Unter den strahlenden Gewinnern der letzten Handelsstunden finden sich zwei ungewohnte Gäste: Der nordamerikanische Industrie-Index Dow Jones und der Russell 2000, der die größten US-Börsenunternehmen umfasst, die es qua Marktkapitalisierung nicht in den Leitindex Standard & Poor’s 500 schaffen. In den letzten Monaten flogen beide unter dem Radar, dümpelten lange eher unentschlossen dahin. Der plötzliche Aufschwung liefert wichtige Aufschlüsse über die aktuelle Marktphase und die Fortsetzung des zuletzt etwas schläfrigen Bullenmarktes. Was sich hier abzeichnet, könnte eine fundamentale Trendwende sein und Muster wiederholen, die in früheren Marktzyklen ein wichtiger Indikator für nahende Boomphasen auf den Finanzmärkten war. Dass der S&P500 und der Nasdaq gleichzeitig schwächeln, könnte außerdem darauf hindeuten, dass der Markt gerade dabei ist, einen der wichtigsten Grundsteine für große Bullenphasen wiederzufinden – nämlich die Balance seiner Gewichtung. Was das alles bedeutet und warum ausgerechnet die unscheinbaren Indizes Dow Jones und Russell 2000 dafür so wichtig sind, klären wir jetzt.
Russell und Dow: Wenn das Fundament erwacht
Ganz zu Beginn gilt es zu verstehen, was der Dow Jones und der Russell 2000 eigentlich repräsentieren – konkret wie abstrakt. Der Index Dow Jones wurde 1884 von den Gründern des Wall Street Journals, Charles Dow und Edward Jones, ins Leben gerufen. Die im Dow Jones gelisteten Unternehmen erstrecken sich über den fertigenden und Dienstleistungssektor – neben den Tech-Riesen Apple, Microsoft und Amazon finden sich darin auch (Lebensmittel-) Versorger wie Walmart oder McDonald’s, Versicherer wie UnitedHealth, Banken wie Goldman Sachs und Industrie-Riesen wie Honeywell oder Caterpillar. Kaum ein Index deckt die nordamerikanische Wirtschaft also auf einem so breiten Spektrum ab wie der Dow Jones. Mithalten mit dieser Mischung aus Marktbreite und Leistungsstärke der einzelnen Unternehmen kann da nur noch der Russell 2000, der die nächstgrößten Börsenunternehmen nach dem S&P500 abbildet. Zu finden ist hier von Bitcoin-Mining über Software-Dienstleistungen bis hin zu Medizintechnik und Fertigung so ziemlich alles, was die Wirtschaft bietet. Während S&P500 und Nasdaq also die Spitze der Börsen-Nahrungskette abbilden, sammelt sich in Russell 2000 und Dow Jones ihr breites Fundament.
Und genau dieser Aspekt macht im Augenblick den Unterschied. In den letzten Monaten spitzten sich die Aktienmärkte immer weiter auf eine Handvoll der weltgrößten Tech-Konzerne zu: Der KI-Hype führte zu einer Konzentration der führenden Indizes, wie sie seit der Weltwirtschaftskrise 1929 nicht mehr aufgetreten war. Nun scheint sich das Geld der Anleger aus der Spitze wieder in die Breite zu verteilen. Das ist historisch gesehen ein sehr gutes Zeichen – und wird gefördert durch die Erwartung einer baldigen Lockerung der Geldpolitik durch die nordamerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed). Eine Senkung der Zinssätze führt dazu, dass Anleihen und andere festverzinsliche Anlagen weniger attraktiv werden, da sie geringere Renditen abwerfen. Dies veranlasst Investoren, ihr Kapital in risikoreichere Anlagen wie Aktien umzuschichten, was die Nachfrage nach diesen Wertpapieren und damit ihre Kurse steigen lässt. Besonders kleinere Unternehmen, die im Russell 2000 vertreten sind, profitieren davon, da sie als riskanter, aber auch potenziell renditeträchtiger gelten. Dies führt zu einer erhöhten Investitionsbereitschaft in diesen Sektor.
Sind kleine Aktien die Altcoins der Börse?
Aktuell also scheint die Risikoaffinität also wieder zu steigen: Bei niedrigen Zinssätzen sind Investoren eher bereit, höhere Risiken einzugehen, da die potenziellen Renditen im Vergleich zu sicheren Anlagen attraktiver erscheinen. Dadurch steigen Assets mit kleinerer Marktkapitalisierung und es entsteht ein selbstverstärkender Effekt: Geld fließt in die Aktien kleiner Unternehmen, die Kurse steigen, der Markt wird aufmerksam und neue Investoren steigen ein, wodurch weiteres Geld in kleine Aktien fließt. Hinzu kommt, dass Titel mit kleiner Marktkapitalisierung deutlich volatiler sind und deshalb in Boom-Phasen auch sprunghafter ansteigen als ihre großen Pendants. Diese kleineren Unternehmen profitieren zudem stärker von einer expansiven Geldpolitik, da sie auf Fremdkapital angewiesen sind, um zu wachsen und zu expandieren. Niedrigere Zinsen bedeuten niedrigere Finanzierungskosten, was ihre Geschäftstätigkeit erleichtert und ihre Gewinnmargen verbessert. Zu vergleichen ist das mit Bitcoin und den Altcoins: In unsicheren Marktphasen mit straffer Geldpolitik leiden besonders die kleineren Werte, weil sie mit höherem Risiko verbunden sind. Wird die Geldpolitik gelockert, wächst der Altcoin-Sektor wiederum häufig deutlich stärker als Bitcoin.
