Das Wichtigste in Kürze
· Chinas KI-Markt hat deutlich korrigiert.
· Japan bleibt ein Liquiditätsrisiko.
· Die Nasdaq-100-Unterstützung hält bislang.
Während die Debatte über eine mögliche KI-Blase an der Wall Street an Schärfe gewinnt, hat China die schmerzhafte Seite des Themas bereits erlebt: Der technologieorientierte STAR-50-Index verlor in den vier Monaten bis Ende Oktober rund 40 Prozent. Auch amerikanische Technologieaktien gerieten zunehmend unter Druck. Der Nasdaq-100 fiel am Montag auf rund 27 990 Punkte, bevor er sich am Dienstag um 0.68 Prozent auf rund 28 180 Punkte erholte. Damit lag er weiterhin rund 10.1 Prozent unter seinem Allzeithoch vom 6. Oktober. Eine erste Gegenbewegung ist da – doch reicht sie schon für Entwarnung?
Für Philip Klinkmüller sind die Entwicklungen in Asien „sehr, sehr dunkle Vorzeichen“. In der neuen Wellenlage erklärt er, weshalb er die Korrektur asiatischer KI-Werte als mögliches Vorzeichen für den globalen KI-Trade betrachtet, warum ein stärkerer Yen die Liquidität belasten kann und welche Nasdaq-100-Marke jetzt besonders wichtig wird. Seine Lesart: Eine Erholung bis zum Jahreswechsel bleibt möglich. Ob daraus ein echtes Comeback wird oder nur ein Zwischenhoch vor einer tieferen Bereinigung? Wir haben ihn gefragt.
China zeigt, wie schnell der KI-Trade kippen kann
„Es gibt wenig Gesundes“, sagt Philip Klinkmüller über die innere Verfassung der Märkte. Damit meint er die geringe Zahl von Unternehmen, die viele Indizes über längere Zeit getragen haben. Seine Sorge: Wenn diese KI-nahen Schwergewichte wegbrechen, fehlt unterhalb der Indexspitze die Kraft, um die Verluste aufzufangen.
„Everybody is on the same trade“, sagt er – zu viele Marktteilnehmer setzen auf dieselbe Entwicklung. In den asiatischen Technologieindizes sieht er bereits die Folgen dieser Konzentration. Was dort passiert, könnte sich seiner Einschätzung nach auch an der Wall Street zeigen. Ein zwangsläufig identischer Verlauf lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
„Es ist ja alles sehr, sehr stark nur in dieser einen Bubble, mit einer extremen Marktkonzentration.“
Chinas STAR 50 macht diese Schwäche sichtbar. Hohe Bewertungen, Unsicherheit über die künftige Nachfrage und Exportbeschränkungen belasten die Erwartungen an Technologie- und Halbleiterunternehmen. Welche Rolle dabei auch der Wettbewerb durch chinesische Speicherchip-Hersteller spielt, beleuchtet unser Insights-Beitrag „KI-Crash: Vor dieser neuen China-Aktie zittert Asien“.

Auch in Südkorea stehen starke Geschäftszahlen und schwache Börsenstimmung nebeneinander. SK hynix meldete für das dritte Quartal Rekorde: rund 104.6 Billionen Won Umsatz und 83.3 Billionen Won operativen Gewinn, getragen vor allem von Speicherprodukten für KI-Rechenzentren. Solche Ergebnisse verhindern jedoch keinen Stimmungswechsel im gesamten Sektor. Die Verwundbarkeit der chinesischen und südkoreanischen Märkte haben wir auch in „Die nackte Angst ist zurück“ eingeordnet.
Japan könnte die Liquidität weiter verknappen
Der zweite Punkt führt nach Tokio. Die Bank of Japan beließ ihren kurzfristigen Leitzins am 30. Oktober bei 1.25 Prozent. Ein Ratsmitglied stimmte jedoch für einen Anstieg auf 1.50 Prozent. Zugleich beschloss die Notenbank, ihre jährlichen ETF-Verkäufe ab Januar 2027 deutlich zu beschleunigen. Die höhere Verkaufsgeschwindigkeit wirkt also noch nicht heute, gehört aber zum weiteren geldpolitischen Kurs.
Für Klinkmüller bleibt deshalb der Yen-Carry-Trade ein Risiko, das Anleger nicht ausblenden sollten. Vereinfacht: Marktteilnehmer leihen sich Geld in einer Währung mit vergleichsweise niedrigen Zinsen – häufig im Yen – und investieren es in höher verzinste oder risikoreichere Anlagen. Steigen die japanischen Zinsen, verteuert sich die Finanzierung. Wertet zusätzlich der Yen auf, wird die Rückzahlung für Anleger, die ihr Kapital in anderen Währungen investiert haben, kostspieliger. Das kann sie dazu bewegen, Positionen abzubauen.

