Giuseppe Lavazza, Vizepräsident der gleichnamigen Kaffee-Marke, zeigte sich Anfang Juli entsetzt über die Teuerung beim wichtigsten Rohstoff seines Sektors: „Wir haben nie zuvor so einen Preisanstieg gesehen, wie wir ihn aktuell erleben”. Einen Grund hatte Lavazza auch gleich parat: „Die Lieferketten für Kaffee stehen unter dramatischem Druck”, warnte der Italiener gegenüber der britischen Tageszeitung Guardian. Nur logisch sei deshalb: „Die Kaffee-Preise werden vorerst nicht nachhaltig zurückgehen, sondern weiterhin sehr hoch bleiben“. Mitte Juli erreichte die Kaffeesorte Robusta, die etwa 30 bis 40 Prozent des weltweiten Kaffee-Anbaus ausmacht, ein neues Rekordhoch. Robusta teilt sich den globalen Kaffeemarkt mit der Sorte Arabica, die rund zwei Drittel des weltweit konsumierten Kaffees ausmacht. Arabica schoss dabei im letzten Monat auf ein Zweieinhalbjahres-Hoch. Verantwortlich sind dafür schlechte Ernte-Bedingungen in den wichtigen Anbauregionen Brasilien, Vietnam und Kolumbien, auch Lieferschwierigkeiten wegen des Nahost-Konflikts und der faktischen Sperrung des Suezkanals durch die jemenitischen Huthi-Milizen. Andere wichtige Agrarrohstoffe befinden sich derweil im Abwärtstrend: Die Preise für Zucker, Kakao und Weizen kühlten nach einer historischen Rallye im Frühling wieder ab. Das entspannt nicht nur den täglichen Lebensmittel-Einkauf, sondern auch die Inflation – und bietet Chancen für Anleger.
Kakao bricht ein – Schokolade trotzdem immer teurer?
Ein Königreich für ein Osterei: Im ersten Quartal lief der Markt für Agrarrohstoffe so heiß wie seit Jahren nicht mehr. In einem Interview bezeichnete ein hochrangiger Vertreter ghanaischer Kakaobauern den Rückgang der Produktion in seinem Land als „verstörend“. Auch die deutsche Commerzbank warnte damals: „Der Kakaomarkt dürfte dieses Jahr rekordverdächtige Angebotsknappheit erleben, die Vorräte fallen auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten!“ Über die letzten 20 Jahre schwankten die Preise in der Regel zwischen $2000 und $4000 pro Tonne Kakao – im März explodierte der Preis auf über $7000. Gleich mehrere international renommierte Süßwarenhersteller gerieten in finanzielle Bredouille. Mars etwa reduzierte die Standardgröße seiner Schokoriegel um zeitweise zehn Prozent, auch Milka-Hersteller Mondelez und der berühmte Schweizer Schokoladenkonzern Lindt & Sprüngli berichteten damals von finanziellen Engpässen. Die Situation scheint sich aktuell aber deutlich zu entspannen: Der Zuckerpreis, der im Frühjahr ebenfalls in rekordverdächtige Höhen marschierte, lag Anfang des Monates mehr als ein Drittel unter seinem Jahrestief und erreichte den niedrigsten Stand seit dem letzten Herbst. Und auch der Kakao korrigierte von seinem Hoch Ende April mittlerweile deutliche 40 Prozent.
Die Kakao-Rallye im Frühjahr wurde von großen Hedgefonds befeuert, die wegen schlechter Ernte-Aussichten in den ersten Monaten des Jahres auf steigende Preise an den Agrarbörsen setzten. Diese Strategie war bis ins zweite Quartal hinein äußerst erfolgreich, im April aber drehte der Wind: Während der Kakaopreis auf historische Rekordstände hechtete, verkleinerten wichtige institutionelle Investoren systematisch ihre Positionen und reduzierten ihre bullischen Wetten auf den Kakaopreis aufs niedrigste Niveau seit fast zwei Jahren. „Der Markt ist so überstrapaziert wie nie zuvor“, konstatierte Anfang April der Bloomberg-Analyst Mike McGlone und fügte hinzu: „Die nächsten Monate dürften extrem schmerzhaft werden“. Und so kam es dann auch. Laut Experten dürfte der Preiseinbruch beim Kakao aber nicht von langer Dauer sein. Unternehmen um Lindt und Mondelez decken sich aktuell mit verfügbaren Kakao-Beständen ein, deutlich steigende Preise für Schokolade werden in den kommenden Jahren erwartet. Eine zeitnahe Steigerung der unlängst noch stark verknappten Kakaoproduktion ist unwahrscheinlich. Kakaobäume brauchen Jahre, um zu wachsen und reich zu tragen. Hinzu kommen klimatische Probleme, schlechte Infrastruktur und unzureichender Schutz der Pflanzen vor Schädlingen in wichtigen afrikanischen Erzeugerstaaten.
