Mafia-Verbrechen, globaler Terrorismus, Kinderpornographie: Seit Jahren wird dem Messenger-Dienst Telegram vorgeworfen, Spielwiese der organisierten Kriminalität zu sein. Im Gegensatz zum größten Konkurrenten und Meta-Zögling WhatsApp verweigert Telegram den Zugriff auf Chatprotokolle und Informationen über seine Nutzer – auch den mächtigsten Regierungen und Geheimdiensten der Welt. Diese strikte Privatsphäre-Politik gefällt nicht jedem. Schon gar nicht den Mächtigen, denen Telegram seit seiner Gründung im Jahr 2013 regelmäßig und recht unsanft die Türe zu seinen Nutzerdaten vor der Nase zuknallt. Gesicht der Plattform ist ihr Gründer Pawel Durow, der im Westen einst für seinen Widerstand gegen russische Staatsrepressalien gefeiert wurde. Ausgerechnet diese Renitenz gegen die Staatsgewalt könnte Durow nun genau dort zum Verhängnis werden, wo man ihn vor Jahren noch dafür gelobt hatte: Vor wenigen Stunden wurde der Telegram-Gründer in Frankreich festgenommen, dem Vernehmen nach drohen ihm wegen mangelnder Moderation seiner Plattform bis zu 20 Jahre Haft. Wer ist dieser Pawel Durow? Warum wurde er erst zum Staatsfeind in Russland, dann zum gefeierten Helden der Meinungsfreiheit und schließlich zum gesuchten Schwerverbrecher? Und was hat das alles mit dem Krypto-Markt zu tun?
Der ‚russische Mark Zuckerberg‘ …
„WhatsApp ist Mist“, sagte Pawel Durow im September 2015 auf einer Technologie-Konferenz in San Francisco. Damals hatte Telegram 200 Millionen monatliche Nutzer und WhatsApp war gerade für $16 Milliarden von Facebook übernommen worden. Heute hat Telegram laut Durow fast eine Milliarde Nutzer, gilt weithin aber als Nischenmedium und hat vielerorts einen schmuddeligen bis höchst sinistren Ruf – je nachdem, wen man fragt. Der französischen Polizei jedenfalls war Telegram zuletzt ein immer größerer Dorn im Auge. Dabei schienen sich die Wogen zwischen westlichen Behörden und dem Messenger zuletzt erst zu glätten. So gab die Europäische Union bekannt, in intensivem Austausch mit Telegram zu sein und Möglichkeiten auszuloten, wie dem Missbrauch der Plattform durch Kriminelle beizukommen sei. Die Festnahme am Wochenende kam für viele überraschend und erntete prominente Kritik, etwa von Elon Musk. Auch Durow schien nicht mit einem so harten Durchgreifen der Ermittler gerechnet zu haben, schließlich reiste er aus freien Stücken und ohne besondere Geheimhaltung nach Frankreich ein, dessen Staatsbürgerschaft er seit einigen Jahren neben seiner russischen besitzt.
Von Anfang an wollte Durow mit Telegram erreichen, woran WhatsApp seiner Ansicht nach schnell scheiterte: Echte Privatsphäre ohne Überwachung durch staatliche Stellen oder die Plattform selbst. Dazu nutzt Telegram komplexe Verschlüsselungen der gespeicherten Nutzerdaten und verteilt die Schlüssel dazu auf global verteilten Servern, damit keine einzelne Nation oder politische Entität einseitigen und vollen Zugriff dazu erlangen kann. Zusätzlich bietet Telegram Chatfunktionen an, die besondere Geheimhaltung garantieren – und natürlich ziehen derartige Funktionen kriminelle Nutzer an, die ihre illegalen Geschäfte nicht dem Licht der Öffentlichkeit preisgeben wollen. Das aber ist nicht die ganze Wahrheit, schließlich fungiert Telegram auch als wichtige Schnittstelle für Whistleblower oder politische Aktivisten, die in ihren Heimatländern politisch zensiert, sanktioniert oder sogar verfolgt werden. In diesem Kontext wurde die Weltöffentlichkeit das erste Mal so richtig auf Telegram-Gründer Pawel Durow aufmerksam. 2011 gab es in Russland große Proteste gegen die damaligen Parlamentswahlen, viele Demonstranten nutzten Durows erste Social-Media-Plattform vk.com, um sich zu organisieren. Der russische Geheimdienst forderte Durow auf, verdächtige Gruppen zu schließen, Durow lehnte ab.
