Am 16. August machte die Bayer-Aktie einen Tagessprung, wie sie ihn schon seit vielen Jahren nicht mehr erleben durfte, um rund 14 Prozent schoss das Wertpapier innerhalb weniger Stunden nach oben. So bekam der Konzern durchaus überraschend „Schützenhilfe“ aus Philadelphia, wo ein Berufungsgericht die Klage eines Gartenbauers zurückgewiesen hat. Dieser hatte den Konzern beschuldigt, dass er durch die Nutzung des Unkrautvernichters Glyphosat – auch unter den Handelsnamen Roundup bekannt – am Non-Hodgkin-Lymphom erkrankte, einer speziellen Form von Lymphdrüsenkrebs. Der Kläger verwies darauf, dass auf der Verpackung des Herbizids ein Warnhinweis vor einer möglichen Krebserkrankung hätte angebracht sein müssen. Dies war auch der Hauptgegenstand vieler vorheriger Klagen, die sich Bayer mit der Monsanto-Übernahme ins Haus holte...
Seitdem der inzwischen stark gebeutelte Konzern aus Leverkusen den amerikanischen Agrarchemiekonzern Monsanto übernommen hat, fiel der Aktienwert des Unternehmens um knapp 75 Prozent. Um die Höchststände aus dem Jahr 2015 wieder zurückzuerlangen, müsste Bayer von jetzt an um über 400 Prozent zulegen. Die derzeitige Marktkapitalisierung des deutschen Chemieriesen beträgt rund 28.5€ Milliarden, ungefähr das Doppelte hatte Bayer noch vor einigen Jahren für den Kauf von Monsanto auf den Tisch gelegt.
Als Impulsgeber für die Übernahme von Monsanto gilt der frühere Vorstandsvorsitzende Werner Baumann (2016 – 2023), der den Kauf schon als Finanzvorstand angestrebt haben soll. Der damalige Vorstandsvorsitzende und Vorgänger von Baumann, Marijn Dekkers (2010 – 2016), soll aber eine geplante Übernahme abgelehnt und schließlich sogar deshalb das Unternehmen vorzeitig verlassen haben. Somit hatte Baumann, der zum 1. Mai 2016 den Vorstandsvorsitz übernahm, freie Bahn. Wenige Wochen später verkündete Bayer, Monsanto für $122 je Aktie kaufen zu wollen, was gut ein Drittel über dem damaligen Schlusskurs von Monsanto lag. Allerdings hatte Monsanto dieses Angebot noch abgelehnt, weil es der Konzernspitze zu wenig war. Schließlich fanden beide Parteien bei $128 eine Einigung und so wurde mit $63 Milliarden die bisher teuerste Übernahme eingeleitet, die sich je ein deutsches Unternehmen geleistet hat. Im September 2016 wurde das Fusionsabkommen unterzeichnet, aber es dauerte noch gut zwei Jahre, bis Bayer die Integration von Monsanto angehen konnte, da noch behördliche Genehmigungen ausstanden und zuvor kartellrechtliche Fragen geklärt werden mussten. Im August 2018 bekam Bayer erstmals vollumfänglichen Einblick in die Bücher von Monsanto und die Hochzeitsglocken dürften auf der Stelle verstummt sein. Wenige Wochen später, im Quartalsbericht vom 5. September, zählte Bayer bereits 8700 zugestellte Glyphosat-Klagen, Stand heute sind es über 170 000. Bei der Hauptversammlung im April 2019 wurde Baumann die Entlastung verweigert, was zwar weder formale noch rechtliche Konsequenzen nach sich zog, aber er war somit der erste Vorstandschef eines DAX-Unternehmens, dem die Aktionäre das Vertrauen abgesprochen haben.
Aus rein strategischer Sicht gesehen war eine Übernahme von Monsanto durchaus sinnvoll. Schließlich war das Unternehmen bereits Marktführer in der Saatgutindustrie, speziell im Bereich gentechnisch verändertem Saatgut, und hatte in der Rubrik Pflanzenschutzmittel ein breit aufgestelltes Produktportfolio. Auch Bayer vertrieb Pflanzenschutzmittel und sah wohl die einmalige Chance, eine dominante Position im Agrarsektor zu erlangen. So hätte das Aktienunternehmen durch Synergien und dem global steigendem Bedürfnis nach Lebensmitteln Milliarden von Dollar erwirtschaften können. Was ohne die Glyphosatklagen auch wahrscheinlich gewesen wäre.
Bereits im März 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation, Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein und stützte sich dabei auf Studien, die zeigten, dass es Hinweise auf eine Verbindung zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphomen bei Menschen sowie auf eine krebserregende Wirkung bei Tieren gibt. Kurze Zeit später begann sich der damalige Firmenchef von Monsanto Hugh Grant nach Übernahmeobjekten umzusehen. Ahnte er vielleicht etwas? Bei dem damaligen Schweizer Unternehmen Syngenta soll er jedenfalls mehrere Male abgeblitzt sein und auch Gespräche mit der BASF, Koch Industries und Sinochem sollen erfolglos geblieben sein. Baumanns Vorgänger Marijn Dekker hatte seiner Zeit nicht umsonst ein Übernahmeversuch abgelehnt. Denn wie erwähnt, war Glyphosat schon zu diesem Zeitpunkt zumindest umstritten und Monsanto bereits in zahlreiche rechtliche Auseinandersetzungen verstrickt. Das Potenzial finanzieller und reputationsbezogener Risiken durch eine Übernahme von Monsanto hatte Dekkers im Gegensatz zu seinem Nachfolger Baumann richtig eingeschätzt. Zudem fokussierte sich Dekker während seiner Amtszeit darauf, das Unternehmen stärker in den Bereichen Pharmazeutika und Life Sciences zu positionieren, anstatt das Risiko einzugehen, in den hochregulierten und kontroversen Agrarmarkt zu investieren.
Warum wurde dennoch mit Hochdruck eine Übernahme seitens Bayer angestrebt und auch noch mehr als ein Drittel des damaligen Marktwertes bezahlt, anstatt abzuwarten, wie sich die laufenden Klagen entwickeln? Welche Dynamiken durch solche Art Klagen ausgelöst und welch horrende Summen durch amerikanische Gerichte ausgesprochen werden können, war auch schon zu diesem Zeitpunkt kein Geheimnis. Monsanto-Chef Grant hatte das Unternehmen übrigens direkt nach erfolgter Übernahme verlassen, er schien wohl die Auswirkungen drohender Klagewellen vorausgesehen zu haben. Hatte der Bayer-Vorstand in Bezug auf Monsanto wirklich nur Dollarzeichen in den Augen oder hat man die rechtlichen Risiken schlicht unter- respektive die langfristige Perspektive überschätzt? Oder wurde Bayer schlicht über den Tisch gezogen? Es könnte sich alles auch ganz anders zugetragen haben – hierüber lässt sich aber lediglich spekulieren…




