Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihr Gehalt jeden Tag in einer Schubkarre beim Firmeneingang abholen, weil die Scheine so wenig wert sind, dass sie in Kilo-Bündeln abgezählt werden. Stellen Sie sich vor, ein Ei kostet am Vormittag 10€ Milliarden und am Nachmittag darauf schon 12€ Milliarden. Und stellen Sie sich vor, der Friseur will kein Geld von Ihnen, sondern lieber ein Stück Käse, weil er damit mehr anfangen kann als mit wertlosen Banknoten. Was uns heute unvorstellbar erscheint, war im Deutschland der 1920er Jahre Alltag. Massive Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg und wirtschaftspolitische Fehler trieben die Geldentwertung ins Unermessliche. Brot kostete Billionen, das Ersparte der Menschen wurde wertlos. Das hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeprägt und sorgt bis heute für Skepsis gegenüber der Inflation. Doch ist Inflation per se schlecht? Nein, ganz im Gegenteil: In gewisses Maß an Inflation ist nicht nur unvermeidbar, sondern für das Funktionieren eines kapitalistischen Wirtschaftssystems sogar essenziell.
Euro -40%, US-Dollar -93%
Die Inflation hat einen miesen Ruf. Kein Wunder, wer findet es schon toll, wenn die Tomaten im Supermarkt immer teurer werden, die Miete jedes Jahr steigt und die Gasheizung plötzlich zum Geldfresser mutiert? Inflation heißt, dass die Preise steigen. Das bedeuet aber nicht, dass Güter oder Dienstleistungen wertvoller werden. Vielmehr nimmt die Kaufkraft des Geldes im Laufe der Zeit ab. Ein Euro hat heute einen höheren Wert als ein Euro in zehn Jahren – und umgekehrt. Von seiner Einführung 2002 bis 2020 hat der Euro fast 40 Prozent an Wert verloren. Und da ist die Inflation infolge der Corona-Pandemie noch gar nicht mit eingerechnet. Ähnlich geht es dem US-Dollar: Eine Ware, die 1945 einen Preis von $50 hatte, kostet heute etwa $750, das bedeutet einen Kaufkraft-Verlust des Dollars von knackigen 93 Prozent in den letzten 80 Jahren. Wer soll sich das leisten können? Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass sich in dieser langen Zeit auch die Gehälter massiv gesteigert haben. Europa und die Vereinigten Staaten haben seit dem Zweiten Weltkrieg einen historisch einzigartigen Aufstieg in ihrem Wohlstand erlebt. Auch wenn es paradox klingen mag: Zu verdanken haben wir den Zugewinn an Wohlstand in großen Teilen der Inflation.
Damit ist nicht gemeint, dass wir nominal mehr Geld in der Tasche haben. Das hatten die Menschen in der Weimarer Republik nämlich auch. Nur hat es ihnen damals nichts gebracht, weil die Inflation viel schneller stieg als der Wohlstand nachziehen konnte. Wohlstand entsteht aus Wirtschaftswachstum. Und für so rasantes Wirtschaftswachstum wie wir es in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, muss man die Leitwährung abwerten. Warum? Ein wichtiger Grund ist, dass Inflation den Konsum antreibt: Menschen haben einen Anreiz, ihr Geld auszugeben, bevor es an Wert verliert. In einem inflationsfreien oder gar deflationären Umfeld – also in einem Szenario, in dem der Wert des Geldes steigt – wäre der Anreiz dagegen, zu sparen und Investitionen oder Konsumausgaben zu verschieben. Deflation führt häufig zu einem wirtschaftlichen Stillstand, da die Nachfrage sinkt und Unternehmen weniger produzieren. Inflation hält also den Motor des Kapitalismus am Laufen, indem sie den Anreiz zum sofortigen Konsum schafft. Unternehmen profitieren von einer stetigen Nachfrage, was Innovation und Wachstum fördert.
Niedrige Inflation ist schlecht – hohe aber auch!
Aber kauft man nicht eigentlich weniger, wenn die Preise steigen? Kann man sich dann nicht einfach weniger leisten? Guter Einwand, da ist tatsächlich etwas dran. Extremwerte bei der Inflation sind nämlich in beide Richtungen schädlich. Sowohl zu niedrige als auch zu hohe Inflation hemmen den Konsum und damit die Wirtschaft. Eine zweistellige Inflationsrate, wie sie in manchen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren aufgetreten ist, kann zu einer Entwertung des Geldes führen, die schwer kontrollierbar ist. Menschen verlieren das Vertrauen in ihre Währung, flüchten in Sachwerte wie Immobilien, Gold oder Kryptowährungen und verstärken so den Teufelskreis der Inflation. Unternehmen haben Schwierigkeiten, ihre Kosten zu planen, und der Druck auf die Löhne steigt, was wiederum eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen kann. Preise steigen, Arbeitslosigkeit explodiert wegen zu hoher Kosten und der schwache Konsum lässt die Wirtschaft stagnieren: das Horrorszenario der Stagflation. Mit diesem Risiko aber muss unsere Wirtschaft leben.