… wird erst zum Helden der Meinungsfreiheit …
Von diesem Moment an stand der Telegram-Gründer mit dem Kreml auf Kriegsfuß. 2012 etwa veröffentlichte er im regierungskritischen russischen Magazin Afisha ein Manifest, in dem er Probleme in der russischen Politik und Wirtschaft bemängelte. Das Magazin wurde 2014 vom russischen Energiekonzern Gazprom aufgekauft und geschlossen. Das Fass zum Überlaufen brachte Durow für den Kreml, als er sich 2014 weigerte, auf vk.com den Account des russischen Aktivisten Alexei Nawalny zu löschen, der vor wenigen Wochen in einem russischen Arbeitslager ums Leben kam. Damals veröffentlichte Durow auch die Dokumente, mit denen er von der russischen Regierung dazu aufgefordert wurde, Nawalnys Inhalte zu zensieren. Anfang April 2014 trat Durow als Direktor von vk.com zurück, wenige Tage später wurde seine Wohnung von russischen Einsatzkräften gestürmt und durchsucht, wobei ein Server beschlagnahmt wurde. Daraufhin verließ Durow seine russische Heimat und ging ins ausländische Exil. Zurückkommen werde er nicht, schrieb der damals 30-Jährige. Bis heute gehören vk und Telegram zu den Internetmedien mit den meisten Nutzern in Russland.
In den ersten Jahren nach seiner Flucht aus Russland reiste Durow ruhelos über den ganzen Globus und verbrachte mit seinem Team angeblich nie mehr als wenige Wochen an einem Ort. 2018 wurde Telegram in Russland offiziell verboten, der Kreml warf Durow vor, Terroristen zu unterstützen. Durow und Telegram wichen auf andere IP-Adressen aus, immer wieder ging der Messenger ans Netz. Dieser Spießrutenlauf ging so weit, dass die russische Regierung für mehrere Tage weite Teile des national empfangbaren Internets lahmlegte, um Telegram endlich kleinzukriegen. Zu den zeitweise gesperrten rund 20 Millionen IP-Adressen gehörten auch Google und YouTube. In vielen westlichen Medien wurde Durow damals für seine Standhaftigkeit gegen russische Repressalien gefeiert, die Euphorie um Durows Interpretation von Meinungsfreiheit flaute in den Folgejahren aber rasch ab. Immer wieder geriet Telegram auch mit westlichen Regierungen und Institutionen aneinander. Im Mai prüfte die EU-Kommission strikteres Vorgehen gegen Telegram, auch die deutsche Bundesregierung kritisierte den Messenger in der Vergangenheit dafür, demokratiefeindlichen Gruppen und Verschwörungsmythen ein Forum zu bieten.
… und dann zum verurteilten Schwerverbrecher
Eine Eskalation zwischen Durow und westlichen Behörden schien nicht zu drohen. Erst Anfang Juli gab das Bundesinnenministerium bekannt, dass Telegram mit den deutschen Behörden kooperieren wolle und man „ein konstruktives Gespräch“ mit der Konzernspitze geführt habe. Dennoch wurde Durow nun bei seiner Ankunft an einem Pariser Flughaften am Samstagabend festgenommen. Die französische Justiz wirft ihm vor, zu wenig gegen kriminelle Machenschaften auf Telegram zu unternehmen und nicht ausreichend mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Laut Insider-Informationen aus Vorermittlungen soll Durow angelastet werden, sich durch fehlendes Eingreifen mitschuldig gemacht zu haben an Drogenhandel, Betrug oder auch Kindesmissbrauch, wofür die jeweiligen Täter Telegram benutzt haben sollen. Telegram selbst reagierte scharf auf die Anschuldigungen und schrieb vor wenigen Stunden in einem Statement, dass Durow „nichts zu verbergen“ habe. „Telegram hält sich an EU-Gesetze, auch an den Digital Services Act – unsere Moderation entspricht den Standards der Branche“, fügte der Messenger-Dienst hinzu. Durow reise oft nach Europa, außerdem sei es „absurd zu behaupten, dass eine Plattform selbst oder ihre Betreiber für kriminellen Missbrauch dieser Plattform verantwortlich seien“.
