Am Freitag veröffentlichte die nordamerikanische Botschaft in Peking einen Post über Giraffen auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo. Hört sich mit Blick auf die Aktienmärkte erstmal irrelevant an. Das Posting sammelte in kurzer Zeit aber knapp 200 000 Kommentare chinesischer Nutzer. Einer schrieb an die diplomatische Vertretung: „Bitte, US-Regierung, hilf chinesischen Aktien-Investoren!“ Kurz zuvor hatte der Shanghai Composite Index zum fünften Mal in Folge negativ geschlossen, am Montag fiel er auf den tiefsten Stand seit rund fünf Jahren. Die letzte Woche verzeichnete mit einem Abverkauf um rund 6.2 Prozent das dickste Minus seit 2018. Auf Weibo wandten sich Investoren an die amerikanische Botschaft, weil Chinas Marktaufsicht, die Securities Regulatory Commission (CSRC), Kommentare auf ihren Kanälen deaktiviert hatte. Kurz zuvor waren Leerverkäufe an großen chinesischen Börsen und der allgemeine Handel mit einer Reihe von Aktien ausgesetzt worden, um das anhaltende Abwärtsmomentum in den Griff zu bekommen. Während die kürzliche Pleite des Immobilienriesen Evergrande für Unsicherheit sorgt, kommen auch aus den Vereinigten Staaten Katalysatoren für die scharfen Abverkäufe. Die chinesische Regierung rät zur Ruhe.
In China kommt einiges zusammen – und macht Investoren Angst
„Im Leben geht es nicht nur um die Aktienmärkte“, schrieb der börsengelistete Metallproduzent Yitong New Materials vor einigen Stunden, nachdem seine Aktie um nahezu die Hälfte abverkauft wurde. Die eigenen Investoren sollten sich beruhigen, schließlich gebe es wichtigere Dinge – etwa „Eltern, Kinder, Freunde und die Lieben zuhause. Wir empfehlen Anlegern, dem Aktienmarkt vorübergehend nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken und sich zu beruhigen“. Angesichts der gut $6 Billionen, die seit den letzten Rekordständen im Februar 2021 von den chinesischen Aktienmärkten geflossen sind, ein gut gemeinter, aber wohl wenig beachteter Appell. Die chinesische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr zwar gewachsen, die Dynamik flacht im Vergleich zur vorangegangenen Dekade aber ab. Die Bevölkerungszahl ist rückläufig, die Jugendarbeitslosigkeit für chinesische Verhältnisse hoch und neben einem kriselnden Immobiliensektor – in der Vergangenheit einer der wichtigsten Treiber der chinesischen Märkte – machen auch wankende Imperien in Chinas Schattenbank-Sektor der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft zu schaffen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die globale Liquidität und Spekulationen um neue Handelsbeschränkungen aus den USA.
„Trotz der Bemühungen staatlicher Behörden, den Markt zu stabilisieren, bleiben Investoren ängstlich, was auf tiefgreifende Bedenken über die Zuverlässigkeit von Regierungsmaßnahmen und finanzpolitischer Regulierung hindeutet“, fasste Stephen Innes vom Schweizer Vermögensberater SPI Management die Situation zusammen. Erst kürzlich hatte der chinesische Präsident Xi Jinping angekündigt, milliardenschwere Subventionspakete für den Immobiliensektor und die Wirtschaft allgemein zu schnüren, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kündigte Premierminister Li Qiang auch weiterhin starkes Wachstum der chinesischen Wirtschaft an. Eine Kostprobe der Kraft chinesischer Industrie lieferte der Elektroauto-Riese BYD aus Shenzhen, als er Tesla nach verkauften Autos weltweit den Rang als größter E-Auto-Hersteller ablief. Auch die BYD-Aktie konnte sich dem Abwärtsstrudel aber nicht entziehen. Am Sonntag verkündete die chinesische Marktaufsicht dann, ihre Bemühungen zu verdoppeln, um Marktmanipulation und marktschädigende Wetten auf fallende Kurse einzudämmen. Zudem gab die chinesische Zentralbank bekannt, aufstrebenden Unternehmen leichteren Zugang zu Krediten zu gewähren, bereits im letzten Sommer wurde der Leitzins gesenkt.
