Und plötzlich sang Vitalik Buterin. Er stand auf der Bühne, schlenkerte etwas unbeholfen mit den Armen, grinste schüchtern in die Kameras und trällerte ins Mikrofon: „Es ist mathematisch und verschlüsselt, trag dein Geld digital bei dir. Viel besser als alles, was wir bisher hatten. Ein neues Zeitalter des Wohlstands beginnt.“ Einen viralen Trend löste der Ethereum-Gründer damit nicht aus, Krypto-Twitter aber spielte das Video von seinem Auftritt auf der großen Blockchain-Messe Token2049 in Singapur tagelang rauf und runter. Dass Buterin mit seinem schiefen Ständchen für seine eigene Blockchain warb, war nicht schwer zu erraten – sein Auftritt am vergangenen Wochenende war auch eine Art Wiedergutmachungstour. In den Monaten zuvor war die Ethereum Foundation, die Stiftung hinter der Blockchain, in Erklärungsnot geraten. Von Jahresbeginn bis Mitte September verkaufte man fast 3500 ETH für fast $10 Millionen. Das ist nicht ungewöhnlich, sorgte in der Community angesichts des stetig fallenden ETH-Preises aber für Unmut. Auch den ETF-Start kann man wohl endgültig als Enttäuschung abhaken. Verliert Ethereum den Anschluss?
Ein ETF-Flop und viele ETH-Killer
„Ethereum ist tot!“ Diese Diagnose stellt der breite Kryptomarkt nicht zum ersten Mal. Auch in den vergangenen beiden Zyklen wurde Ethereum gleich mehrfach abgeschrieben – und kam jedes Mal umso stärker zurück. Trotz einer ganzen Reihe ambitionierter Ethereum-Killer, wie schon viele aufstrebende Blockchains verfrüht bezeichnet wurden. Dieses Mal aber ist es anders, da sind sich Vitalik Buterins Kritiker sicher. Während Solana, aktuell der heißeste Konkurrent auf den Thron der Smart-Contract-Plattformen, seinen Wert in diesem Bullenmarkt verzehnfachen konnte, dümpelt ETH nach einem kräftigen Frühling nahezu leblos durch preisliches Niemandsland rund um die $2000-Marke. Im Vergleich zum Jahresbeginn 2024 war Ethereum im Sommer wochenlang in den roten Zahlen, der erbitterte Widersacher Solana erreichte trotz seines vielerorts fragwürdigen Rufs in seiner ETH-Bewertung ein neues Allzeithoch. Einfach gesprochen bedeutet das: Solana war preislich noch nie so nah dran an Ethereum wie in den letzten Wochen. Die Sorgen um Ethereum wurden im Frühjahr so groß, dass sich sogar Solana-Gründer Anatloy Yakovenko dazu berufen fühlte, den Altcoin-Marktführer zu verteidigen. Auf Twitter schrieb Yakovenko Anfang Mai: „Ethereum wird es schaffen! Der Fortschritt wird langsam und schmerzhaft sein, aber so ist das Leben.“
Langsam und schmerzhaft. So fühlen sich auch Transaktionen auf der Ethereum-Blockchain gerne mal an. Während Solana theoretisch 50 000 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten könnte, kommt Ethereum gerade mal auf knapp 30. Zu Spitzenzeiten kostet ein Transfer auf der notorisch verstopften ETH-Blockchain schon mal mehrere $100. Dass man damit langfristig nicht konkurrenzfähig ist, merkte auch Vitalik Buterin. Auch deshalb konzentriert sich Ethereum nach mehreren Updates und der großen Umstellung auf Proof of Stake gerade primär auf die Fortentwicklung seiner Layer-2-Lösungen. Darunter fallen Anwendungen wie etwa Arbitrum, Optimism oder die Coinbase-Chain Base. Diese Skalierungslösungen laufen auf der Ethereum-Blockchain, führen Transaktionen aber an der Haupt-Chain vorbei und sparen dadurch Kosten. Das ist technisch zwar ein Fortschritt, Ethereum leidet derzeit aber nicht nur an seiner teils veralteten Technologie. Vielmehr geriet der lange kaum zu erschütternde Ruf als dominante Smart-Contract-Plattform und zweite große Krypto-Innovation nach Bitcoin ziemlich unter die Räder. Schuld daran war auch die ernüchternde Entwicklung der Ethereum-Spot-ETFs, die nach großem Hype und solidem Start im Juli fast nur noch rote Zahlen produzierten.
Drückt die Ethereum-Foundation den ETH-Preis?
Trotz des enttäuschenden ETF-Starts sieht sich Ethereum-Gründer Vitalik Buterin weiterhin als Botschafter einer großen technologischen Revolution, vor allem im Finanzsektor. Auch bei seinem Auftritt in Singapur ging es vor allem um Layer-2-Lösungen, deren Transaktionskosten nun „praktisch auf null“ gesunken seien, wie Buterin zufrieden feststellte. Am wichtigsten sei dabei laut Buterin, dass Arbitrum oder Optimism nicht ihre Sicherheit für Geschwindigkeit opfern würden – ein Dilemma, das Solana häufig vorgeworfen wird. Seitenhiebe auf die Konkurrenz verteilte der Ethereum-Gründer in Singapur nicht, vielmehr rief er dazu auf, gemeinsam an praktischen Lösungen für die alltägliche Anwendung von Blockchain-Technologie zu arbeiten, ohne dabei das geteilte Ideal der Unabhängigkeit von zentralen Organisationen aufs Spiel zu setzen: „Wir müssen die Anforderungen von Mainstream-Adoption erfüllen und uns gleichzeitig an unsere Ziele der Dezentralisierung und offenen Zugänglichkeit halten“, drängte Buterin in seiner Rede. Die besten Chancen dafür sieht er im Finanzsektor: „Wir konkurrieren hier mit Banken, die fünf Tage brauchen, um etwas auf die Reihe zu bekommen.“ Da arbeite man als Blockchain weitaus schneller und effizienter.
