„Passt auf, was ihr euch wünscht!“, sagte der renommierte Krypto-Analyst Ben Cowen zu Beginn dieses Bullenmarktes – und wiederholte den Satz bis zuletzt wie ein Mantra. Natürlich meinte Cowen damit das Reizthema schlechthin in diesem Zyklus: die Altcoin-Season. Kein Bullenmarkt hat Krypto-Anleger so lange auf die starke Phase kleiner Kryptowährungen warten lassen.
Bitcoin korrigiert nach seinem jüngsten Allzeithoch deutlich und zieht Altcoins wieder mit hinab. Eine Trendwende könnte bevorstehen, wenn sich das Muster aus dem Juni wiederholt.
Wachsende Ungeduld spaltet den Markt zusehends in zwei unversöhnliche Lager: Die einen erwarten eine umso längere Altcoin-Season, die anderen prophezeien den Untergang aller Kryptowährungen außer Bitcoin und Ethereum. Dabei liegt die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte: Ja, es ist nervig, dass die Altcoin-Season so lange auf sich warten lässt. Das ist aber gar nicht schlecht, sondern sogar sehr gesund für die Blockchain-Branche. Genau das meint Ben Cowen mit seiner Warnung.
Coinbase: Altcoin-Season im September
Geht es nach der führenden US-Kryptobörse Coinbase und ihrem Forschungsteam, so steht die Altcoin-Season unmittelbar bevor. Laut einer Studie, die Ende letzter Woche veröffentlicht wurde, könnte bereits im September eine Altcoin-Rallye wie zu besten Bullenmarktzeiten 2017 und 2021 starten.Der Altcoin-Season-Index von Blockchaincenter steckt im Niemandsland – und das ist gut so. Wir erklären euch, warum.
Zwar liegt der Altcoin-Season-Index derzeit erst bei rund 50 und damit weit unter der Marke von 75, die als klassisches Season-Signal gilt. Doch die Marktkapitalisierung der Altcoins ist in den letzten Wochen um mehr als 50 Prozent gestiegen, während die Bitcoin-Dominanz von 65 auf knapp 59 Prozent gefallen ist. Coinbase deutet diese Verschiebung als frühes Signal einer Kapitalrotation, die sich mit den anstehenden geldpolitischen Lockerungen beschleunigen könnte.
Mit verblüffender Genauigkeit korreliert der Bitcoin-Preis (zeitlich versetzt) mit der globalen Geldmenge M2. Die aktuelle Abweichung solllaut Coinbase bald Geschichte sein.
Besonders ins Auge sticht laut Coinbase der Rekordbetrag von rund 7.2 Billionen US-Dollar, der derzeit in Geldmarktfonds geparkt ist. Diese Fonds investieren kurzfristig in sichere Papiere wie Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen höchster Bonität. Sie gelten als Alternative zum Sparkonto, bieten in Zeiten hoher Zinsen solide Renditen – und entziehen dem Markt zugleich Kapital, das andernfalls in risikoreichere Anlagen fließen könnte.
Coinbase erwartet, dass Zinssenkungen im Herbst die Attraktivität dieser Fonds mindern werden. Ein Abzug auch nur eines Bruchteils dieser Gelder könnte die Nachfrage nach Kryptowerten erheblich steigern. Der Bericht verweist außerdem auf den Global M2 Money Supply, ein Maß für die weltweite Geldmenge, die Bargeld, Sichtguthaben und leicht verfügbare Einlagen umfasst.
Coinbase rechnet damit, dass bald schon Geld aus den Geldmarktfonds (blau) in Krypto fließt. Stagnierte der Wert dieser Geldmarktfonds, war das für BTC und vor allem Alts bullisch.
Historisch gesehen laufen die Bewegungen dieses Index den Kursentwicklungen von Bitcoin um gut 100 Tage voraus. Steigt die Geldmenge, so ist mehr Liquidität im System vorhanden– eine Voraussetzung für Investitionen in Risiko-Assets. Nach den jüngsten Coinbase-Daten signalisiert der Indikator eine neue Liquiditätswelle im vierten Quartal 2025, die Bitcoin und Altcoins Rückenwind verleihen könnte.
Warum warnt Ben Cowen vor Altcoins?
Wie verwirrt der Kryptomarkt gerade ist, zeigt sich an den teils diametralen Einstellungen seiner Teilnehmer. Während Coinbase eine mögliche Altcoin-Season ab September avisiert, bleiben viele Analysten skeptisch – allen voran Benjamin Cowen, einer der einflussreichsten Marktbeobachter auf X (vormals Twitter). Seit Monaten belustigt Cowen sich öffentlich über bullische Altcoin-Prognosen und verwies stets auf die kontinuierlich wachsende Bitcoin-Dominanz.
