Chinas Wirtschaft wächst – und kämpft mit Widrigkeiten
#Global Markets

Chinas Wirtschaft wächst – und kämpft mit Widrigkeiten

Author

Simeon Koch

Die chinesische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 5.2 Prozent gewachsen – das teilte die chinesische Staatsführung am Mittwoch mit. Im Vorfeld hatte der chinesische Premierminister Li Qiang die Daten bereits auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert, die nationale Statistikbehörde sprach von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um rund 16€ Billionen. Zwar liegt man damit ein Stück über dem Wachstumsziel der eigenen Regierung, die vergangenes Jahr eine Vorgabe von „rund fünf Prozent“ ausgelobt hatte, trotzdem bedeuten die aktuellen Zahlen eine der schwächsten Entwicklungen des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit mehr als 30 Jahren. Grund für die Konjunktursorgen sind ein kriselnder Immobilienmarkt, der als wichtiger Investmentzweig den Binnenkonsum mit nach unten drückt. Erst kürzlich kündigte Präsident Xi Jinping ein umfangreiches Subventionspaket für die Immobilienbranche an, weitere Finanzspritzen in Milliardenhöhe sollen zudem die Wirtschaft erhöhen. Dabei hat China noch ein ganz anderes Problem. Und zwar ein demografisches...

Regierungschef Li Qiang wirbt um Vertrauen

„China ist ein Land, dem vertraut werden kann“, beteuerte Li Qiang in seiner gut halbstündigen Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Gerichtet war dieses Bekenntnis vor allem in Richtung der Vereinigten Staaten, die Chinas Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz durch Handelsbeschränkungen für Computerchips boykottieren und die exportgetriebene chinesische Wirtschaft in den vergangenen Jahren mit Schutzzöllen unter Druck setzten. Aber auch die Konfrontation mit der Europäischen Union hat das rasante ökonomische Wachstum der vergangenen Jahre eingebremst. Erst kürzlich warf Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen der Volksrepublik vor, den europäischen Markt mit staatlich subventionierten Elektroautos zu „überschwemmen und klagte über schlechten Marktzugang für europäische Unternehmen, weil chinesische Konkurrenz im eigenen Land bevorzugt werde. Künftig werde die EU sich nicht scheuen, Maßnahmen zum Schutz des eigenen Marktes einzusetzen, hatte von der Leyen damals gedroht.

China halte wenig von Protektionismus, machte Li Qiang bei der Gelegenheit in Davos auch gleich deutlich. Die Volksrepublik sei ein Land, das „seinen Worten Taten folgen lässt“ und als „standhafter Unterstützer des Multilateralismus“ vor allem „seinen internationalen Verpflichtungen“ nachkomme. Die unmittelbaren Herausforderungen für das Reich der Mitte sind aber eher innenpolitischer Natur. Zwar übertraf das Wachstum dieses Jahr mit gut fünf Prozent die schwache Zuwachsrate von gerade mal zwei Prozent des von Penkings Null-Corona-Politik gebeutelten Jahres 2022. In den 2010er Jahren lagen die chinesischen Expansionswerte allerdings konstant zwischen sechs und sieben Prozent jährlich. Zwischen dem dritten und vierten Quartal 2023 konnte die Wirtschaftsleistung gar nur um ein Prozent gesteigert werden. „Was China letztes Jahr gesehen hat, war wohl die enttäuschendste post-Corona-Erholung, die man sich hätte vorstellen können“, sagte der Shehzad Qazi, Geschäftsführer von China Beige Book, einer Beratungsfirma, deren Kerngebiet die chinesische Wirtschaft ist – „ein echter Aufschwung im kommenden Jahr braucht entweder eine überraschend große globale Aufwärtsbewegung oder stärkere Unterstützung durch die Regierung“.

