„Wir dürfen keine Bitcoins halten. Das sagt unser Gesetz und wir haben nicht vor, dieses Gesetz zu ändern“. Mit diesen Worten antwortete Jerome Powell am Mittwochabend auf die Frage eines Reporters nach der möglichen US-Bitcoin-Reserve – und besiegelte damit ein Blutbad bei Bitcoin und den Altcoins. Abgesehen davon, dass die Fed ihren Leitzins wie erwartet um 25 Basispunkte gesenkt hatte, war an diesem Abend für Krypto-Enthusiasten so ziemlich alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Oder etwa nicht? Könnte es sein, dass die Angst, die Kryptos und Aktien crashen ließ, ein großer Irrtum ist? Und wenn es so wäre: Was bedeutet das für die Altcoin-Season?
Woher kommt die ganze Panik?
Fangen wir mit den Gründen an, warum der Markt am Mittwochabend überhaupt erst in Panik geraten ist. Eigentlich war doch alles in Ordnung: Die US-Notenbank kürzte ihren Leitzins um 25 Basispunkte und entsprach damit der überwiegenden Erwartung des breiten Marktes. Die Zinssenkung war, wie man an der Börse so schön sagt, mehr oder weniger eingepreist. Trotzdem verloren Aktien und Kryptowährungen kurz darauf in einer atemberaubenden Kurzschlussreaktion für mehrere Stunden jeglichen Boden unter den Füßen.
Der US-Leitindex S&P500 verlor durch die heftigen Rücksetzer fast zwei Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung. Das entspricht der Hälfte des ganzen Krypto-Markts. Im Kryptomarkt selbst wurden seit Mittwoch mehr als zwei Milliarden Dollar an Hebelpositionen liquidiert, die kumulierte Marktkapitalisierung der größten 125 Altcoins fiel in den letzten drei Tagen um mehr als 20 Prozent, der Sektor verlor mehr als 200 Milliarden Dollar an Wert. Auf den ersten Blick ist angesichts der erwartbaren Zinssenkung kaum verständlich, warum an den Börsen plötzlich Panik ausbrach. Die Gründe findet man erst beim genaueren Hinsehen – zwischen den Zeilen.
Was die Märkte schockierte, war nämlich nicht das, was gerade passiert war (nämlich die Zinssenkung um 25 Basispunkte), sondern vielmehr der Blick in die Zukunft. Das also, was in den nächsten Monaten passieren wird – oder eben nicht. Denn bei ihrer geldpolitischen Lockerung will die Federal Reserve in nächster Zeit deutlicher auf die Bremse treten als bisher angenommen. Für das kommende Jahr werden nicht mehr bis zu vier Senkungsschritte erwartet, sondern nur noch zwei. Das geht aus den gesammelten Prognosen der Fed-Mitglieder hervor und bedeutet, dass die US-Notenbank ihre Liquiditätsschleusen sehr viel langsamer öffnet als erhofft. Salopp gesagt: Der Gelddrucker wird langsamer hochgefahren als zuletzt noch vorhergesagt.
Ist die Bitcoin-Panik ein großer Irrtum?
Das Problem an der ganzen Sache ist: Ein Großteil der jüngsten Euphorie im Kryptomarkt, die Bitcoin deutlich über die magischen 100 000 US-Dollar trug, speiste sich aus der Antizipation lockerer Geldpolitik im nächsten Jahr. Lockere Geldpolitik bedeutet, dass viel neues Kapital in den Markt fließt und das tut wiederum Risiko-Anlagen wie Bitcoin und vor allem Altcoins gut.
Wie so oft versuchten sich Spekulanten rechtzeitig zu positionieren, um frühzeitig von den umfangreichen Finanzspritzen zu profitieren. Dass die Stimuli jetzt erstmal ausbleiben, ließ diese kleine Spekulationsblase platzen. Das war auch an den Börsen zu spüren: An nur einem Tag verzeichneten die Bitcoin-Spot-ETFs Rekordabflüsse von fast 700 Millionen Dollar.