Zucker-Rekorde und EU-Streitigkeiten um Kaffee
Turbulent ging es in den letzten Wochen auch bei anderen wichtigen Agrarrohstoffen zu. Nach einer starken Rallye im Januar ist auch der Zuckerpreis in den zurückliegenden Monaten um fast 30 Prozent gefallen. Auch hier sind die Prognosen aber nicht einstimmig. Der kurzfristige Verfall des Zuckerpreises ist hauptsächlich auf optimistische Prognosen über die Zuckerproduktion in Indien und Brasilien zurückzuführen. Der indische Wetterdienst meldete, dass die Niederschläge während der Monsunzeit deutlich über dem langjährigen Durchschnitt lagen, was auf eine reiche Zuckerernte hoffen lässt. Brasiliens Erntebehörde Conab prognostizierte, dass die heimische Zuckerproduktion in diesem Jahr auf einen Rekordwert von 46 Millionen Tonnen steigen wird, bedingt durch eine Zunahme der Anbaufläche. Weltweit soll die Produktion laut US-Landwirtschaftsministerium um etwa 1.4 Prozent auf rund 186 Millionen ansteigen, während der Konsum nur etwa um die Hälfte zunehmen und sich auf 178 Millionen Tonne belaufen dürfte. Dennoch rechnet die globale Zuckerorganisation für dieses Jahr mit einem globalen Defizit von 2.95 Millionen Tonnen und geht von einer höheren Nachfrage als die Behörden der Vereinigten Staaten aus. Ein Preistreiber für Zucker könnten klimabedingte Ernteausfälle in Thailand sein, wo rekordverdächtige Hitzewellen prognostiziert werden. Der wichtige Exporteur Indien will seine Verkäufe zudem beschränken, um die nationalen Reserven aufzubessern.
Klimatische Schwierigkeiten bekommt zusehends auch der Kaffee. Ähnlich wie beim Kakao ist die Infrastruktur auch bei Kakaobauern aus Afrika und Südamerika häufig unzureichend, Plantagen werden immer anfälliger für Schädlinge. Sowohl in Vietnam als auch in Brasilien blieben die letzten Ernten wegen anhaltender Unwetter schwächer als erwartet. Hinzu kommt für europäische Produzenten und Konsumenten, dass EU-Gesetze die Einfuhr von großen Kaffeebeständen bald stark beschränken dürften. Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte verlangt, dass Lebensmittel nicht von kürzlich abgeholzten Flächen stammen. So soll die nachhaltige Herstellung von Produkten gesichert werden, die in europäischen Geschäften zu kaufen sind. Ausgerechnet in der Elfenbeinküste und Ghana wurden in den letzten Jahrzehnten aber fast 90 Prozent der Waldflächen abgeholzt. Künftig müssen Kaffee-Konzerne in Europa nachweisen, dass für Ihre Produkte in den letzten vier Jahren kein Wald gerodet oder geschädigt wurde. Bei Missachtung drohen empfindliche Strafen. Die Europäische Union rechnet mit keinen Lieferschwierigkeiten wegen dieser Richtlinie, der Deutsche Kaffeeverband aber warnte schon im April: „Derzeit erfüllen nur etwa 20 Prozent der Kaffee-Farmer weltweit die Anforderungen“, daher drohe „eine Unterversorgung auf dem deutschen und europäischen Markt“.
Belasten China und Trump den Weizenmarkt?
Volatil war in den zurückliegenden Wochen auch der Preis für Weizen. Erst ging es von November 2023 bis Mitte März dieses Jahres um rund 20 Prozent bergab, dann stieg das Getreide plötzlich um gute 35 Prozent, nur um von Mitte Mai bis Ende Juli wieder rund 30 Prozent zu verlieren. Aktuell sind die globalen Weizenreserven rückläufig, rund ein Drittel der weltweiten Nachfrage können aktuell noch aus gelagerten Beständen versorgt werden. Als Scheidepunkt gilt ein Verhältnis zwischen Vorräten und Nachfrage von 20 Prozent. Fallen die Lagerbestände darunter, geht das häufig mit starken Nachfrage-Steigerungen einher. Unsicher ist auch die Rolle Chinas: Das Reich der Mitte besitzt mehr als die Hälfte aller weltweit verfügbaren Weizenreserven und könnte seine traditionell umfangreichen Käufe auf dem Weltmarkt und damit die globale Nachfrage reduzieren. Andererseits könnte ein möglicher Zollstreit mit den USA bei einer möglichen Wiederwahl Donald Trumps für verhärtete Fronten und erschwerten internationalen Handel sorgen, was wiederum die Preise treiben könnte. Die Situation bei den Agrarrohstoffen bleibt also undurchsichtig – die Preisrückgänge bei Weizen, Kakao und Zucker aber sind zumindest für die Lebensmittel-Inflation positiv, die in den Vereinigten Staaten und Europa zuletzt deutlich rückläufig war. Außerdem könnten Tiefstände der Preise in diesem wichtigen Sektor Möglichkeiten für Investitionen bieten. Prognosen für die Preisentwicklung bei Kakao, Kaffee, Zucker und Weizen erhalten Sie bei uns einzeln oder im Paket.


"So einen Preisanstieg wie aktuell haben wir noch nie erlebt": Giuseppe Lavazza sorgt sich wegen Kaffee-Knappheit um die Zukunft seiner Branche.
Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, will bei einer Wiederwahl Strafzölle gegen China verhängen. Das könnte auch den Agrarsektor treffen und den Welthandel schwächen.
