Sie wussten es. Und zwar schon lange. So lange, dass man den aktuellen Crash hätte vermeiden können. Zu spät ist es in China aber noch nicht. Denn um das Ruder herumzureißen, hat die Regierung noch Zeit. Und eine Menge an verfügbarem Geld, von dem andere Staaten und die internationale Konkurrenz nur träumen kann. Geld ist aber nicht alles, und genau das weiß die chinesische Führung schon lang. Und sie weiß auch, was das eigentliche Problem ist. Nämlich das Vertrauen internationaler Investoren in den eigenen Markt. Nicht von ungefähr beteuerte der chinesische Premierminister Li Qiang auf dem World Economic Forum in Davos: „China ist ein Land, dem vertraut werden kann“. Das war Mitte Januar. Seitdem ging es am chinesischen Markt rapide bergab, die Ankündigung milliardenschwerer Hilfspakete, um die Wirtschaft zu stimulieren, liefen erstmal ins Leere. Trotz der teils starken Anstiege in den letzten Tagen hält die Angst im gebeutelten Aktienmarkt an. Was wie das Ende des chinesischen Aufstiegs aussieht, sollte wohl eher als langfristige, womöglich einmalige Chance verstanden werden – und wir erklären, warum.
China-Chaos als ultimatives Sprungbrett?
In China geht es gerade drunter und drüber. Erst setzte der E-Auto-Hersteller BYD ein weltweites Ausrufezeichen, indem er Tesla die Krone als Branchenprimus streitig machte. Dann klappte die große Schattenbank Zhongzhi Capital zusammen und brachte eine ganze Branche zwielichtiger Finanzunternehmen ins Wanken. Und schließlich wurde auch noch der größte Player im chinesischen Immobiliensektor, der Milliardenkonzern China Evergrande, von einem Hong Konger Gericht für bankrott erklärt, was der Regierung in Peking gar nicht schmeckte und zu einem wahren Politikum wurde. Der Aktienmarkt performte so schlecht wie lange nicht mehr, selbst die besten Aktien des Landes rutschten tief in die roten Zahlen und unter chinesischen Anlegern brach Panik aus. Schon zu diesem Zeitpunkt erkannten wir in der aktuellen Entwicklung eine womöglich historische Chance, kurz darauf drehten die Märkte und stürmten kurz bergauf, bevor es in den letzten Tagen wieder ein gutes Stück abwärts ging. Und doch täuscht die medial verbreitete Unruhe über die tatsächlichen Entwicklungen im Reich der Mitte hinweg, unter der emotional aufgebauschten Oberfläche schlummern Hinweise, die berücksichtigt werden sollten bei einem finalen Urteil über den aktuellen Zustand des chinesischen Marktes und dessen Potenzial in der näheren und fernen Zukunft.
„Chinas größtes Problem ist meiner Meinung nach ein Mangel an Vertrauen“, konstatierte Bill Winters, Geschäftsführer der renommierten Londoner Investmentbank Standard Chartered bei einem Fernsehinterview Anfang der Woche am Rande des World Governments Summit (dt.: Welt-Regierungsgipfel) in Dubai. An der internationalen Veranstaltung nahmen neben mehr als 25 Staats- und Regierungschefs und 120 staatlichen Delegationen, etwa aus der Türkei oder Indien, auch Vertreter der internationalen Wirtschaft teil, neben Standard-Chartered-CEO Winters auch der Nvidia-Geschäftsführer Jen-Hsun Huang. Mit Blick auf China wollte auch Winters die aktuelle Verunsicherung nicht gelten lassen: „China durchläuft eine große Entwicklung von der alten zur neuen Wirtschaftsform. Wer diese neuen Ansätze kennt, der weiß: Es boomt, es boomt absolut, mit starken Wachstumsraten in allen Bereichen, die mit Elektroautos zu tun haben und mit Nachhaltigkeit – in der gesamten Lieferkette.“
Chinas Ass im Ärmel: erneuerbare Energie!