Die Bitcoin-Dominanz bleibt über lange Phasen des Bullenmarktes hoch. Es ist vollkommen normal, dass Altcoins neue Tiefs erreichen, während BTC schon Allzeithochs knackt.
Damit machte er sich unter Altcoin-Spekulanten keine Freunde, lag aber immer wieder richtig. Seine eindringliche Warnung, sobald Hoffnung auf eine Altcoin-Season aufkam: „Passt auf, was ihr euch wünscht!“ Was Cowen damit meint, liegt auf der Hand: In jedem Krypto-Zyklus bleibt Bitcoin bis kurz vor Schluss dominant und performt deutlich besser als alle anderen Kryptowährungen. Die Konsequenz daraus ist eine stetig steigende Bitcoin-Dominanz über lange Phasen des Bullruns. Dass BTC die ersten 80 bis 90 Prozent im Zyklus dominiert, mag für Altcoin-Spekulanten schmerzhaft sein – für die gesamte Blockchain-Branche ist es aber wichtig.
Bitcoin erfüllt damit zwei wichtige Aufgaben: Erstens holt er durch monatelange Anstiege das Vertrauen in den Kryptomarkt zurück, das sich nach harten Bärenmärkten nur langsam erholt. Zweitens fungiert BTC als Liquiditäts-Schwamm. Schließlich folgten Krypto-Zyklen bisher einem immergleichen Muster: Zunächst fließt Kapital in Bitcoin, während kleinere Kryptowährungen links liegengelassen werden. Je länger Bitcoin steigt, desto größer werden die Gewinne und auch die Zuversicht der Marktteilnehmer.
Aktuell stehen die Zeichen gut für Altcoins: Die BTC-Dominanz hat die 50-wöchige Durchschnittslinie unterschritten. In der Vergangenheit ein Startsignal für die Altcoin-Season.
Gleichzeitig wächst die FOMO (Angst, etwas zu verpassen) derjenigen, die noch nicht investiert sind. Je höher Bitcoin in seiner Dominanz-Phase steigt, desto mehr Käufer holt er in den Markt – und umso mehr Kapital kann später in Altcoins rotieren. Das nämlich ist der finale Schritt der berüchtigten Krypto-Rotation. Je länger es also dauert, bis eine Altcoin-Season beginnt, desto besser ihre Startbedingungen, weil Bitcoin dann mehr Zeit hatte, frisches Kapital in den Markt zu ziehen.
Wann kommt die Altcoin-Season endlich?
Keine Frage, die aktuelle Marktphase ist nervig und zermürbend – vor allem für Altcoin-Investoren. Erst stieg Bitcoin monatelang an und ließ alle anderen Kryptowährungen hinter sich. Bei BTC-Anstiegen kamen Altcoins nicht hinterher, bei Korrekturen verloren sie deutlich stärker. Hoffnung keimte auf, als Ethereum im Juli seine fulminante Rallye hinlegte, die erst kürzlich in einem neuen Allzeithoch gipfelte. Doch auch dieses Mal kamen kleinere Altcoins kaum hinterher – und korrigieren erneut heftig, während der überhitzte Ethereum-Preis abkühlt.
Erst bluteten Altcoins gegen Bitcoin, jetzt bluten sie gegen Ethereum. Aber: Die Top-125 Altcoins waren im RSI das letzte Mal so unterbewertet wie jetzt, als die Altcoin-Season 2021 begann.
Jeder, der diese Achterbahnfahrt in den vergangenen Monaten mitgemacht hat und in jeder aufkeimenden Hoffnung sofort wieder enttäuscht wurde, beginnt irgendwann zu zweifeln. Fast alle Altcoins waren die letzten vier Jahre ein absoluter Reinfall. Erst konnten sie nicht annähernd mit Bitcoin Schritt halten – und jetzt machen die meisten nicht einmal die Ethereum-Rallye mit. Die letzten Hoffnungsschimmer scheinen sich langsam in Wohlgefallen aufzulösen. Ein allgemeiner Aufschwung im Altcoin-Sektor, wenn Ethereum endlich Stärke beweist? Fehlanzeige. Bisher zumindest.