Unerwarteten Beistand bekommt Durow ausgerechnet aus seiner ehemaligen Heimat Russland, aus der heftige Kritik am Vorgehen der französischen Behörden laut wurde. "Wir haben die französischen Behörden unverzüglich aufgefordert, die Gründe für diese Inhaftierung zu erläutern, und gefordert, dass seine Rechte geschützt werden und ihm konsularischer Zugang gewährt wird", gab die russische Botschaft in Paris über eine Nachrichtenagentur bekannt und kritisierte: „Bis heute weigert sich die französische Seite noch immer, in dieser Angelegenheit zu kooperieren.“ Die Situation des Telegram-Gründers wird immer paradoxer: Vor wenigen Jahren war Durow in Europa noch als russischer Regimegegner gefeiert worden und musste seine Heimat verlassen, nun sitzt er in Frankreich in Haft und ausgerechnet Russland bemüht sich um ihn. 2017 trat Durow sogar als einer der Young Global Leaders auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos auf und wurde in vielen Medien als russischer Mark Zuckerberg bezeichnet. Dieser westliche Zuspruch scheint nun verflogen zu sein – und doch hat Durow immer noch mächtige Fürsprecher.
Musk ist für Durow – der Krypto-Markt auch
Elon Musk etwa forderte auf seiner Plattform X die Freilassung Durows, der Kreml-Kritiker Georgij Alburow bezeichnete die Festnahme als „ungerecht” und als „großen Schlag gegen die Meinungsfreiheit“. Hohe Welle schlug Durows Verhaftung auch im Krypto-Markt. Seit 2017 ist Telegram im Blockchain-Sektor aktiv, Anfang 2018 startete die Plattform die Testphase für ihre eigene Blockchain unter dem Namen Telegram Open Network (TON). Das erste Testnetzwerk wurde im Frühjahr 2019 gelauncht, wenige Monate später publizierten die Entwickler den Code der TON-Blockchain auf der Open-Source-Plattform GitHub. Seit 2019 sind das Netzwerk und der zugehörige Toncoin im Visier der nordamerikanischen Börsenaufsicht Security and Exchange Commission (SEC), deren Einspruch die erste Verteilungsphase des Tokens deutlich verzögerte. Wie bei vielen anderen Altcoin-Projekten warf die SEC auch Telegram vor, mit TON ein unreguliertes und damit illegales Wertpapier ausgegeben zu haben, was ein Gericht in den USA nach einem langen Rechtsstreit Anfang 2020 bestätigte.
Daraufhin gab Pawel Durow bekannt, dass Telegram nicht mehr aktiv an TON teilhaben werde und stimmte milliardenschweren Strafzahlungen zu. Dennoch gilt TON als wichtige Zahlungslösung auf Telegram, wuchs auf eine Marktkapitalisierung von zwischenzeitlich mehr als $25 Milliarden an und ist aktuell die zehntgrößte Kryptowährung überhaupt. Die Festnahme von Pawel Durow wurde von einem TON-Abverkauf von mehr als 20 Prozent begleitet und schlug im gesamten Krypto-Markt hohe Wellen. Schließlich gilt Telegram als eine der vielversprechendsten Plattformen für eine baldige Integration von Bitcoin und Altcoins zur Zahlungsabwicklung. Außerdem sind sich der Blockchain-Space und Telegram einig beim bedingungslosen Kampf für Privatsphäre – eine Mission, die Pawel Durow erst zum Staatsfeind Nummer eins in Russland, dann zum Helden im Westen und nun zum verhafteten Angeklagten in Frankreich machte.


Als man ihn nach seinem Vorbild fragte, nannte Pawel Durow Apple-Gründer Steve Jobs. 2021 erhielt Durow im Sonderverfahren den französischen Pass.
Die EU will Telegram stärker regulieren. Dazu sagte die estische Premierministerin Kaja Kallas: "Telegram ist groß genug, um denselben Regeln zu unterliegen wie Facebook, X und YouTube"
Innerhalb weniger Minuten korrigierte Toncoin (TON) am Samstag um mehr als 20 Prozent. Ähnlich scharf wurde das verwandte Projekt Notcoin (NOT) abverkauft.

