US-Kapitol vor den Midterms
#Global Markets

Brasilien-Schock: Warum für Schwellenländer-ETFs jetzt die Midterms zählen

Author

Robert Fabian

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Wahlschock in Brasilien trifft breite Schwellenländer-ETFs kaum, dort dominieren Taiwan, Südkorea, China und Indien.

  • Die US-Midterms am 3. November könnten Trumps Macht im Kongress beschneiden und für neue politische Unruhe sorgen.

  • Von Big Tech und Zinsen über Halbleiter bis zu Rohstoffen hängen viele Schwellenländer-Sektoren direkt an Washington.


Die Märkte hatten fest mit einem Machtwechsel gerechnet. Nach Flávio Bolsonaros knappem Sieg im ersten Wahlgang stieg der Ibovespa, der Leitindex der brasilianischen Börse in São Paulo, auf ein Rekordhoch. Doch in der Stichwahl am 25. Oktober setzte sich Amtsinhaber Lula mit 51.8 Prozent durch.

Am folgenden Handelstag brach der Ibovespa zeitweise um mehr als 17 Prozent ein und schloss mit einem Minus von 13.88 Prozent, dem größten Tagesverlust seit März 2020. Anleger fürchten steigende Staatsausgaben und mehr politischen Einfluss auf Unternehmen wie den Ölkonzern Petrobras, dessen Aktie in New York zeitweise rund 17 Prozent absackte.

So heftig der Absturz war: Für die meisten Privatanleger ist er nur ein Nebenschauplatz. Sie halten brasilianische Aktien in der Regel nicht direkt, sondern über einen Schwellenländer-ETF. Dort macht Brasilien weniger als 4 Prozent aus. Die größten Gewichte entfallen auf Chipkonzerne aus Taiwan und Südkorea sowie auf Unternehmen aus China, und die hängen stark von der Politik in den USA ab. Für ETF-Anleger ist deshalb weniger entscheidend, was in São Paulo passiert, als was am 3. November in Washington passiert. Dann wählen die USA ihren Kongress neu. Zeit also für einen genaueren Blick darauf, was die Midterms für Schwellenländer-ETFs bedeuten können.

Was bedeutet das für Schwellenländer-ETFs?

Um einzuschätzen, wie stark die Midterms einen Schwellenländer-ETF treffen können, lohnt zunächst ein Blick auf die Zusammensetzung. Im MSCI Emerging Markets, dem wichtigsten Index für Schwellenländer-ETFs, ist Taiwan mit knapp 29 Prozent das mit Abstand größte Land. Dahinter folgen Südkorea mit gut 21 Prozent, China mit knapp 20 Prozent und Indien mit rund 11 Prozent. Zusammen stehen diese vier Länder für rund 80 Prozent des Index.

Brasilien kommt dagegen auf weniger als 4 Prozent. Danach folgen Südafrika, Saudi-Arabien und Mexiko mit jeweils unter 3 Prozent. Allein der taiwanische Chiphersteller TSMC hat im Index ein Gewicht von rund 14 Prozent und damit fast viermal so viel wie ganz Brasilien.

Das war nicht immer so. 2009 entfiel noch fast ein Viertel des Index auf Brasilien und die übrigen Länder Amerikas, 2025 waren es nur noch gut 7 Prozent. Aus der einstigen Wette auf Rohstoffe und aufstrebende Volkswirtschaften ist vor allem eine Wette auf asiatische Halbleiter geworden.

Genau das macht die Midterms so relevant. Große Indexwerte wie TSMC, Samsung und SK Hynix erzielen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze mit US-Technologiekonzernen und sind direkt von Washingtons Zoll- und Handelspolitik betroffen. Die Entwicklung von Schwellenländer-ETFs hängt damit stärker von den USA ab, als es auf den ersten Blick scheint.

Der MSCI Emerging Markets wird von asiatischen Schwellenländern dominiert, allen voran Taiwan, Südkorea und China, während Brasilien nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Der MSCI Emerging Markets wird von asiatischen Schwellenländern dominiert, allen voran Taiwan, Südkorea und China, während Brasilien nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Die Midterms: Darum geht es am 3. November

Die Midterms sind die Zwischenwahlen in der Mitte der Amtszeit eines US-Präsidenten. Trump selbst steht dabei nicht zur Wahl. Neu bestimmt werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Sitze im Senat. Beide Kammern zusammen bilden den Kongress, der über Gesetze und den Haushalt entscheidet. Verliert Trumps Partei dort die Mehrheit, können die Demokraten seine Gesetzesvorhaben blockieren und über die Staatsausgaben mitbestimmen. Trump müsste dann für viele Vorhaben Kompromisse eingehen.