Der Boom ist aber nur halb so gut, wenn Geldflüsse aus dem In- und Ausland fehlen, worauf auch die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (engl.: International Monetary Fund; kurz: IMF) hinwies: „Sie brauchen das Vertrauen der Konsumenten. Dafür müssen sie die Immobilienbranche und die fundamentale Stabilität der chinesischen Wirtschaft wieder hinkriegen.“ Laut Bill Winters sollte das aber kein allzu großes Problem sein, die aktuelle Unsicherheit sei zwar nicht zu verkennen, aber letztlich nur ein Zeichen für gesundes Wachstum, schließlich versuche China, „diesen Übergang zu bewältigen, ohne das eigene Finanzsystem zugrunde zu richten. Wir im Westen, wir haben das nie geschafft. Jede große industrielle Entwicklung hat zu einer großen Depression geführt, zu einer globalen Finanzkrise“. In China versuche man, aus den Fehlern des Westens zu lernen und „die große Krise zu vermeiden, was bedeutet, dass es sich in die Länge zieht“, erklärte der optimistische Winters: „Ich denke, sie werden das Ende gut überstehen“.
Bis die entbehrungsreiche Transformationsphase durchgestanden ist, könnte es zwar noch ein bisschen dauern – China kämpft mit der stärksten Deflation seit der Welt-Finanzkrise vor 15 Jahren und historisch schwachem Wirtschaftswachstum – ein erster Lichtblick zeichnet sich aber ab. Im vergangenen Jahr erlebte China einen massiven Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energiequellen, die Branche um Windkraft, Solaranlagen und auch vollelektrische Kraftfahrzeuge erlebt einen rasanten Aufschwung. Im letzten Jahr dürfte der innovative Sektor laut Experten rund 40 Prozent des Wirtschaftswachstums ausgemacht haben. Dass Geld in Massen aus dem kriselnden Immobiliensektor fließt, ist richtig – nicht aber, dass die Liquidität sich vollständig vom chinesischen Markt verabschiedet. Denn ein Großteil des Investitionsvolumens wird lediglich umgeleitet. Und zwar in die erstarkenden nachhaltigen Industriekomplexe der Volksrepublik. Das macht sich in der gestiegenen chinesischen Nachfrage nach Industrie-Rohstoffen bemerkbar. China mausert sich also einmal mehr zum Pionier einer weltweiten wirtschaftlichen Revolution, nämlich der globalen Energiewende. Mit Blick in die Zukunft gibt es durchaus schlechtere Ausgangspositionen.
Chinas Exporte brechen ein – oder etwa nicht?
Ein weiteres Indiz scheint Chinas Abstieg auf den ersten Blick zu untermauern: Im letzten Jahr brachen die chinesischen Exporte in die USA um mehr als $100 Milliarden ein und erreichten damit ein Zehn-Jahres-Tief. Der chinesische Anteil an den nordamerikanischen Importen ist seit 2017 von 22 auf gerade mal 14 Prozent gefallen. Damit importierten die Vereinigten Staaten in den letzten zwölf Monaten mehr aus Mexiko als aus der Volksrepublik – zum ersten Mal seit 2002. Wie so oft gibt es aber auch hier nicht die eine Wahrheit. Denn gerade jene Staaten, die gerade zu den Lieblingspartnern der Vereinigten Staaten in Sachen Außenhandel avancieren – neben Mexiko auch Vietnam –, kaufen selbst so viel aus China wie nie zuvor. Das teilte die italienische Analysefirma Eurizon in einem Bericht Anfang der Woche mit. Und auch global bleibt China der größte Exporteur, ganze 15 Prozent des weltweiten Marktanteils entfallen laut Eurizon auf die Volksrepublik. Wenn man die statistische Verzerrung durch die Pandemiejahre herausrechnet, bedeutet das ein Allzeithoch. Gleichzeitig stiegen die Exporte nach Europa und kompensierten Einnahmeverluste aus dem Außenhandel mit den Vereinigten Staaten.
