Bitcoin kämpft, Altcoins bluten: Warum geht es nicht voran?
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Bitcoin kämpft, Altcoins bluten: Warum geht es nicht voran?

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Simeon Koch

Was waren das für verrückte Kerzen gestern gegen 16 Uhr? Unvermittelt schoss der Bitcoin innerhalb weniger Minuten aufwärts, knallte mit dem Kopf voran gegen die $68 000-Marke und taumelte ebenso schnell mit einer ziemlich dicken Beule wieder zurück. Altcoins, die in den letzten Tagen ein Stück mit nach oben gezogen wurden, traf es noch heftiger. Viele kleinere Kryptowährungen verloren über die letzte Nacht zweistellige Prozentwerte und stehen teils schlechter da als vor dem Beginn der jüngsten Bitcoin-Anstiege vor etwa einer Woche. Die letzten vier Male, als der Bitcoin an der Oberkante seines Abwärtskanals scheiterte, die nun eben bei etwa $68 000 verläuft, wurde es danach immer blutiger. Kommt jetzt der nächste starke Abverkauf? Und was passiert mit den ohnehin schwachen Altcoins?

Bitcoin schnarcht, Altcoins bluten – warum?

Irgendwie macht es in letzter Zeit nicht so großen Spaß, Krypto-Investor zu sein. Die erste Oktoberhälfte schnarchte der Bitcoin in einer Seitwärtsphase dahin und machte höchstens einmal durch plötzliche Abverkäufe auf sich aufmerksam. Während Aktien und Indizes auf Allzeithochs klettern, dümpelt der Krypto-Marktführer seit Anfang März durch seinen parallelen Abwärtskanal. Investiert man dafür in Krypto? Um sich hin und wieder mal über drei oder vier Prozent Plus zu freuen, während Aktien das Doppelte machen? Und Dutzende Prozent im Minus zu stecken, wenn Nasdaq und S&P mal kurz schwächeln? Klar, wer starke Anstiege haben möchte, muss auch die Volatilität nach unten aushalten. Was aber, wenn es einfach immer nur abwärts geht?

Je volatiler, desto schwächer: Bitcoin korrigierte seit März 27 Prozent in der Spitze. Die 125 größten Altcoins fielen um 35 Prozent, kleinere Kryptowährungen um 50 Prozent.

Die letzten Monate haben Bitcoin-Käufer und vor allem Altcoin-Investoren auf eine harte Probe gestellt, an der viele schon auf halbem Weg gescheitert sind. Psychologisch betrachtet ist es für uns am härtesten, wenn einfach gar nichts passiert. Nichts ist schwerer als einfach nur auszuharren und abzuwarten – besonders, wenn man tief im Verlust steckt und das Gefühl hat, nur auf den nächsten großen Abverkauf zu warten und gleichzeitig an eine defizitäre Position gefesselt zu sein. Man macht sich Vorwürfe, nicht mit dem Einstieg abgewartet zu haben und bereut, vorher überhaupt gekauft zu haben. Warum aber ist Krypto aktuell so schwach? Die Antwort liegt in der allgemeinen Marktstimmung. Die unsichere Wirtschaftslage, geopolitische Spannungen in Nahost und der offene Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA lassen aktuell viele Zukunftsfragen offen. Und was der Markt am wenigsten mag, ist Unsicherheit.

Kommt der nächste Bitcoin-Crash?

Menschen hassen es, abwarten und stillsitzen zu müssen. Wir wollen Emotionen spüren, etwas zu tun haben, unser Schicksal aktiv gestalten. Und weil der Markt nur ein Abbild der Emotionen von Millionen Menschen ist, die unter seinem Dach handeln, tickt der Markt genauso. Der Markt – oder besser gesagt die Masse der Marktteilnehmer – kann es nicht leiden, tatenlos zusehen und abwarten zu müssen, bis wir erfahren, wo die Reise politisch und wirtschaftlich hingeht. Weil wir Menschen in Phasen der Unsicherheit automatisch vom Schlimmsten ausgehen und katastrophisieren, sichern viele schon mal ab, bevor überhaupt etwas passiert. Und weil in Phasen der Unsicherheit zuallererst hochvolatile Assets abgestoßen werden, geht es dem Kryptomarkt und vor allem den Altcoins gerade nicht so gut.