Die Rallye-Phasen des Russell 2000 bei niedrigen Zinsen (orange) seit den 1990er-Jahren
Überspitzt formuliert könnte man also sagen: Der Russell 2000 ist so etwas wie der Altcoin-Sektor für den traditionellen Finanzmarkt. Bedeutet sein Ausbruch also auch im Krypto-Markt eine nahende Altcoin-Season? Ganz so leicht ist der Rückschluss dann doch nicht. Ein erstes Anzeichen könnte die Verschiebung der intrinsischen Stärke von den Top-Indizes auf Dow Jones und Russell aber sein. Aktuell steigt die Risikoaffinität im Markt, kleinere Aktien holen auf und das Geld der Anleger fließt wieder in das breite Fundament. Das unterstützt nicht nur die Kursentwicklung von Indizes wie dem Dow Jones, der viele etablierte Industrieunternehmen umfasst, und dem Russell 2000, der kleinere und wachstumsorientierte Unternehmen repräsentiert, sondern auch das Gleichgewicht der Gesamtmärkte, die bei Fortsetzung dieses Trends immer weniger abhängig werden von großen Einzelaktien wie Apple, Microsoft oder Nvidia. Zuletzt verunsicherte gerade diese Abhängigkeit den Markt – was würde passieren, wenn einer dieser Giganten in eine starke Korrektur geht? Diese Gefahr sinkt durch die Ausbalancierung infolge der Anstiege in Russell 2000 und Dow Jones.
Wenn sich Geschichte wiederholt…
In der Vergangenheit gingen Boomphasen im Altcoin-Sektor häufig mit Rallyes in kleinen Aktien einher – etwa im Russell 2000. Beides wiederum wurde historisch befeuert durch expansive Geldpolitik und niedrige Zinsen. Das hat die oben angeführten Gründe: Festverzinsliche Anleihen werden mit sinkenden Zinsen weniger attraktiv. Gleichzeitig steigt das verfügbare Geld im Umlauf und Investoren wenden sich spekulativeren Werten zu, um von Volatilität und starken Wachstumsraten zu profitieren. In Phasen hoher Zinsen haben sie das nicht nötig, weil die Erträge von Anleihen die Inflation ohnehin übertreffen. Werden die Zinsen gekürzt, sieht das plötzlich anders aus. Getragen werden kleine Unternehmen in solchen Phasen auch von der Tatsache, dass viele von ihnen, die etwa im Russell 2000 gelistet sind, Dividenden zahlen, die bei niedrigen Zinssätzen besonders attraktiv erscheinen. Dies zieht zusätzliches Kapital in den Aktienmarkt, was die Kurse weiter unterstützt. Gesammelt führen diese Faktoren zu einem selbstverstärkenden Effekt, der in der Vergangenheit in starke Bullenphasen mündete.
Natürlich beginnen solche Bewegungen im traditionellen Aktienmarkt. Zwar kann man mit ein bisschen Fantasie das Verhältnis von Russell 2000 und Dow Jones zu den Top-Indizes Nasdaq und S&P500 mit der Relation von Bitcoin zu den Altcoins vergleichen. Dennoch bleibt der Krypto-Markt als Gesamtheit akutes Hochrisikogebiet für investierte Gelder. Die Umschichtung der Investorengelder von großen und dominanten Werten wie Nvidia oder Microsoft in kleinere, risikoreichere Assets nimmt ihren Anfang innerhalb des klassischen Aktienmarktes. Die Stärke im Dow Jones und Russell 2000 bei gleichzeitig verlangsamtem Wachstum etwa beim Nasdaq könnte ein früher Hinweis auf eine solche Bewegung sein. Schließlich dürften die ersten Zinssenkungen der Fed im dritten oder vierten Quartal gleich auch mit dem Ende des zähen Sommerlochs zusammenfallen, was diese Dynamik weiter verstärken könnte. Bis die Gelder dann hinüberschwappen ins Hochrisikogebiet Krypto dauert traditionell noch ein bisschen, war in früheren Zyklen aber nur eine Frage der Zeit. Wenn sich die Geschichte wiederholt, könnten auch diesmal Russell 2000 und Dow Jones zur Vorhut eines voll entfalteten Bullenmarktes im Aktien- und Krypto-Markt avancieren.