Brisant wird vor allem, was eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus mit ihren Kontrollrechten anfangen würde. Die Demokraten haben bereits angekündigt, im Fall eines Sieges Untersuchungen zu den Geschäften der Trump-Familie, zum Iran-Krieg und zum Umgang der Regierung mit den Epstein-Akten einzuleiten. Auch Vorwürfe möglicher Insidergeschäfte im Umfeld der Regierung dürften auf der Tagesordnung stehen. Selbst ein Amtsenthebungsverfahren gilt nicht als ausgeschlossen. Für eine Absetzung wäre allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Senat nötig, weshalb die demokratische Führung zunächst auf Untersuchungen setzen will. Für die Märkte bedeutet das vor allem eines: Die politische Unruhe in Washington dürfte nach der Wahl eher zu- als abnehmen.

Für Schwellenländer zählt dabei vor allem der US-Dollar. Ein starker Dollar verteuert die Auslandsschulden vieler Schwellenländer und führt häufig zu Kapitalabflüssen, ein schwächerer Dollar wirkt dagegen unterstützend. Mehrere Marktbeobachter rechnen nach der Wahl eher mit einem schwächeren Dollar, auch weil eine geschwächte Regierung in Washington weniger Druck auf ihre Handelspartner ausüben könnte. Wie stark ein Schwellenländer-ETF davon profitiert oder unter Druck gerät, hängt jedoch von den Branchen ab, die in ihm stecken.

Welche Sektoren an Washington hängen

Die US-Politik trifft die Schwellenländer sehr unterschiedlich. Zölle, Exportkontrollen und Investitionszusagen entscheiden in einigen Branchen direkt über Umsätze und Margen. Diese Hebel liegen größtenteils im Weißen Haus. Wie frei Trump sie nutzen kann, hängt nach dem 3. November aber auch vom neuen Kongress ab. Für Schwellenländer-ETFs sind fünf Bereiche besonders wichtig.

1. Big Tech und Zinsen als Taktgeber

Viele Schwellenländer hängen indirekt am Erfolg der großen US-Technologiekonzerne. Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta investieren Milliarden in Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Davon profitieren Chiphersteller in Taiwan und Südkorea ebenso wie Rohstoffproduzenten, denn für Rechenzentren und Stromnetze werden große Mengen Kupfer und Silber benötigt.

Diese Kette reagiert empfindlich auf Zinsen. Treiben Zölle und hohe Energiepreise die Inflation an, könnte die US-Notenbank die Zinsen länger hochhalten. Höhere Finanzierungskosten belasten die Bewertungen der US-Techgiganten und können ihre Investitionsbudgets bremsen. Spüren die großen Abnehmer Gegenwind, kommt das mit Verzögerung bei ihren Zulieferern in den Schwellenländern an, von Halbleitern über Technologie bis zu Industrie- und Edelmetallen. Die Midterms spielen hier mit hinein, weil ihr Ausgang über Zölle, Staatsausgaben und damit auch über den Inflationsdruck mitentscheidet.

2. Halbleiter aus Taiwan und Südkorea

Taiwan und Südkorea machen zusammen rund die Hälfte des Index aus, getragen vor allem von ihren Chipkonzernen. Für sie ist Washington Chance und Risiko zugleich. Trump drohte 2025 mit Zöllen von bis zu 100 Prozent auf Chips von Herstellern, die nicht in den USA investieren. TSMC, Samsung und SK Hynix blieben davon ausgenommen, weil sie Milliarden in amerikanische Werke stecken, allein TSMC rund 165 Milliarden Dollar in Arizona. Der Schutz hängt damit direkt an den Investitionszusagen. Lässt der Druck aus Washington nach den Midterms nach, wäre das für Asiens Chipkonzerne ein positives Signal.

3. Chinas Technologiewerte

China ist mit knapp 20 Prozent im Index vertreten. Hier wirkt die US-Politik vor allem über Exportkontrollen. Nvidia-Chef Jensen Huang räumte im Frühjahr ein, dass sein Konzern im chinesischen Markt für KI-Chips keinen Marktanteil mehr hat. Die Lücke füllen heimische Anbieter wie Huawei. Jede Lockerung oder Verschärfung der Regeln verschiebt damit die Gewichte zwischen amerikanischen und chinesischen Technologiewerten.

4. Mexikos Industrie

Mexiko ist als Produktionsstandort für den US-Markt eng mit Washington verflochten, besonders in der Autoindustrie. In diesem Jahr steht zudem die turnusmäßige Überprüfung des Freihandelsabkommens USMCA zwischen den USA, Mexiko und Kanada an. Ihr Ausgang entscheidet mit darüber, wie attraktiv der Standort für Zulieferer und Industrieunternehmen bleibt.

