Viele Menschen glauben, dass einmal erlangter, extremer Reichtum auf ewig erhalten bleibt. Und dass die Nachfahren jener Familien, in denen solch ein Reichtum aufgebaut wurde, niemals wieder in finanzielle Not kommen werden. Das ist aber falsch. Ein über Generationen hinweg erhaltender Superreichtum ist eher eine seltene Ausnahme als die Regel. Die wenigen (ehemals) superreichen Familien sind heute weit vom ursprünglichen Vermögen entfernt, das ihre Gründerväter einst aufgebaut hatten. Betrachtet man die Geschichte, so zeigt sich, dass für diesen finanziellen Niedergang lediglich eine Handvoll immer wiederkehrender Gründe vorliegen.
Ein Blick nach Florenz
Wer schon einmal die Stadt am Arno besucht hat, wird kaum umhingekommen sein, die großen Stadtpaläste zu bewundern, die einst vom Florentiner Geldadel errichtet wurden. Da wären zum Beispiel der Pallazo Pitti, der Pallazo Strozzi und der Palazzo Bardi, die nach den Familiennamen der einstigen Erbauer benannt sind oder der Pallazo Vecchio, der der sagenumwobenen Familie Medici gehörte. Auch die Familie Acciaiuoli und die Peruzzi waren bekannt für ihren immensen wirtschaftlichen Erfolg und Vermögen.
Die unterschiedlichsten Händler- und Bankiersfamilien prägten und beeinflussten über Jahrhunderte hinweg die Renaissancestadt, die ohne die finanzkräftigen Mäzene heute ein in vielerlei Hinsicht wohl anderes Stadtbild aufweisen würde. Der Glanz der einstigen Superreichen ist jedoch längst erloschen und der vormals Respekt und Achtung einflößende Klang ihrer Familiennamen verstummt. Zurückgeblieben sind lediglich Bau- und Kulturdenkmäler, die von staatlichen Stellen oder privaten Stiftungen betrieben werden.
Die Vanderbilts: Ein warnendes Beispiel
Man muss aber gar nicht erst so weit in die Vergangenheit zurückgehen. Die Vanderbilt-Familie dient als Paradebeispiel für einen rapiden Vermögensverlust. Cornelius Vanderbilt, der im 19. Jahrhundert ein Vermögen von etwa 100 Millionen US-Dollar (inflationsbereinigt nach heutigen Maßstäben etwa zwei Milliarden US-Dollar) durch Eisenbahnen und Schifffahrt aufbaute, legte den Grundstein. Sein Sohn William Henry verdoppelte dieses Vermögen sogar noch, doch die dritte und vierte Generation verprasste es durch extravagante Ausgaben für luxuriöse Anwesen, aufwendige Feste und fehlende finanzielle Disziplin. So ergeben sich die ersten drei schweren Sündenfälle, wenn es um den Erhalt enormer Familienvermögen geht:
1. Extravagante Lebensstile
In modernen Gesellschaften hat sich die Einstellung zum Reichtum gewandelt. Während frühere Generationen Vermögen als kollektives Familiengut betrachteten und entsprechend pflegten, sehen viele Nachkommen heute den ererbten Reichtum als individuelles Kapital an, das sie ohne Verpflichtungen zum Erhalt frei ausgeben können. Dahinter steckt ein spannendes psychologisches Phänomen, das wir in einem Artikel über Wirtschaftspsychologie beleuchtet haben.
All diese Geschichten haben das verbreitete Sprichwort geprägt: Von Hemd zu Hemd in drei Generationen. Was auch ein Stück weit nachvollziehbar ist, denn die erste Generation ist jene, die mit dem notwendigen Gespür, der Ausdauer und dem Ehrgeiz ausgestattet sein muss, um ein finanzielles Imperium aufbauen zu können. Die zweite hat diesen Aufstieg in aller Regel noch miterleben können, kennt unter Umständen sogar noch die Zeiten des Verzichts und hat somit noch ein lebendiges Leitbild vor Augen.
Dadurch kann der erforderliche Antrieb weitergegeben werden und zusätzlich kann sich so auch ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem bisher Erreichten entwickeln. Not kennt spätestens die dritte Generation nur noch vom Hörensagen. Wer aber sein Leben lang von grenzenlosem Luxus und Überfluss umgeben ist, wird nur schwer das Verständnis dafür ausbilden können, dass Geld kein einfach so nachwachsender Rohstoff ist.
2. Mangelnde finanzielle Bildung
Die Erben sind oft nicht ausreichend auf die Vermögensverwaltung vorbereitet. Häufig fehlt es ihnen am gebotenen Pflichtgefühl. Vor allem aber das unternehmerische Geschick scheint von Generation zu Generation deutlich nachzulassen, was nicht selten dazu führt, dass in unrentable oder risikoreiche Projekte investiert wird. Ebenso fehlt oft die strategische Weitsicht und die für Erfolg unverzichtbare Vorstellungskraft. Speziell für disruptive Veränderungen und Fortschrittsprozesse, die zuhauf die neuesten Unternehmens- und Investitionsmöglichkeiten anzeigen.
