumpf gebrochen und davongeflogen war. Mehrere Passagiere wurden verletzt, wie durch ein Wunder war der Platz direkt neben dem gerissenen Loch nicht besetzt gewesen. Nun hat Boeing-Chef Dave Calhoun gegenüber Mitarbeitern einen Fehler des Flugzeugbauers eingeräumt und Besserung sowie „hundertprozentige Transparenz“ bei der Aufarbeitung und Ursachenforschung versprochen. Dabei werde man uneingeschränkt mit den nordamerikanischen Behörden zusammenarbeiten. Was genau im Produktionsprozess schiefgelaufen ist, bleibt vorerst unklar. Der jüngste Vorfall mit einer 737 MAX-Maschine im Dienst der Alaska Airlines war aber offenbar kein Einzelfall. Auch die Fluggesellschaft United Airlines teilte mit, bei Flugzeugen desselben Typs Produktionsmängel gefunden zu haben. Die Flugaufsichtsbehörde (engl.: Federal Aviation Administration, kurz: FAA) ordnete für rund 170 Maschinen eine sofortige Überprüfung an, die Maschinen bleiben erstmal auf dem Boden.

 

Abdeckung brach auf 5000 Metern aus dem Rumpf

Ursache des Unfalls am Freitag war ein sogenannter Door Plug, zu Deutsch also ein Türstöpsel. Dabei handelt es sich um eine Abdeckung über einem optionalen Ausgang, der in großen Flugzeugen existiert, um bei aufgestockter Passagier-Kapazität einen zusätzlichen Notausgang zur Verfügung stellen zu können. Transportiert das Flugzeug weniger als die maximal zulässige Zahl an Sitzplätzen, benötigt sie nicht alle eingebauten Ausgänge, weshalb die überzähligen Türöffnungen dann mit Door Plugs versiegelt werden. Kurz nach dem Start der Alaska Airlines-Maschine war so eine Türabdeckung aus ihren Halterungen gebrochen – weil alle Passagiere zu diesem Zeitpunkt im Steigflug noch angeschnallt waren, wurde durch den Druckabfall niemand aus der Kabine gesaugt. Trotzdem verletzten sich einige Fluggäste. Das Flugzeug kehrte sofort um und musste in Portland in der Provinz Oregon notlanden. Die nordamerikanische Flugaufsicht verhängte kurz darauf eine Sperre für Maschinen des betroffenen Modells.

Alaska Airlines, wo das Beinahe-Unglück letzte Woche geschah, stellte bei weiteren Maschinen des Boeing-Modells Sicherheitsmängel wie etwa lockere Schrauben fest. Seit Anordnung der Kontrollen durch die FAA und ein damit einhergehendes Flugverbot mussten die betroffenen Flugzeuge verschiedener Fluggesellschaften tagelang am Boden bleiben. Global sollen nach Angaben des Flugverkehr-Analysedienstes Cirium rund 215 Flugzeuge des 737 MAX-Modells betroffen sein. Alaska Airlines verwendet 65 dieser Jets, mit 79 Stück unterhält United Airlines die größte Flotte dieses Typs. Die deutsche Lufthansa teilte mit, kompromittierte Modelle weder zu besitzen noch bestellt zu haben. Während der Vorfall Airlines weltweit verunsichert, sagte Boeing-Chef Calhoun, er sei „zutiefst erschüttert gewesen“, so etwas dürfe „nie wieder passieren“.

 

Glimpflicher Ausgang war „pures Glück“

In der Zwischenzeit haben weitere europäische Fluglinien angekündigt, Kontrollen durchzuführen. Das kaputte Flugzeug vom Freitag untersuchte die nordamerikanische Verkehrsbehörde (engl.: National Transportation Safety Board, kurz: NTSB), fand aber bislang keine Unterschiede zwischen dem herausgebrochenen Door Plug und seinem Konterpart auf der anderen Seite des Fliegers. Der Unfallhergang ist zwar rekonstruiert, die Behörde kann allerdings nicht erklären, warum sich genau diese Abdeckung löste. Laut NTSB-Chefin Jennifer Homedy war es „pures Glück“, dass bei dem Vorfall niemand ernsthaft verletzt wurde. Durch den Unterdruck wurden einige Gegenstände vom Loch im Rumpf angesaugt und aus dem Flugzeug geschleudert, etwa das Smartphone eines Passagiers, das in Portland am Straßenrand wiedergefunden wurde.

