Die US-Notenbank trifft sich am 28. und 29. Juli 2026 zur mit Spannung erwarteten FOMC-Sitzung. Während die Märkte noch vor einer Woche fest mit einem Zinshold rechneten, preisen Händler nun eine Wahrscheinlichkeit von 36 bis 38 Prozent für eine Zinserhöhung ein. Für den neuen Fed-Chef Kevin Warsh wird es die erste große Bewährungsprobe.
Die Ruhe an den Finanzmärkten ist trügerisch. Wenn das Federal Open Market Committee (FOMC) am Mittwoch, den 29. Juli, seine Zinsentscheidung verkündet, steht weit mehr auf dem Spiel als nur ein Viertelprozentpunkt. Es geht um die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh – und um die Frage, ob die Inflation wirklich besiegt ist.
Noch vor wenigen Wochen schien die Lage klar: Die Inflation kühlte sich ab, der Arbeitsmarkt zeigte erste Risse, und die Märkte rechneten fest mit einem anhaltenden Zinsplateau. Doch das Bild hat sich dramatisch gewandelt.
Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung verdoppelt sich
Ein Blick auf das CME FedWatch Tool, das die Erwartungen der Terminmärkte misst, zeigt einen bemerkenswerten Stimmungsumschwung. Zwischen dem 2. und 13. Juli sprang die vom Markt implizierte Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung am 29. Juli von 18 Prozent auf 36 Prozent. Aktuelle Daten zeigen, dass Händler die Chance auf einen Zinsschritt (Hike) auf 36 bis 38 Prozent beziffern.
Noch dramatischer ist der Blick auf den September: Für die übernächste Sitzung preisen die Märkte bereits eine Wahrscheinlichkeit von 82 Prozent für eine Zinserhöhung ein.
Trotz dieses rasanten Anstiegs geht die Mehrheit der Marktteilnehmer (rund 62 Prozent) weiterhin davon aus, dass die Fed den Leitzins in der aktuellen Spanne von 3.50 bis 3.75 Prozent belassen wird. Genau diese Diskrepanz macht die kommende Entscheidung so brisant: Ein Zinsschritt am Mittwoch wäre für die Mehrheit der Anleger ein Schock.
Warshs hawkishe Rhetorik
Der Hauptgrund für die gestiegene Nervosität ist Kevin Warsh selbst. In seinen jüngsten Auftritten vor dem US-Kongress schlug der neue Fed-Chef ungewohnt scharfe Töne an. Er betonte, dass das FOMC "keine Toleranz für anhaltend hohe Inflation" habe und kritisierte die Notenbank dafür, dass sie die Inflation fünf Jahre lang über dem Zielwert von zwei Prozent habe laufen lassen.
"Es mag einige geben, die auf die heutigen Daten schauen und sagen: 'Nun, Mission erfüllt, alles ist bestens.' Das ist nicht meine Ansicht", stellte Warsh unmissverständlich klar.
Diese "hawkishe" (falkenhafte, also auf Inflationsbekämpfung ausgerichtete) Rhetorik hat den Märkten signalisiert, dass Warsh bereit ist, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Zudem hat er deutlich gemacht, dass er wenig von Forward Guidance hält – also dem Versuch, die Märkte lange im Voraus auf Zinsschritte vorzubereiten. Das erhöht die Gefahr von Überraschungen.
Das Gegenargument: Ölpreise und Geopolitik
Doch Warsh steht vor einem Dilemma. Während seine Rhetorik und die hartnäckige Kerninflation für eine Zinserhöhung sprechen, liefern die jüngsten geopolitischen Entwicklungen Argumente für ein Stillhalten.
Die Ölpreise, ein zentraler Treiber der Inflation, sind zuletzt deutlich gefallen. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI rutschte um über acht Prozent ab. Auslöser war die Aussetzung der Kampfhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Ein anhaltender Waffenstillstand könnte den Inflationsdruck in den kommenden Monaten spürbar lindern – ein klassisches "dovishes" (taubenhaftes, also zinssenkendes) Signal.
Zudem drohen neue Zölle: Die von Präsident Donald Trump angekündigten globalen Zölle von 10 Prozent laufen aus, doch neue, gezielte Zölle (etwa 50 Prozent auf bestimmte kanadische Güter) stehen bevor. Dies könnte das Wirtschaftswachstum bremsen und die Fed zur Vorsicht mahnen.
Globale Kettenreaktionen: Der Blick nach Japan
Die Fed agiert nicht im luftleeren Raum. Wie fragil das globale Finanzsystem derzeit ist, zeigt ein Blick nach Asien. Am 31. Juli – nur zwei Tage nach der Fed – entscheidet die Bank of Japan (BoJ) über ihre Leitzinsen.
Wie wir heute früh in unserem Morning Briefing detailliert beleuchtet haben, könnte eine restriktivere Geldpolitik in Tokio globale Schockwellen auslösen. Ein stärkerer Yen bedroht den milliardenschweren Carrytrade, bei dem sich Investoren billige Yen leihen, um damit US-Tech-Aktien oder Kryptowährungen zu kaufen.
Sollte die Fed am Mittwoch überraschend die Zinsen erhöhen und die BoJ am Freitag nachziehen, droht ein doppelter Liquiditätsentzug, der hoch bewertete KI-Aktien und Krypto-Assets massiv unter Druck setzen könnte.
Eine historische Sitzung
Kevin Warsh steht vor seiner ersten großen Bewährungsprobe. Erhöht er die Zinsen, riskiert er einen Marktschock und den Zorn des Weißen Hauses, das lautstark Zinssenkungen fordert. Belässt er die Zinsen auf dem aktuellen Niveau, könnte er an Glaubwürdigkeit als Inflationsbekämpfer verlieren.
Für Anleger bedeutet dies: Der 29. Juli 2026 könnte einer der volatilsten Handelstage des Jahres werden. Wer sich in Sicherheit wiegt, könnte böse überrascht werden.


Zinshold oder Schock-Hike?