5. Rohstoffe und Energie

Wie empfindlich Rohstoff- und Energiewerte auf Politik reagieren, hat die Wahl in Brasilien gezeigt. Petrobras, einer der größten brasilianischen Werte im Index, verlor in New York zeitweise rund 17 Prozent. Noch härter traf es den Chemiekonzern Braskem mit einem Minus von fast 39 Prozent. Auch Washington spielt hier eine Rolle: 2025 belegte Trump brasilianische Importe mit Zöllen von 50 Prozent. Zugleich hängt der Ölpreis stark an der US-Politik im Iran-Konflikt. Steigende Energiepreise stützen Ölförderer, belasten aber Transport und Konsum. In den USA erreichte Diesel im September mit 5.85 US-Dollar pro Gallone ein Rekordhoch. In Bundesstaaten mit hoher Steuerbelastung wie Kalifornien lag der Preis vielerorts sogar über 6 US-Dollar.



Infografik zu fünf Sektoren in Schwellenländern, die von der US-Politik abhängen: Big Tech und Zinsen, Halbleiter, Chinas Technologiewerte, Mexikos Industrie sowie Rohstoffe und Energie, jeweils mit betroffenen Ländern und wichtigen US-Hebeln.
Ob Chips, Exportkontrollen oder Zölle: Fünf Sektoren in Schwellenländern reagieren besonders sensibel auf Entscheidungen aus Washington.

Trump als Unsicherheitsfaktor

Ein Machtgewinn der Demokraten muss die Lage nicht automatisch beruhigen. Entscheidend ist, wie Trump darauf reagiert. Gesetze und Haushalt könnte er dann nur noch mit Kompromissen durchsetzen, Zölle und Außenpolitik bleiben jedoch weitgehend in seiner Hand. Gerade ein innenpolitisch geschwächter Präsident könnte versuchen, über diese Hebel Stärke zu zeigen.

Für Schwellenländer wäre das ein reales Risiko. Neue Zölle oder verschärfter Druck auf einzelne Länder könnten als Signal nach innen dienen, ähnlich wie 2025 im Fall Brasiliens, als Trump seine Strafzölle auch politisch begründete. Auch eine härtere Gangart im Iran-Konflikt ist denkbar. Beides würde Schwellenländer treffen, ob über den Handel oder über steigende Energiepreise.

Hinzu kommt die Frage, ob das Wahlergebnis seitens der Republikaner überhaupt anerkannt wird. Trump hatte im Laufe des Jahres mehrfach infrage gestellt, ob die Wahl überhaupt stattfinden dürfe. Auch in der Bevölkerung wächst die Skepsis: Laut Pew Research Center erwarten nur 55 Prozent der Amerikaner einen fairen und korrekten Ablauf der Wahl, vor den Midterms 2022 waren es noch 64 Prozent. Vorwürfe der Wahlmanipulation, ein Streit um das Ergebnis oder gesellschaftliche Unruhen würden die Unsicherheit an den Märkten deutlich erhöhen und Anleger eher aus riskanteren Anlagen wie Schwellenländern treiben.

Fazit

Der Kurseinbruch in Brasilien hat gezeigt, wie schnell politische Ereignisse ganze Märkte ins Rutschen bringen können. Für breit aufgestellte Schwellenländer-ETFs ist er jedoch nur ein Nebenschauplatz. Weit stärker hängen sie an Washington: an den Zöllen auf Halbleiter, an den Exportregeln für China, an der Zinspolitik der US-Notenbank und an der Frage, wie Trump mit dem Ausgang der Midterms umgeht.

Wer in Schwellenländer investiert, setzt damit zu einem großen Teil auf wenige asiatische Chipkonzerne und auf die Politik in den USA. Umso wichtiger ist es, die großen Märkte im Blick zu behalten, von denen diese Entwicklungen ausgehen. Genau dort setzt unser Index XL-Paket an. Es bündelt unsere Analysen zu den wichtigsten Indizes der Welt: S&P 500, Nasdaq, Dow Jones und Russell 2000 aus den USA, DAX und MDAX aus Deutschland, den Hang Seng aus Hongkong sowie exklusiv den japanischen Nikkei 225. Mit klar definierten Unterstützungen, Widerständen und Zielzonen sehen Sie frühzeitig, welche Kursmarken für den weiteren Verlauf entscheidend sind, gerade in einem Umfeld, das so stark von Politik geprägt ist wie die Wochen rund um die Midterms.


INDEX XL BANNER

Author

Robert Fabian

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.