Mit einem Handelsvolumen von rund 127 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2024 haben die USA China als wichtigsten Handelspartner Deutschlands überholt. Zum Vergleich: Der Warenaustausch mit dem Reich der Mitte lag bei etwa 122 Milliarden Euro. Diese Zahlen stammen aus Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters auf Basis vorläufiger Daten des Statistischen Bundesamtes. „Beim gesamten Handelsvolumen, also der Summe aus Ein- und Ausfuhren, haben die USA China in der ersten Jahreshälfte nunmehr überholt”, sagte die Außenhandelsexpertin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Lola Machleid. Noch in 2023 war die Volksrepublik mit einem Handelsvolumen von rund 253 Milliarden Euro das achte Jahr in Folge die Nummer Eins geblieben – wenn auch nur mit wenigen Hundert Millionen Euro Vorsprung vor den Vereinigten Staaten. Die Verschiebung ist zum Teil durch die schwächelnde chinesische Wirtschaft und die starke Leistung der nordamerikanischen Wirtschaft bedingt. Darüber hinaus deutet sich ein grundlegender struktureller Wandel an, der über die momentane Konjunkturlage hinausreicht.
Steigende Exporte in die USA
„Aufgrund der bis zuletzt resilienten nordamerikanischen Konjunktur haben die Exporte in die Vereinigten Staaten zugenommen”, so Machleid. Die chinesische Wirtschaft entwickelte sich schlechter als von vielen erhofft, während die nordamerikanische Wirtschaft die Erwartungen zuletzt übertraf. Im ersten Halbjahr wuchsen die deutschen Exporte in die USA um 3.3 Prozent auf fast 81 Milliarden Euro. Das China-Geschäft schrumpfte dagegen um fast drei Prozent auf gut 48 Milliarden Euro. Die Importe aus China brachen sogar um knapp acht Prozent auf 73.5 Milliarden Euro ein. Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche in Deutschland, die Konsumzurückhaltung, aber auch der Wunsch nach stärkerer Diversifizierung der Lieferketten in der Industrie hätten dazu beigetragen, sagte Machleid. Die Einfuhren aus den USA gaben dagegen nur um 3.4 Prozent auf 46.1 Milliarden Euro nach – gestützt durch die Lieferung von Energierohstoffen wie Flüssigerdgas, so die Expertin. Der Anteil der USA an den deutschen Warenausfuhren liegt inzwischen bei rund 10 Prozent, der Anteil Chinas ist auf unter 6 Prozent zurückgegangen.
China produziert, was es früher importierte
Neben der konjunkturellen Entwicklung zeichnet sich auch ein Strukturwandel ab. „China ist auf der Leiter der Wertschöpfungskette aufgestiegen und stellt vermehrt komplexere Güter selbst her, die es früher aus Deutschland importiert hat“, sagte Commerzbank-Ökonom Vincent Stamer. Früher importierte China vor allem hochwertige Maschinen, Präzisionsinstrumente und komplexe technische Komponenten aus Deutschland, die für die Entwicklung und Produktion in der chinesischen Industrie von entscheidender Bedeutung waren. Mit der zunehmenden Technologisierung und dem Aufbau einer eigenen fortschrittlichen Fertigungsbasis hat China jedoch begonnen, diese Güter selbst herzustellen. Dies umfasst beispielsweise High-Tech-Maschinen, spezialisierte industrielle Ausrüstungen und anspruchsvolle elektronische Komponenten. Zusätzlich dazu haben viele deutsche Unternehmen ihre Produktionsstätten näher an den chinesischen Markt verlagert, um Kosten zu sparen und die Lieferzeiten zu verkürzen. Dies bedeutet, dass diese Unternehmen zunehmend in China produzieren, anstatt die fertigen Produkte aus Deutschland zu exportieren. Diese Verlagerung der Produktion reduziert den Bedarf an Importen aus Deutschland und trägt zur Verschiebung der Handelsbilanz bei.
Geopolitische Verschiebung
Zu diesem Trend tragen auch geopolitische Gründe bei. „Mit dem deutlichen weltwirtschaftlichen Gegenwind für das deutsche Wirtschaftsmodell scheint eine – auch geopolitisch motivierte –Umorientierung stattzufinden: weg vom Systemrivalen China und hin zum transatlantischen Partner USA“, meint Jürgen Matthes vom deutschen Wirtschaftsinstitut IW. Die Bundesregierung hat tatsächlich angekündigt, das Engagement in China reduzieren zu wollen. Diese Entscheidung wurde mit politischen Differenzen und dem Vorwurf “unfairer Praktiken” seitens Pekings begründet, die in der ersten Ankündigung einer China-Strategie im vergangenen Jahr geäußert wurden. In dieser Strategie äußerte die Bundesregierung ihre Besorgnis über die Handels- und Wirtschaftspolitik Chinas, ohne jedoch konkrete Maßnahmen oder Ziele zur Verringerung der wirtschaftlichen Abhängigkeit festzulegen. Es bleibt jedoch unklar, wie konsequent diese Umorientierung in der Praxis umgesetzt werden kann. Ein entscheidender Faktor wird auch der Ausgang der bevorstehenden Wahlen in den USA sein. Sollte Ex-Präsident Donald Trump erneut ins Amt gewählt werden, könnten, wie während seiner ersten Amtszeit, neue Zölle auf europäische Waren drohen, was die Handelsbeziehungen zwischen den USA und Deutschland weiter belasten könnte.
Ob die USA ihren Rang als wichtigster deutscher Handelspartner langfristig zurückerobern können, ist noch ungewiss und die weitere Entwicklung des Kopf-an-Kopf-Rennens schwer prognostizierbar. Deutsche Unternehmen seien auf beiden Märkten “sehr aktiv”. Umso wichtiger sei es für eine international so stark verflochtene Volkswirtschaft wie Deutschland, einen Handelskonflikt und den Aufbau neuer Handelshemmnisse zu verhindern, meint DIHK-Expertin Machleid.