3. Fragmentierung durch Erbteilung
Große Vermögen werden auch unter zahlreichen Nachkommen aufgeteilt, was den individuellen Reichtum schmälert und zu einer Zersplitterung des Vermögens führt. Dies war besonders bei europäischen Adelsgeschlechtern ein Problem, wo wiederkehrende Erbteilungen das Vermögen über Generationen hinweg auf immer kleinere Anteile verteilten. Um dies zu verhindern, entwickelte sich in vielen Kulturen die Praxis der Primogenitur, bei der der Erstgeborene das gesamte Erbe erhielt und alle Nachfolgenden eine Apanage.
Diese Regel sollte sicherstellen, dass das Familienvermögen ungeteilt und die Machtbasis der Familie, oft verbunden mit Landbesitz, erhalten blieb. Wächst das Vermögen aber langsamer als die Reproduktion der Familie, wird der Reichtum folglich bei jeder Staffelübergabe kleiner werden, zumal Reichtümer auch verpflichten. Beispielsweise müssen große Familienanwesen gepflegt und unterhalten werden. Die dadurch entstehenden Kosten entwickeln sich nicht selten für die Nachkommenschaft zu einem finanziellen Klotz am Bein, davon zeugt auch eine Unmenge von verfallenen Schlössern und Villen.
Weitere Gründe für den Vermögensverlust:
Steuerpolitik, Spekulationsgeschäfte und externe Schocks: Neben einer Vielzahl alltäglicher Steuern, reduzieren auch die Erbschaftssteuern – wie sie in vielen Ländern im 20. Jahrhundert eingeführt wurden – das Vermögen erheblich. Dies war auch ein Faktor, den die Vanderbilts erleben mussten.
Eine weitere Gefahr sind Kreditausfälle – die auch einige der florentinischen Bankiersfamilien in den Ruin stürzten –, ebenso wie Unternehmenspleiten und risikoreiche Spekulationsgeschäfte. Als eines der jüngsten Beispiele könnte man hier den österreichischen Immobilienmagnaten René Benko anführen. Aber auch der Inder Gautam Adani galt 2022 noch als reichster Mensch Asiens, verlor aufgrund von Spekulationen aber rund zwei Drittel seines Vermögens, obgleich der Rest immer noch gewaltig ist.
2012 war Eike Batista mit einem Vermögen von rund 30 Milliarden Dollar noch der reichste Mann Brasiliens, verzockte aber durch die Krise von 2012 bis 2013 nahezu alles, was er hatte. Seine hochspekulativen und überhebelten Investitionen in Öl- und Bergbauprojekte basierten auf überoptimistischen Prognosen und scheiterten an der globalen Rohstoffkrise. 2013 meldete Batista Insolvenz an.
Auch jede größere Finanzkrise löscht über Nacht kaum vorstellbare Vermögen aus, ebenso wie Kriege, Vertreibungen, Enteignungen und Revolutionen. Solche Ereignisse können ebenfalls äußerst schnell sehr große Vermögen auslöschen. Beispielsweise verloren viele europäische Adelsfamilien im 20. Jahrhundert durch die Weltkriege, durch sozialistische Reformen und durch die Ziehung neuer Landesgrenzen ihren Besitz oder wurden schlichtweg enteignet.
Fazit: Auch Reichtum unterliegt dem Wandel von Aufstieg und Niedergang
Kaum jemand kennt heute noch die Namen der einstigen Industrie- und Medienmagnaten wie die Amerikaner Edward Harriman, Jay Gould, Joseph Pulitzer (nach dem der bekannte Journalistenpreis benannt ist) oder die Familie Astor, die einst das Waldorf Astoria aufbauten. Einige ihrer Nachkommen sind zwar heute noch wohlhabend, aber weit davon entfernt, superreich zu sein, obwohl sie nach damaligen Maßstäben mit den Zuckerbergs, den Gates, den Musks und den Bezos von heute hätten mithalten können.
Wie sich das Vermögen von Elon Musk auf seine mehr als ein Dutzend Kinder aufteilen wird, ist zwar nicht bekannt, dürfte aber nicht die Zeit in seiner aktuellen Dimension überdauern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass unsere Enkelkinder zwar die erwähnten Namen einmal gehört haben werden, die heute noch für ultimativen Reichtum stehen, diese aber Stück für Stück in Vergessenheit geraten. Dafür werden neue Namen aus dem Nichts auftauchen und die nächsten Superlative hervorbringen, die dann ihrerseits als Synonym für grenzenlosen Reichtum stehen werden. Denn auch exorbitanter Reichtum ist am Ende den Zyklen der Zeit, des Werdens und Vergehens, unterworfen.