Wenn alle Marktteilnehmer auf ein Ereignis in der Zukunft wetten und das dann nicht eintritt, versucht jeder, seine Positionen so schnell es geht abzustoßen. Schließlich ist davon auszugehen, dass die anderen Spekulanten angesichts der Enttäuschung ebenfalls verkaufen. Und da möchte man natürlich nicht der Letzte sein, der den schlechtesten Preis bekommt.
Hinzu kommt Panik von Neueinsteigern, die in vielen Fällen noch keine nennenswerten Korrekturen im Kryptomarkt erlebt haben. So nahm die Abwärts-Kaskade am Mittwoch ihren Lauf. Beschleunigt durch eine weitere Ernüchterung: Anders als vielerorts erwartet, teilte die Fed mit, ihre Balance Sheet weiter zu kürzen. Bei dieser Fed-Bilanz handelt es sich ebenfalls um einen wichtigen Liquiditäts-Hebel der Fed – und einen historischen Indikator für den Beginn der Altcoin-Season.
Was der Markt erwartet hatte, war mit der Zinssenkung also eingetreten. In allen anderen Hoffnungen aber wurden besonders Risiko-Assets herb enttäuscht: Langsamere Zinssenkungen in den nächsten Monaten, keine neue Liquidität aus der Fed-Bilanz – und sogar die Inflationsprognose der US-Notenbank lag mit 2.5 Prozent für das kommende Jahr deutlich höher als noch ihre Prognose im September, als von 2.1 Prozent ausgegangen wurde. Die nächste Hürde für schnelle Zinssenkungen. Zu allem Überdruss kanzelte Jerome Powell dann auch noch die Reporter-Frage zu einer möglichen Bitcoin-Reserve in den USA ab. Spätestens da war der Abend für Bitcoin und Altcoins gelaufen.
Die Botschaft schien auf den ersten Blick klar: Der Markt bekommt von der Fed nicht schnell genug frisches Kapital, um das jüngste Wachstum aufrechtzuerhalten und zu rechtfertigen. Der Liquiditäts-Boost aus dem Gelddrucker der Zentralbank bleibt vorerst aus, der Krypto-Bullrun liegt auf Eis. Oder etwa nicht? Was die meisten Beobachter bei all den Turbulenzen um die Fed-Entscheidung übersahen, war die positive Botschaft, die Jerome Powell in seiner Rede zu vermitteln versuchte – wobei ihm das zugegebenermaßen nicht allzu gut gelang, wie der emotionale Ausnahmezustand danach eindrücklich bewies. Dabei ist die Erkenntnis recht einfach: Dass die Zinsen langsamer gesenkt werden müssen, zeigt, dass es der US-Wirtschaft relativ gut geht. Und dass eine Rezession aus Sicht der Fed nicht unmittelbar droht. Das ist eine ziemlich gute Nachricht.
Ist die Altcoin-Season in Gefahr?
Eines der größten Probleme, die der Kryptomarkt im Moment hat, ist die Erinnerung an den letzten Bullenmarkt. Damals, Anfang 2020, drohte die Welt wegen der Corona-Pandemie in eine nie dagewesene politische und wirtschaftliche Krise zu rutschen. Zentralbanken fingen an, wie verrückt Geld zu drucken und senkten ihre Zinsen mit einem Mal auf Nullniveau. Kurz darauf explodierten Risiko-Anlagen regelrecht. Bitcoin marschierte von knapp 4000 auf über 60 000 US-Dollar, Altcoins schossen wochenlang fast senkrecht nach oben und Pokémon-Karten wurden für kleine Vermögen gehandelt. Kurz: Ein Traumszenario für Risiko-Investoren und Spekulanten.