Trotz politischer Erschwernisse durch hohe Zölle in der EU und den USA oder Eingriffe in technologische Forschungsprozesse durch USA-Embargos für Mikrochips bleibt China also der dominante Exporteur auf den internationalen Märkten. Auf baldige Erholung auf Chinas Märkten weist auch die schiere Wirtschaftskraft es Landes hin: China verfügt im fertigenden Industriesektor über die Arbeitskraft von 212 Millionen Menschen – mehr als die Vereinigten Staaten, die EU, Japan, Kanada, Südkorea, Indien, Mexiko und Vietnam zusammen. Die großen Player im Westen und ihre neuen Zulieferer könnten der Volksrepublik also nicht einmal mit vereinten Kräften den Rang ablaufen, resümiert Eurizon. Deshalb sei es sehr wahrscheinlich, „dass das ‚nächste China‘ tatsächlich China sein könnte: Kein anderes Land hat die Herstellungs-Kapazitäten, um China zu übertreffen“. Diese Indizien der Stärke sind umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass politische Fehler im Umgang mit der eigenen Wirtschaft und der Bekämpfung der Gesundheitskrise in den letzten Jahren das Vertrauen ausländischer Investoren in die chinesische Wirtschaft geschwächt haben.
China erfindet sich neu – nächstes Kapitel des Fernost-Booms?
„Die Haltung der Welt gegenüber China hat sich so sehr verändert wie Chinas eigene Innenpolitik“, fasst Eurizon das gewinnbringende Umdenken der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft zusammen: „China schafft es weiterhin, seine dominante Position als vorherrschender Produzent der Weltmärkte zu behaupten“. Der politische Wille, die Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen, ist so ausgeprägt wie kaum jemals zuvor: Erst kürzlich gab die chinesische Börsenaufsicht (kurz: CSRC) bekannt, dass der staatliche Investmentfonds in heimische ETFs investiert, um den Absturz des Aktienmarktes aufzufangen und umzukehren, erst vor wenigen Wochen kündigte Präsident Xi Jinping ein milliardenschweres Konjunkturpaket an, um neues Wachstum zu stimulieren. Nach Verwerfungen um die zuletzt skandalumwitterte chinesische Börsenaufsicht wurde nun deren Vorsitzender Yu Huiman entlassen, der die Behörde sei 2019 geleitet hatte – ein weiteres Zeichen für den Hochdruck, mit dem die chinesische Staatsführung die Erholung vorantreiben will.
Obgleich die Maßnahmen – etwa das Verbot von Leerverkäufen oder die Aussetzung des Handels mit einer ganzen Reihe großer Aktien vor einigen Tagen – nicht vollständig mit den Imperativen des freien Marktes vereinbar sind, versprechen sie doch deutliche Besserung für Aktionäre und die Unternehmen selbst, die unter dem Reputationsschaden des zuletzt tiefroten Gesamtmarktes leiden. Die zwischenzeitlich sprunghaften Wertzuwächse großer Aktien der letzten Tage, etwa bei Tencent, BYD oder Alibaba, geben einen ersten Vorgeschmack auf die bullische Entwicklung, die bevorstehen könnte, sobald China sich aus der zähen Transformationsphase herausgearbeitet hat, die Standard-Chartered-Chef Winters diagnostiziert. Unaufgeregt und unabhängig von reißerischen Schlagzeilen ermöglicht technische Analyse mithilfe der Elliott-Wellen-Methode, lukrative Einstiegsmöglichkeiten zu finden, um vom Expansionspotenzial Chinas auch privat zu profitieren. Alle nötigen Prognosen und Signale finden unsere Abonnenten im China-Titans-Paket. Warum also warten, bis der chinesische Schnellzug abgefahren ist? Aktuell steht er seelenruhig im Bahnhof und wartet auf Passagiere, die ihm vertrauen.