Zum fünften Mal kämpft der Bitcoin mit der Oberkante des Abwärtskanals. Jedes Mal, wenn er scheiterte, wurden die Abverkäufe heftiger. Was passiert dieses Mal?

Das hat auch mit den schlechten Erfahrungen der letzten Zeit zu tun. In den vergangenen Monaten wiederholte sich im Kryptomarkt ein sehr ähnliches Muster gleich vier Mal: Der Bitcoin versuchte, auf ein neues Allzeithoch auszubrechen, scheiterte dabei aber an der Oberkante seines parallelen Abwärtskanals. Die negativen Folgen für den Kursverlauf wurden immer heftiger. Nach dem ersten Scheitern Mitte März fiel der Bitcoin um rund 18 Prozent, bevor er sich wieder fing und den nächsten Angriff starten konnte. Nach dem zweiten vergeblichen Ausbruchsversuch Anfang April ging es fast 23 Prozent bergab, nach dem dritten Anfang Juni etwa 26 Prozent. Am stärksten war die Panik nach dem vierten Test der Oberkante Ende Juli, nach dem der Bitcoin gute 30 Prozent abverkaufte.

Wir sind traumatisiert – beste Voraussetzung?

Während der Bitcoin in den letzten Tagen seinem Allzeithoch so nah kam wie nie in den letzten Wochen, ist der Altcoin-Sektor weit davon entfernt, seine Jahreshochs aus dem März zu testen. Je weiter man die Risiko- und Volatilitätskurve emporsteigt, desto schwächer die aktuelle Performance. Der Bitcoin korrigierte während seiner halbjährigen Seitwärtsbewegung rund 27 Prozent in der Spitze. Die 125 größten Altcoins ohne BTC und Ethereum (Total3) verloren im selben Zeitraum rund 35 Prozent, die kleineren Kryptowährungen außerhalb der Top-10 sogar mehr als die Hälfte. Diese Angaben beziehen sich auf die kumulierte Marktkapitalisierung, also den Durchschnitt. Einzelne Projekte sind häufig viel stärker betroffen, was viele Portfolios ins Minus drückt.

Nach dem fünften Scheitern an der Oberkante des Abwärtskanals schrillen bei vielen Krypto-Investoren die Alarmglocken. Geht es nun wieder zweistellige Prozente bergab? Testen wir gar nochmal die Unterkante des Kanals, die aktuell bei knapp über $50 000 verläuft? Für Altcoins wäre ein solches Negativ-Szenario verheerend, ein BTC-Abverkauf um 15 bis 20 Prozent würde kleinere Kryptowährungen wohl neuerliche Verluste von 40 bis 60 Prozent oder sogar mehr kosten. Obgleich dieser Extremfall nach der jüngsten BTC-Stärke nicht unbedingt wahrscheinlich ist, versuchen viele Marktteilnehmer, sich abzusichern und verkaufen deshalb ihre Altcoins oder tauschen sie in Bitcoin. Viel Kapital fließt auch in Memecoins, die wieder einmal am stärksten ansteigen – aber auch schnell wieder abverkaufen.

Der Meme-Hype in Kombination mit den geopolitischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten sowie den charttechnischen Unsicherheiten bei Bitcoin sorgt aktuell für die Altcoin-Schwäche. Der Markt hält die Unsicherheit einfach nicht aus und möchte sich absichern. Genau das ist aber die beste Voraussetzung für einen unerwarteten Ausbruch. Jedes Mal, als der Bitcoin in den letzten Monaten die Oberkante seines Abwärtskanals antestete, rechnete der Markt mit einem überzeugenden Ausbruch – und es ging immer wieder schief. Bei so hohen BTC-Kursen wie aktuell war die Marktstimmung im letzten halben Jahr selten so schlecht. Das ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen. Erst, wenn alle schwachen Anleger aus dem Markt gespült und die unverbesserlichsten Hebeltrader durch wiederkehrende Liquidationen eingeschüchtert wurden, kann es nachhaltig bergauf gehen. Vorsicht ist weiterhin geboten, denn die Stimmung ist schlecht. Genau das aber macht Hoffnung.

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Simeon Koch

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