Ausgerechnet Buterins Lieblings-Narrativ wurde von der Ethereum-Community zuletzt aber vehement in Zweifel gezogen. Schuld daran sind die kontinuierlichen ETH-Verkäufe der Ethereum-Foundation, die sich im aktuellen Jahr auf rund $10 Millionen oder etwa 3500 ETH-Token belaufen. Besonders auf Twitter warfen viele enttäuschte Investoren der Stiftung vor, sich auf Kosten der Anleger zu bereichern und den Preis zu drücken. Das hörte sich für viele ETH-Fans, die noch an der ETF-Enttäuschung knabberten, im ersten Moment plausibel an. Auf den zweiten Blick aber entbehrt dieser Vorwurf jeglicher Grundlage. Zwar ist es richtig, dass die Ethereum-Foundation in den letzten Wochen große Verkäufe tätigte – das ist aber nicht ungewöhnlich. Seit Januar 2021 hat die Stiftung fast eine Viertelmillion ETH im Gesamtwert von fast $700 Millionen verkauft – pro Jahr also deutlich mehr als $100 Millionen in ETH-Token. Die Einnahmen aus diesen Verkäufen helfen der Organisation, ihre Kosten zu decken und die Entwicklung der Blockchain voranzutreiben. Noch im Jahr 2015 besaß die Haupt-Wallet der Foundation rund zwölf Millionen ETH-Token, heute sind es noch rund 275 000.
Ist Ethereum tot?
Dass der Ethereum-Preis seit Monaten kaum vom Fleck kommt, liegt also nicht primär an den Verkäufen der Ethereum Foundation, sondern vielmehr daran, dass Anleger die Zukunftsfähigkeit der Blockchain – vor allem im Vergleich mit ambitionierten Kontrahenten wie etwa Solana – anzweifeln. Dass wegen der hohen Marktkapitalisierung von Ethereum starke Preisbewegungen deutlich mehr Kapital erfordern als etwa bei Solana, blenden viele aus. Der scheinbar naheliegende Schluss: Ethereum hat in seinem Wachstum an Dynamik verloren, der Vorsprung auf Solana und Co. schmilzt. Betrachtet man die wichtigste Kennzahl, um die Relevanz einer Blockchain zu ermitteln, steht Ethereum aber kerngesund da – und übertrumpft den übrigen Kryptomarkt um Längen: Seit April steigerte sich laut der Analyseplattform Santiment die Entwickler-Aktivität auf Ethereum um gute 20 Prozent auf aktuell 6472 relevante Interaktionen wichtiger Programmierer. Solana schaffte im selben Zeitraum gerade mal rund zehn Prozent und steht bei weniger als 1100 Entwickler-Operationen. Deutlich besser lief es übrigens für Polkadot, wo sich die Entwickler-Aktivität um 30 Prozent auf aktuell 1320 relevante Interaktionen steigerte.
Ob es die Marktkapitalisierung oder die Entwickler-Aktivität ist: In den meisten relevanten Kategorien ist Ethereum der Konkurrenz um Meilen voraus. Nur der Preis will noch nicht so richtig nachziehen. Auch das sollte aber kaum verwundern, wenn man mit der Saisonalität der ETH-Preisentwicklung vertraut ist. Während der Bitcoin seine stärkste Jahreszeit für gewöhnlich im vierten Quartal hat, erwacht Ethereum in der Regel erst deutlich später aus dem Winterschlaf. Schwache Sommer- und Herbstmonate waren in der Vergangenheit sowohl für BTC als auch für ETH keine Seltenheit, sondern eher die Norm. Für den Bitcoin ging es dann im Oktober und November steil aufwärts, während Ethereum im Durchschnitt der letzten Jahre in diesen Monaten deutlich schwächer performte. Ethereum überflügelte den Bitcoin meistens nach Jahreswechsel, die Mittelwerte der letzten Jahre liegen von Januar bis Mai zwischen 20 und 30 Prozent, während der Bitcoin in einem durchschnittlichen Frühjahr zumeist deutlich unter zehn Prozent pro Monat wächst. Ethereums aktuell größtes Problem, nämlich die Preisentwicklung, könnte sich also schon bald lösen. Technisch gesehen ist Ethereum nämlich alles andere als tot. Demnächst dürfte auch der Preis nachziehen und die notorischen ETH-Zweifler ein weiteres Mal Lügen strafen.


Im Wochenschnitt waren die ETF-Zuflüsse bei Ethereum lange negativ, gemeinsam mit den Bitcoin-ETFs ging es zuletzt aber wieder aufwärts.
Seit 2017 hat die Ethereum-Foundation laut Arkham fast eine Million ETH verkauft. Anfang 2021 hielt die Haupt-Wallet rund 500 000 ETH, aktuell sind es rund 275 000.
Traditionell performt Bitcoin im 4. Quartal am besten. Ethereum erwacht meist nach Jahreswechsel aus dem Winterschlaf, überflügelt den Bitcoin dann aber deutlich.

