Die Hauptversammlung des deutschen Softwaregiganten SAP könnte bald eine wegweisende Entscheidung treffen. Als wertvollstes Unternehmen im DAX mit einer Marktkapitalisierung von rund 258.5€ Milliarden stößt SAP an die Kappungsgrenze des Index. Mit einem Anteil von über 15 Prozent am Gesamtwert aller 40 DAX-Konzerne wird SAP zu groß für den deutschen Leitindex. Vorstandschef Christian Klein steht nun vor der Herausforderung, die Zukunft des Unternehmens im DAX zu überdenken. Eine mögliche Lösung könnte für SAP – ähnlich wie bei Linde 2023 – ein Rückzug aus dem DAX sein und damit eine stärkere Fokussierung auf internationale Börsenplätze. Es wäre ein herber Schlag für den deutschen Finanzmarkt, seinen Technologie-Vorzeigekonzern zu verlieren.
Was macht SAP so wertvoll?
SAP SE ist Europas führender Softwarekonzern mit Hauptsitz in Walldorf, Deutschland. Das Unternehmen wurde 1972 gegründet und hat sich seit jeher von einem kleinen Softwareunternehmen zu einem weltweit führenden Anbieter von Unternehmensanwendungen entwickelt. Besonders spezialisiert hat sich der Softwareriese auf die Entwicklung von Unternehmenssoftware. SAP bietet Lösungen an, die Unternehmen dabei unterstützt, ihre Geschäftsprozesse zu optimieren und zu digitalisieren. Ihr Flaggschiff ist das Enterprise Resource Planning-System (kurz ERP-System): ein Softwaresystem, das alle Kernprozesse eines Unternehmens automatisiert, überwacht und somit Firmenprozesse optimiert.
Im dritten Quartal 2024 verzeichnete SAP einen Umsatz von 8.47€ Milliarden, was einem Anstieg von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern stieg um 27 Prozent auf 2.24€ Milliarden. SAP fokussiert sich verstärkt auf das Cloud-Geschäft, das im gleichen Zeitraum um 25 Prozent wuchs. Damit ist SAP mittlerweile ein Global Player, der mit Unternehmen wie Oracle und Microsoft auf Augenhöhe agiert.
Mit einer Marktkapitalisierung von rund 258.5€ Milliarden macht SAP nun jedoch über 15 Prozent des gesamten DAX-Wertes aus, was das Unternehmen an die Kappungsgrenze des Index bringt.
Die Kappungsgrenze: Schutz vor übermächtigen Playern
Der deutsche Leitindex DAX umfasst 40 der größten und umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands und hat SAP seit 1995 als festen Bestandteil integriert.
Auch aufgrund seiner Größe spielt SAP im DAX eine zentrale Rolle. Das Unternehmen macht mehr als 15 Prozent der Gewichtung im Index aus, was bedeutet, dass seine Kursentwicklung einen erheblichen Einfluss auf die Performance des gesamten Kursindexes hat. Durch die starke Marktposition von SAP und das konstante Wachstum in den letzten Jahrzehnten stellt sich jedoch die Frage, ob der Einfluss des Unternehmens nicht überproportional groß geworden ist.
Denn der Leitindex ist darauf ausgelegt, die Vielfalt und Breite der deutschen Wirtschaft widerzuspiegeln. Wenn jedoch eine Einzelaktie wie SAP mehr als 15 Prozent des gesamten Indexwertes ausmacht, ist das keine repräsentative Zahl mehr. Aus diesem Grund existiert die sogenannte Kappungsgrenze. Dies soll verhindern, dass ein einzelnes Unternehmen den gesamten DAX-Index zu stark beeinflusst.
Dass SAP den DAX dominiert, hat Vorteile für den Index – aber auch Schattenseiten. Positiv ist die Stabilität, die SAP aufgrund seines Geschäftsmodells mit sich bringt. Gerade in volatilen Marktphasen, in denen zyklische Unternehmen wie Automobilhersteller oder Banken unter Druck geraten, bleibt SAP eine verlässliche Stütze. Auch die mittlerweile internationale Positionierung des Unternehmens schützt es in Krisenzeiten und sichert stabile Renditen ab.
