Das Wichtigste auf einen Blick
Mercedes-Benz gründet Athos Silicon im Silicon Valley, um energieeffiziente Chips für Elektro- und autonome Fahrzeuge zu entwickeln. Das Spin-off bündelt Patente und Investitionen aus fünf Jahren Forschung, Polaris spart bis zu zwanzigfach Strom. CEO Bangar betont: „Für eine elektrische Zukunft ist Strom die neue Währung.“ Athos bleibt unabhängig, kann andere Hersteller beliefern, und Mercedes behält eine Minderheitsbeteiligung. Parallel investiert der Konzern in KI-Fahrtechnologie bei Momenta und setzt bei der Produktion des neuen CLA auf CO2-reduziertes Aluminium.
Chip-Masterminds für Mercedes
Mercedes-Benz hat seine Chip-Entwicklung in Santa Clara ausgegliedert. Mit der Gründung von Athos Silicon erhält das neu geschaffene Unternehmen nicht nur eine stattliche Investition und sämtliche Patente aus fünf Jahren Forschungsarbeit, sondern auch die Freiheit, Technologien für verschiedene Hersteller zu entwickeln. Dabei steht vor allem eine Innovation im Mittelpunkt: winzige Chiplets, die den Energieverbrauch von Fahrzeugcomputern um das Zehn- bis Zwanzigfache senken sollen. Doch was bedeutet dieser Schritt für den Konzern, die Konkurrenz und die Mobilität der Zukunft?
Revolution aus dem Silicon Valley
In Santa Clara, dem Herzen des Silicon Valley, wo Tech-Giganten wie Meta, Microsoft und Google groß wurden, haben die Ingenieure von Mercedes-Benz über Jahre hinweg an einem eigenen System-on-Chip (SoC) geforscht. Dabei handelt es sich um einen integrierten Chip, der Prozessor, Speicher und weitere Komponenten auf einem Baustein vereint und dadurch Platz spart, Energie besonders effizient nutzt und alle Funktionen für autonomes Fahren und Fahrassistenz bündeln kann.
Ziel bei Mercedes war es, die Rechenleistung für autonomes Fahren bis Level vier sicherzustellen und zugleich die hohen regulatorischen Anforderungen an funktionale Sicherheit zu erfüllen. Autonomes Fahren auf diesem Level bezeichnet Fahrzeuge, die innerhalb eines definierten Einsatzbereichs komplett selbstständig fahren können, ohne dass der Fahrer eingreifen muss, zum Beispiel in bestimmten Stadtgebieten oder auf Autobahnen. Nun wurde die Abteilung in das neue Spin-off Athos Silicon überführt, an dem Mercedes nur noch etwa zwanzig Prozent hält.
„Unabhängigkeit ist wichtig für Athos, damit wir auch auf andere Autohersteller zugehen können. Wir müssen sicherstellen, dass wir einen neutralen Ansatz haben“, betonte Charnjiv Bangar, CEO von Athos Silicon, in einem Interview. Diese strategische Loslösung erlaubt es Athos, nicht nur exklusiv für Mercedes, sondern auch für Wettbewerber zu arbeiten – ein entscheidender Vorteil, um die hohen Entwicklungskosten moderner Chips auf eine größere Stückzahl umzulegen.
Energie als neue Währung
Das Kernprodukt von Athos Silicon heißt Polaris. Der Chip basiert auf einer Architektur, die mehrere identische Chiplets, also modulare Chip-Bausteine, in einem Gehäuse bündelt. Zwei große Recheneinheiten werden von einem kleineren Chiplet überwacht, das Abweichungen erkennt und im Zweifel entscheidet, welchem Ergebnis zu vertrauen ist. Dieses Prinzip stammt aus der Luftfahrt und sorgt dafür, dass die Chips auch für sicherheitskritische Anwendungen im Fahrzeug zugelassen werden können. Der Prozessor kontrolliert sich also selbst.
In Elektrofahrzeugen konkurrieren Antrieb und Bordelektronik direkt um die begrenzte Energie der Batterie. Chips sollten also möglichst stromsparend arbeite, um die Fahrleistung nicht zu beeinträchtigen. Hier verspricht die Athos-Technologie bis zu zwanzigfach geringeren Verbrauch im Vergleich zu bisherigen Mehrchip-Lösungen. Das kann Reichweiten entscheidend verlängern und Systeme wie Fahrerassistenz oder Autopilot zuverlässiger machen. Athos-CEO Bangar sagte dazu: „Für eine elektrische Zukunft ist Strom die neue Währung“.
Der verbesserte Nachfolger von Polaris trägt den Namen Northstar und soll bereits 2027 marktreif sein. Er nutzt dieselben Chiplets, aber gleich acht davon in Kombination – mit einer Rechenleistung, die nach Angaben von Athos über jener von Nvidias Plattform Thor liegen wird. Thor ist eine Hochleistungsplattform für autonomes Fahren, die Rechenleistung für KI-gestützte Fahrfunktionen bereitstellt. Damit zielt Mercedes auf den nächsten Standard im autonomen Fahren und stärkt zugleich seine Position im Wettbewerb mit Branchengrößen wie Nvidia und Intel.
Markt und Wettbewerb im Umbruch
Mit der Ausgründung verschafft sich Mercedes nicht nur technologische, sondern auch marktstrategische Vorteile. Athos Silicon ist nicht darauf angewiesen, öffentlich als Prozessorhersteller aufzutreten. Kunden können die Technologie unter ihrem eigenen Markennamen nutzen, ein Modell, das sich an der etablierten Praxis in der Automobilindustrie orientiert. Damit unterscheidet sich Athos klar von Nvidia, das seine Drive-Plattform medienwirksam vermarktet. Zugleich sichert sich Mercedes Zugriff auf die Innovation, ohne selbst die vollen Kosten tragen zu müssen.
Laut Athos-Technikchef Francois Piednoel, früher leitender Ingenieur bei Intel, sollen erste Muster von Polaris Anfang 2026 an Kunden ausgeliefert werden. Athos befindet sich bereits in Gesprächen mit einem asiatischen Autohersteller – nicht aus China, da Exportbeschränkungen gelten. Mercedes-Benz stärkt parallel auch sein Ökosystem für autonome Fahrtechnologien. So kündigte der Konzern eine geplante Beteiligung am chinesischen Unternehmen Momenta an, das bereits für Toyota und die Volkswagen-Tochter Audi KI-basierte Systeme entwickelt.