$140 Milliarden für die chinesische Wirtschaft

Auch deshalb steige der Druck auf der chinesischen Staatsführung, die nationale Wirtschaft durch stimulierende Maßnahmen wieder auf Touren zu bringen und den Binnenkonsum anzukurbeln, wie japanische Medien einschätzen. Das kürzlich von Xi Jinping gegebene Versprechen, als Volkswirtschaft auch weiterhin stark und nachhaltig zu wachsen, will man nun mit der Ausgabe spezieller staatlicher Anleihen vorantreiben, die knapp $140 Milliarden für Subventionsmaßnahmen in die staatlichen Kassen spülen sollen. Dabei handelt es sich um das erst vierte Finanzpaket dieser Dimension in den vergangenen 26 Jahren. Mit den ultralangen Staatsanleihen sollen Projekte in der Lebensmittel- und Energiebranche finanziert, Lieferketten ausgebaut und die Urbanisierung vorangetrieben werden. Unterdessen hob Präsident Xi Jinping am Dienstag die gesunde Entwicklung des chinesischen Finanzsektors hervor und versprach, ein modernes System mit chinesischem Profil zu schaffen. Die konjunkturellen Herausforderungen gehen dabei allerdings über rein finanzielle Kennzahlen hinaus.

Wie das Statistikamt der Regierung mitteilte, ist Chinas Bevölkerung im vergangenen Jahr um rund zwei Millionen Menschen gesunken, zum zweiten Mal infolge. 2022 war die Bevölkerungszahl erstmals seit 60 Jahren rückläufig. Die Zahl der jährlichen Geburten sinkt seit sieben Jahren, laut Schätzungen wurden 2023 halb so viele Babys geboren wie noch 2016. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Sterbefälle. Die Vereinten Nationen rechnen vor, dass das ehemals bevölkerungsreichste Land der Welt im letzten Jahr von Indien überholt worden sei. Weil die alternde Bevölkerung das Wirtschaftswachstum gefährdet, wurde vor einigen Jahren die Ein-Kind-Politik aufgehoben, seit 2021 “erlaubt” die Regierung gar ein drittes Kind pro Elternpaar. Zu hohe Kosten für Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung drücken die Fertilitätsrate laut Experten trotzdem. In den letzten Monaten fielen die großen Indizes des Landes nicht nur hinter die Kennzahlen des nordamerikanischen Marktes, sondern auch unter die kumulierten Wachstumsraten der Schwellenländer im MSCI World-Index zurück. Trotzdem will die Staatsführung keine überhasteten Maßnahmen ergreifen.

„Chinas Markt ist eine Chance!“

Zumindest stiegen im Dezember die Einzelhandelsumsätze – ein wichtiger Indikator für den Binnenkonsum – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7.4 Prozent, blieben damit aber unter den von Analysten prognostizierten acht Prozent. Die Erwartungen knapp übertreffen konnte die Industrieproduktion (+6.8 Prozent), Experten hatten mit 6.6 Prozent gerechnet. Die Exporte hingegen schrumpften um 4.6, die Importe um 5.5 Prozent. Auch deshalb buhlte Premierminister Li Qiang beim Weltwirtschaftsforum in Davos um ausländische Investoren. Für das aktuelle Wachstum habe man weder Langzeitrisiken in Kauf genommen noch „massive Anreize“ benötigt. Mit 400 000 Hightech-Unternehmen sei China immerhin für 30 Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich: „Chinas Markt zu wählen, ist kein Risiko, sondern eine Chance“. Mit der chinesischen Wirtschaft sei es wie mit den Alpen: Man müsse ein paar Schritte zurückgehen, um zu erkennen, wie großartig sie wirklich sei. Wie schnell und nachhaltig die vielfältigen Regierungsmaßnahmen dem chinesischen Markt helfen, der nach wie vor als einer der größten Wachstumskandidaten für die kommenden Jahre gilt, bleibt abzuwarten. Derweil können Sie sich mithilfe unserer Produkte – dem Hang Seng-Index und dem China Titans-Paket – bereits jetzt im Hinblick auf die zukünftig zu erwartenden Anstiege positionieren.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.