Denn hinter der langweiligen Fassade präsentiert sich der Altcoin-Sektor so stark und resilient wie seit Jahren nicht mehr. Die Bitcoin-Dominanz scheint endlich nachhaltig zu fallen, die Ethereum-Bewertung des gesamten Altcoin-Sektors (vgl. Grafik oben) steuert einem möglichen Trendwende-Bereich entgegen, der 2021 zur Altcoin-Season führte. Und schließlich bewegen sich die Top-125 Altcoins (Total3) auf dem Monatschart kollektiv in einem aufsteigenden Dreieck (Ascending Triangle) – einem bullischen Muster, das in den meisten Fällen nach oben hin ausbricht. Als die Top-125 Altcoins im Jahr 2021 das Zyklushoch von 2017 überflügelten, stieg ihre kumulierte Marktkapitalisierung um beeindruckende 320 Prozent.
Die Marktkapitalisierung der Top-125 Altcoins schiebt sich immer näher an das Zyklushoch von 2021 heran. Der Ausbruch könnte fulminant werden – braucht aber seine Zeit.
Für viele Altcoins bedeutete dieser Anstieg eine Vervielfachung ihres Kurswerts – und das geschah erst, als Bitcoin schon lange auf neue Rekordstände gestürmt war. Auch, wenn die aktuelle Marktphase nervenzerrüttend und frustrierend ist – in früheren Zyklen verlief der Aufgalopp zur Altcoin-Season genauso. Erst dominierte Bitcoin weite Teile des Bullenmarktes, dann zeigte Ethereum Stärke und ließ den Rest der Altcoins hiner sich. Und erst zum Schluss floss das Kapital von BTC und ETH in kleinere Kryptos.
Frühere Altcoin-Seasons hatten ihre beinahe sagenhaften Anstiege dem Kapital zu verdanken, das Bitcoin und Ethereum zunächst angezogen hatten. Und das dauert nun mal seine Zeit. Je länger Bitcoin und Ethereum dominant bleiben, desto mehr Potenzial haben Altcoins danach. Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass die Altcoin-Season in diesem Zyklus so lange auf sich warten lässt. Wiederholt sich die Geschichte (was freilich nicht garantiert ist, deshalb ist dieser Text auch keine Anlageberatung), so ist jetzt nicht die Zeit, die Nerven wegzuschmeißen. Ein altes Sprichwort lautet: Die Nacht ist am dunkelsten vor dem Morgengrauen. Und das galt für Altcoins bisher ganz besonders.
Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Altcoins und der Altcoin-Season
Was sind Altcoins?
Als Altcoins bezeichnet man alle anderen (alternativen) Kryptowährungen abseits von Bitcoin. Ob Ethereum ein Altcoin ist oder in eine eigene Kategorie mit Bitcoin gehört, darüber scheiden sich die Geister. Abgesehen davon ist die Einteilung klar: Alle kleineren Kryptos sind Altcoins und durch höhere Volatilität gekennzeichnet. In bullischen Marktphasen versprechen sie höhere Gewinne, bei Korrekturen drohen deutlich größere Verluste als bei BTC und ETH.
Was ist eine Altcoin-Season?
Als Altcoin-Season oder -Saison bezeichnet man eine kurze Zeitspanne von wenigen Wochen oder Monaten, in denen kleine Kryptowährungen deutlich stärker ansteigen als Bitcoin. Für gewöhnlich geschieht das ganz zum Schluss eines Krypto-Bullruns, nachdem BTC die ersten 80 bis 90 Prozent des Zyklusses dominiert hat.
Welcher Altcoin ist der beste?
Ethereum (ETH) ist der unangefochtene Marktführer im Altcoin-Sektor, hat aber technische Schwächen wie etwa relativ langsame Transaktionen und hohe Nutzungskosten. Konkurrenten wie Solana oder Sui haben dort die Nase vorn, verfügen aber nicht über den Netzwerk-Effekt von ETH. Altcoins mit Nischen-Anwendungen wie Fetch.ai (Künstliche Intelligenz), Render (Krypto-Cloud-Dienste) oder Chainlink (Datenvermittlung) können für risikoaffine Anleger interessant sein (keine Anlageberatung!).
Welcher Altcoin hat Zukunft?
In seiner marktführenden Position hat Ethereum gute Karten, über die nächsten Jahre eine zentrale Rolle im Altcoin-Sektor zu spielen. Altcoins wie etwa Cardano, XRP oder Litecoin sind zwar schon lange dabei, müssen aber weiterhin fortschrittliche technische Lösungen anbieten, um relevant zu bleiben (Ähnliches gilt natürlich auch für ETH). Besonders kleinere Altcoins wie VeChain, Polygon oder Polkadot sind langfristig sehr riskante Investments. Ob sie in einigen Jahren noch eine wichtige Rolle spielen, ist kaum zu prognostizieren.