Weitere japanische Zinsschritte würden „den Druck auf die USA immens erhöhen“, sagt Klinkmüller. Eine weitere Erhöhung werde „noch weiter die Liquidität abschneiden“. Japan bleibt zudem der größte ausländische Halter von US-Staatsanleihen. Die jüngste verfügbare US-Statistik weist für August Bestände von rund 1.1 Billionen US-Dollar aus. Sollten japanische Anleger ihre Bestände stärker reduzieren, könnte das zusätzlichen Druck auf den US-Anleihemarkt ausüben. Ein automatischer Renditeanstieg folgt daraus jedoch nicht; auch die Nachfrage anderer Käufer spielt eine Rolle.
27 000 Punkte: Klinkmüllers entscheidende Nasdaq-100-Zone
Rund um die US-Midterms zeigt der Nasdaq-100, wie schnell die Stimmung wechseln kann. Nach dem Rückgang auf rund 27 990 Punkte am Montag schloss er am Dienstag bei rund 28 180 Punkten. Am Mittwoch folgte vorbörslich eine weitere Gegenbewegung: Der Dezember-Future auf den Nasdaq-100 notierte bei rund 28 373 Punkten.
Dabei rückt für Klinkmüller eine Marke besonders in den Fokus: der Bereich um 27 000 Punkte. Seine Bedingung war klar: „Wenn wir den nachhaltig rausnehmen“, sagt er, „steigen die Chancen schon sehr stark an“, dass ein markantes Hoch entstanden ist und die übergeordnete Korrektur an Tiefe gewinnt.
Diese Unterstützung ist bislang nicht gefallen. Das Montagstief von rund 27 967 Punkten und das Dienstagstief von rund 28 086 Punkten lagen oberhalb der genannten Zone. Die jüngste Erholung schafft wieder etwas Abstand. Klinkmüllers bedingtes Warnsignal wurde damit noch nicht ausgelöst.

Ein nachhaltiger Bruch der 27 000-Punkte-Zone würde Klinkmüllers vorsichtigere Lesart stärken. Welches seiner beiden übergeordneten Korrekturszenarien dann zum Tragen käme, lässt er im Gespräch offen. Beide würden seiner Einschätzung nach zunächst deutlich tiefere Kurse bedeuten. Dann könnte es „sehr, sehr schnell sehr, sehr wild werden“, warnt er. Konkrete Kursziele nennt er in dieser Folge nicht.
„Das sind beides Korrekturziele, die eigentlich momentan niemand irgendwie auch nur ansatzweise auf dem Schirm hat.“
Gleichzeitig hält er eine Erholung weiterhin für möglich. Aus saisonaler und zyklischer Sicht sieht er Chancen auf eine bessere Marktphase in Richtung Jahresende oder Januar. Ob die Erholung „ein Aufladen für den weiteren Abverkauf“ wird oder „wirklich noch mal ein neues Allzeithoch“ bringt, ist für ihn noch nicht entschieden.
Jetzt schon Short auf KI? Klinkmüller mahnt zu Geduld
Philip Klinkmüller sieht sich noch nicht an dem Punkt, an dem er sich nur noch auf der Short-Seite positionieren würde: „An dem Punkt sind wir definitiv noch nicht angekommen.“ Auch mögliche Long-Positionen gehören weiterhin zu seinen Überlegungen. Konkrete Ein- und Ausstiegszonen aus unseren Analysen kommunizieren wir an unsere Abonnenten der jeweiligen Pakete.
„Ich würde jetzt definitiv noch nicht final sagen, dass ich mich komplett neutral oder nur noch netto short positionieren würde.“
Die Gegenbewegung am Dienstag und die freundlichere Vorbörse am Mittwoch zeigen, dass Käufer weiterhin zurückkehren. Eine nachhaltige Stabilisierung ist damit noch nicht belegt. Für Klinkmüller bleibt die zentrale Frage, ob der Markt aus einer Erholung neue Stärke entwickelt oder lediglich eine Pause innerhalb der Korrektur einlegt.

Seine Einschätzung bleibt deshalb offen für beide Richtungen: Eine bessere Phase bis zum Jahreswechsel ist möglich. Sollte der Nasdaq-100 die Zone um 27 000 Punkte nachhaltig unterschreiten, würde sich aus seiner Sicht jedoch das Risiko deutlich tieferer Kurse erhöhen. An dieser Marke lässt sich seine Warnung konkret überprüfen.
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