Denn die Inflation ist eng mit dem Wesen moderner Fiat-Währungen verknüpft – also Währungen wie dem Euro oder US-Dollar, die von staatlichen Institutionen kontrolliert werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die nordamerikanische Federal Reserve (Fed) steuern die Geldmenge durch geldpolitische Maßnahmen wie Veränderungen des Leitzinses, um eine moderate Inflation von etwa zwei Prozent zu erreichen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie stark der Staat und die Zentralbanken in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen können, wenn es darum geht, eine Krise zu bewältigen. Um die Wirtschaft zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu sichern, wurden in den USA von 2020 bis 2023 fast 80 Prozent aller bisher existierenden US-Dollar gedruckt. Zu Beginn der Pandemie waren rund $4 Billionen in Umlauf, 2023 waren es knapp $19 Billionen– ein Anstieg von 375 Prozent in nur drei Jahren. Dieser massive Anstieg der Geldmenge führte in vielen Ländern zu einer erhöhten Inflation, in Deutschland lag sie 2022 bei rund acht Prozent – so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Sind deflationäre Assets wie Bitcoin die Rettung?
Immer wieder hört man die Forderung, Fiat-Währungen durch den Bitcoin zu ersetzen. Wer das für eine gute Idee hält, hat die Logiken unserer Wirtschaft nicht verstanden. Bitcoin ist so konzipiert, dass die Gesamtmenge auf 21 Millionen begrenzt ist. Dadurch wird langfristig eine Wertsteigerung erwartet, insbesondere in Zeiten, in denen Fiat-Währungen durch expansive Geldpolitik entwertet werden. Menschen, die Bitcoin halten, setzen also auf die Aufbewahrung von Wert über einen längeren Zeitraum, während Fiat-Währungen den Konsum und den kurzfristigen Umlauf von Geld fördern. Dass Bitcoin sich nicht als Landeswährung eignet, liegt nicht nur an seiner Volatilität und den begrenzten Kapazitäten des Netzwerks, die von so vielen Transaktionen, wie sie der Alltag von Millionen Bürgern erfordert, schnell überlastet wären. Als deflationäres Asset verkörpert der Bitcoin das Problem vom Beginn: Menschen sparen lieber, als ihr Geld auszugeben. Das macht Bitcoin-Halter im Vergleich zu Fiat-Währungen langfristig wohlhabender – würde aber nur der Bitcoin existieren, so stünde die Wirtschaft früher oder später still, weil man ungern BTC ausgibt.
In Sachen Wertbeständigkeit ist der Bitcoin dem Euro und US-Dollar aber allemal überlegen. Historisch gesehen haben alle Fiat-Währungen früher oder später einen Großteil ihres Wertes verloren. Die stetige Ausweitung der Geldmenge führt dazu, dass die Kaufkraft kontinuierlich abnimmt. Angesichts der enormen Ausweitung der Geldmengen während der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Inflationsgefahr stellt sich die Frage, wie es um die Zukunft des Euros und des US-Dollars bestellt ist. Zwar sind diese Währungen durch die Macht und Stabilität der jeweiligen Wirtschaftsräume abgesichert, doch auch sie sind nicht immun gegen die Auswirkungen einer ausufernden Inflation. Die Wertstabilität von Fiat-Währungen wird in einer Welt mit globalen Krisen immer schwerer aufrechtzuerhalten sein. Euro und Dollar werden langfristig an Wert verlieren – ein Schicksal, das alle Fiat-Währungen in der Geschichte geteilt haben. Die Inflation ist langfristig also der Untergang jeder Währung. Und doch ist sie der Garant für unseren Wohlstand – im richtigen Ausmaß.


1945 war ein US-Dollar gut fünfmal so viel wert wie 1984. Heute sind von der Kaufkraft 1945 nur noch rund sieben Prozent übrig (Quelle: BLS/Fed of St. Louis).
Von 1960 bis 2020 druckten die USA rund $4 Billionen, während der Pandemie verfünffachte sich diese Menge auf fast $20 Billionen (Quelle: BLS/Fed of St. Louis).