Sollte die SAP-Aktie jedoch stark abverkauft werden, könnte diese Volatilität signifikante Schwankungen im DAX verursachen, der insgesamt 40 verschieden gewichtete Werte abbildet. Dies würde wiederum zu Instabilität führen. Ein Analyst der Deutschen Bank erklärte hierzu: “Die Kappung ist notwendig, um den DAX stabil zu halten. Ohne diese Regel wäre die Volatilität deutlich höher, da SAP nun einen enormen Einfluss auf den Gesamtmarkt hat.“
Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und den DAX
Ein derart großes Unternehmen im DAX zu haben, hat signifikante Auswirkungen auf den Index und seine Wahrnehmung. Die starke Fokussierung auf SAP führt dazu, dass der DAX weniger diversifiziert ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. In einer idealen Welt sollte ein Leitindex eine breit gestreute Abbildung der nationalen Wirtschaft sein, doch SAPs Marktkapitalisierung stellt diese Balance in Frage. Bei SAP wird ebenfalls kritisiert, dass das Unternehmen nicht stark genug auf den Binnenmarkt fokussiere, sondern primär vom Ausland abhängig sei und zusätzlich, als Technologieunternehmen, sehr branchenspezifisch operiere.
Braucht der DAX eine Reform?
Langfristig stellt sich die Frage, ob der DAX in seiner jetzigen Form noch den Anforderungen eines modernen, diversifizierten Aktienmarkts entspricht. Eine Überlegung wäre, die Regeln zur Gewichtung von Einzelwerten zu lockern und anzupassen, um eine überproportionale Abhängigkeit von einem Unternehmen wie SAP zu verhindern.
Alternativ könnte SAP auch ein Kandidat für eine stärkere internationale Ausrichtung werden. Mit einem derartigen Wachstum und einer immer globaleren Geschäftstätigkeit stellt sich die Frage, ob SAP noch als klassisches deutsches Unternehmen betrachtet werden kann. Ein Listing an einer weiteren internationalen Börse – zum Beispiel der NASDAQ – könnte ein logischer Schritt sein, um die globale Bedeutung von SAP besser widerzuspiegeln.
Der S&P 500 hat im Gegensatz zum DAX keine feste Obergrenze für Einzelwerte. Der US-Leitindex setzt zwar keine feste Begrenzung für einzelne Aktien fest, wird jedoch regelmäßig überprüft, um sicherzustellen, dass die Gewichtung der größten Titel das Gleichgewicht des Index nicht zu stark verzerrt. Die Übergewichtung von Aktien spielt bei den ETF-Händlern eine wichtigere Rolle. Viermal jährlich (im März, Juni, September und Dezember) werden ETFs, die den gesamten S&P 500 abbilden, überprüft und bei Bedarf neu gewichtet. Bei diesem Rebalancing passen ETF-Manager und Indexverwalter die Gewichtung der enthaltenen Aktien an, um ein ausgewogenes Verhältnis sicherzustellen.
Dieses Rebalancing ist besonders wichtig für Produkte wie den gleichgewichteten S&P500-ETF, bei dem jede Aktie – unabhängig von ihrer Marktkapitalisierung – das gleiche Gewicht hat. Kleinere Titel werden in höherer Stückzahl gehalten, während größere Titel weniger stark vertreten sind, um das Gleichgewicht nicht zu stören. ETF-Manager reagieren flexibel auf Marktveränderungen und kaufen unterbewertete Aktien nach, während überbewertete Positionen reduziert werden. Diese quartalsweisen Anpassungen führen häufig zu erhöhter Volatilität, da größere Umschichtungen innerhalb einzelner Aktien stattfinden.
Das erwähnte Rebalancing betrifft also nicht den S&P500 direkt, sondern lediglich ETF-Produkte, die ihn abbilden. Der reguläre S&P 500 wird nur dann angepasst, wenn Unternehmen ein- oder ausgeschlossen werden oder Umstrukturierungen in einzelnen gelisteten Firmen stattfinden. Das bedeutet, dass der Indexverwalter, S&P Dow Jones Indices, Unternehmen im Index austauscht, wenn sie die Aufnahmekriterien nicht mehr erfüllen oder wenn neue, geeignete Unternehmen aufgenommen werden sollen. Diese Anpassungen können z. B. erfolgen, wenn ein Unternehmen fusioniert, insolvent wird, die Marktkapitalisierung so stark sinkt, dass es nicht mehr zu den 500 größten US-Unternehmen zählt oder wenn bestimmte Liquiditätsanforderungen nicht mehr erfüllt werden.