Zwar entgingen die 171 Passagiere an Bord des Fliegers einem dramatischen Schicksal, trotzdem bedeutet der Vorfall einen herben Reputationsverlust für den Luftfahrtriesen aus der Provinz Virginia. Vor allem mit dem Modell 737 kommt Boeing einfach nicht zur Ruhe: 2018 und 2019 stürzten zwei Maschinen dieses Typs wegen technischer Mängel an Sensoren ab, insgesamt starben dabei 346 Menschen. Damals verhängten Aufsichtsbehörden vorübergehend weltweite Flugverbote für diesen Flugzeugtyp. Boeing erlitt empfindliche finanzielle Einbußen und wurde scharf dafür kritisiert, zwei Wochen lang nicht zu den Unfällen Stellung genommen zu haben. Diesmal habe der Flugzeugbauer in Person von Dave Calhoun deutlich souveräner reagiert, stellte Paul Oestreicher, Experte für Krisenkommunikation, gegenüber Reuters fest. Demnach habe der Boeing-Chef „deutlich schneller gehandelt, die Wichtigkeit vollständiger Transparenz anerkannt und sich zu einer schnellen Lösung bekannt“.

 

Boeing kämpft mit Turbulenzen

Auch Alaska Airlines gerät nach dem knapp verhinderten Unglück in Erklärungsnot: Wegen Warnungen eines Kabinendrucksystems zweifeln Experten daran, ob das Flugzeug überhaupt einsatzfähig war. Zumindest entschied man sich schon vor einiger Zeit, das Flugzeug nicht mehr für Flüge übers Meer einzusetzen – und das könnte tatsächlich eine Katastrophe verhindert haben. Wäre die Türabdeckung auf einem Flug über dem Meer herausgebrochen, hätten die Piloten so tief fliegen müssen, dass die Passagiere noch hätten atmen können, erklärte ein Unfallermittler der Verkehrssicherheitsbehörde. Das hätte das Risiko für einen schweren Unfall auf hoher See gesteigert. Die abgebrochene Türverkleidung wurde nach der Notlandung in Portland übrigens in einem privaten Garten gefunden.

Boeing muss damit mal wieder einen Skandal moderieren. Möglicherweise auch wegen der Probleme vergangener Jahre mit dem Typ 737 MAX erreichte Boeing 2023 zum fünften Mal in Folge nach ausgelieferten Flugzeugen nur den zweiten Platz hinter seinem Rivalen Airbus. Zwar wurde das Flugzeug im November 2020 wieder für den Flugverkehr zugelassen, trotzdem erholte sich das Unternehmen nur langsam vom Lieferstopp und den Kompensationszahlungen nach den Abstürzen 2018 und 2019. Und doch beläuft sich der Marktanteil des Konzerns immer noch auf knapp 50 Prozent. Glaubt man den Worten von Dave Calhoun, dürfte sich die Sorgfalt im Umgang mit Sicherheitsauflagen für die eigenen Flugzeugmodelle verbessern, was nicht nur der Reputation von Boeing, sondern auch dem Preis des eigenen Wertpapiers guttäte, dessen Kurs zuletzt einige Volatilität erlebte. Wo wir Einstiegschancen für ein langfristig lukratives Investment oder vielversprechende Handelspositionen sehen, analysieren wir für das Boeing-Papier und 40 weitere Hochkaräter des nordamerikanischen Marktes regelmäßig in unserem US-Titans-Paket.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.