Westliche Zinspolitik und Donald Trump verunsichern
Die lockere Geldpolitik aus dem Reich der Mitte steht im starken Widerspruch zur strengen Straffung, die seitens der nordamerikanischen Zentralbank (engl.: Federal Reserve; kurz: FED) und der Europäischen Zentralbank (kurz: EZB) seit Monaten forciert wird. Und obgleich zahlreiche Analysten auf innenpolitische Probleme in China hinweisen, liegt einer der wichtigsten Gründe für die aktuelle Verunsicherung auf dem chinesischen Markt ausgerechnet dort im Westen. Zwar sorgt die Aussicht auf mehrere Zinskürzungen, die noch vor Jahresbeginn seitens der Zentralbanken angedeutet wurden, für Euphorie auf den amerikanischen Märkten. Und doch fiel die letzte Zinsentscheidung vor wenigen Tagen weniger beflügelnd aus, als die allgemeine Emotion nahegelegt hätte. Zwar hielt die FED ihren Kurs und sah, wie von der Mehrheit aller Marktteilnehmer erwartet, von weiteren Zinserhöhungen ab. Die anschließenden Ankündigungen von FED-Präsident Jerome Powell implizierten jedoch eine langsamere Lockerung der Geldpolitik als erwartet. Vielfach war davon ausgegangen worden, dass die Zinsen bereits im März reduziert werden könnten, dieser Spekulation schob Powell aber vorerst einen Riegel vor und bekräftigte seinen vorsichtigen Kurs am Sonntagabend erneut: „Das Klügste, was wir tun können, ist, der Sache etwas Zeit zu geben und zu sehen, ob die Daten bestätigen, dass die Inflation nachhaltig sinkt“. Voraussichtlich sei eine Zinskürzung im März verfrüht.
Während sich die Unruhe an den nordamerikanischen Märkten – widergespiegelt durch den Standard and Poor’s 500 und den Technologie-Index Nasdaq, die nur kurze Rücksetzer erlebten – in Grenzen hielt, schien die Vorsicht der FED wie die nächste Hiobsbotschaft für China. Schließlich ist das legere wirtschaftliche Gebaren der Regierung in Peking in großen Teilen darauf ausgerichtet, ausländische Investoren ins Land zu locken, was nun erstmal schwierig sein dürfte. Als wäre Powells konservativer Zinskurs nicht schon genug, schwappte dann auch noch ein Statement von Donald Trump durch die globalen Medien, der horrende Zölle auf chinesische Produkte in Aussicht stellte, sollte er als Präsident gewählt werden. Die Rede war von über 60 Prozent fiskalischem Aufschlag bei Einfuhr aus dem Reich der Mitte, was in vielen Bereichen einem Embargo gleichkommt, da chinesische Produkte in diesem Fall preislich nicht mehr mit westlichen Konkurrenten mithalten könnten. Dass Chinas Dienstleistungssektor gleichzeitig den dreizehnten Monat in Folge gewachsen war, fiel dabei unter den Tisch. Entsprechend entschlossen gab sich die chinesische Marktaufsicht, als sie versicherte, den Markt zeitnah zu stabilisieren, „Erwartungen und Vertrauen zu festigen und anormale Marktschwankungen entschieden abzuwehren“. In Regierungskreisen wird über ein Konjunkturpaket in Höhe von ganzen $1.4 Billionen Dollar gemunkelt, um neues Wachstum zu stimulieren.
Die vermeintliche Krise war technisch absehbar
Die massenmedial verbreitete Untergangsstimmung ist dabei eine sehr eindimensionale Sicht auf die Marktentwicklung in China. So schätzt der deutsche China-Wissenschaftler und Ökonom Markus Traube die aktuelle Situation infolge der Evergrande-Pleite als „vergleichsweise unproblematisch“ ein. Auch aus Sicht unserer technischen Analyse kommen die aktuellen Abverkäufe alles andere als überraschend. So haben wir etwa für BYD schon vor einiger Zeit eine Zielzone für einen deutlichen Abverkauf hinterlegt, die dank des aktuellen Abgabedrucks immer näher rückt. Während der Kurs aktuell bei HK$171.70 notiert, erwarten wir primär weitere Korrekturen bis unter die $HK100-Marke, bevor der Kurs dreht und auf Mehrmonatsebene eine neue aufwärtsgerichtete Impulsbewegung beginnt. Das Wertpapier des Onlinehandel-Giganten Alibaba schließt laut unserer Analyse dank der aktuellen Abverkäufe eine übergeordnete Korrekturwelle ab, die bereits Anfang 2023 einsetzte. Nach der Trendwende auf mittlerem zweistelligem Kursniveau sollte es in der imminenten Impulsbewegung deutlich aufwärts in Richtung der $200-Marke gehen. Der Suchmaschinen-Riese Baidu wiederum notiert gerade jetzt in einer von uns gesetzten Zielzone und sollte dort ein lokales Tief ausbauen. Die exakten Koordinaten der entsprechenden Einstiegsmöglichkeiten teilen wir unseren Abonnenten natürlich für alle von uns analysierten chinesischen Titel mit, sobald sich Chancen ergeben. Auch im Fall von Baidu, momentan bei rund $100, könnte es dem Chartbild nach zu urteilen alsbald deutlich über $200 gehen. Denn auch die derzeit heraufbeschworene Krise wird vorübergehen – und könnte hervorragende Einstiegsmöglichkeiten in diesem vielversprechenden Aktienmarkt bieten.