Die Erinnerung an diese Ausnahmesituation hat sich in den Köpfen der Krypto-Anleger zu einem Fehlschluss verfestigt. Im breiten Markt wird angenommen, dass die Zinsen so schnell wie möglich fallen müssen, damit Bitcoin und Co. gut performen können. Das ist aber nur bedingt richtig. Wenn die Wirtschaft nämlich in eine Rezession stolpert, geht es zuallererst den Altcoins an den Kragen.
Würde die Fed ihre Zinsen schnell und drastisch senken, wäre das ein Eingeständnis, dass die Situation aus dem Ruder läuft. Und das hätte den Märkten erst recht nicht gutgetan. Auf den kurzfristigen Pump durch die Liquiditäts-Euphorie würde schnell ein böses Erwachen folgen. Dann also lieber einen geregelten Bullenmarkt in wirtschaftlich halbwegs stabilem Umfeld.
Freilich hat die jüngste Altcoin-Rallye durch die überraschende Zurückhaltung der Fed erstmal einen Dämpfer bekommen. Für den gesamten Bullrun aber ist die Zuversicht der US-Notenbank, eine weiche Landung hinzubekommen, eine ausgezeichnete Neuigkeit. Was bringt eine plötzliche Altcoin-Season, in der man nicht vernünftig verkaufen kann, weil die Krise umso schneller auf sie folgt? Lieber jetzt eine kleine Abkühlung als ein deutlich verfrühtes Zyklustop.
Natürlich weiß niemand, wie weit sich dieser Zyklus noch ausdehnt, weder preislich noch zeitlich. Trotzdem sind geordnete wirtschaftliche Zustände für nachhaltiges Wachstum gesünder als eine explosive Mischung aus Zinssenkungs-Euphorie und Rezessions-Panik. Das gilt auch und vor allem für Bitcoin und Altcoins.
Anders als die panische Marktreaktion also erwarten lässt, ist die jüngste Zinsentscheidung der Fed ein sehr positives Signal. Es zeigt, dass der Markt in den Augen von Jerome Powell und Co. nicht so nah am Rezessions-Abgrund steht wie weithin befürchtet. Zinssenkungen und frische Liquidität werden kommen – aber eben langsamer als zunächst erhofft. Wer gerade in Panik verkauft, ist also entweder ungeduldig oder hat den Markt nicht verstanden.
Wie bei vielen Korrekturen gilt auch hier: Die Makro-Situation hat sich kaum verändert oder ist wirtschaftlich gesehen sogar noch besser geworden. Nur, weil der Kryptomarkt glaubt, ohne schnelles und billiges Zentralbank-Geld nicht wachsen zu können, ist das noch lange nicht die Wahrheit. Und vor allem kein Grund zur Panik.


Pünktlich zur Zinssenkung der Fed setzte Bitcoin deutlich zurück. Der Altcoin-Sektor erlebte ein Blutbad.
Die Mehrheit der Fed-Notenbänker geht von langsameren Zinssenkungen im nächsten Jahr aus. Der Markt reagierte mit Enttäuschung.
Einer der wichtigsten Gründe für die langsameren Zinskürzungspläne der Fed ist die steigende Inflation. Die US-Notenbank hat ihre Inflations-Prognose angehoben.
Historisch gesehen korreliert die Entwicklung des Bitcoin-Preises sehr eng mit der globalen Liquidität. Durch Zinsen und ihre Balance Sheet hat die Fed hierauf großen Einfluss.
Eine weitere Folge des FOMC-Meetings: Die Erwartung strafferer Geldpolitik ließ den US-Dollar-Index ansteigen. Das belastet tendenziell Risiko-Assets wie BTC und Altcoins.
Auch ohne FOMC-Meeting war eine Korrektur bei den Altcoins absehbar: Die kumulierte Marktkapitalisierung größerer und kleiner Altcoins ist auf wichtigen Widerstand getroffen.
Im letzten Bullenmarkt 2021 hatten die Altcoin-Market Caps ebenfalls Probleme, ihre Allzeithochs zu überwinden. Als diese Hürde genommen war, ging es in die Altcoin-Season.

