Das chinesische Finanzministerium intensiviert derzeit die Kontrolle der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die für inländische Unternehmen tätig sind, weil es befürchtet, dass diese nicht genug tun, um Fehlverhalten von Unternehmen aufzudecken. Das berichteten zuletzt drei Insider gegenüber Reuters. Die verstärkten Kontrollen betreffen Deloitte, EY, PwC und KPMG und fokussieren sich auf deren Prüfungen einiger Finanzinstitute und hoch verschuldeter Unternehmen. Die Maßnahmen begannen vor einigen Monaten und folgen einer behördlichen Untersuchung der “Intermediäre" des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande, zu denen auch Wirtschaftsprüfer und Ratingagenturen gehören. Die Evergrande Real Estate Group, welche mit seinen Schulden in Verzug geraten war, und dessen Liquidation im Januar diesen Jahres beschlossen wurde, ist von den chinesischen Behörden für schuldig befunden, seinen Umsatz um nicht weniger als $78 Milliarden künstlich aufgebläht zu haben. Im Zuge der Untersuchungen des Falls wurde PwC zu einer Rekordstrafe verurteilt, da es deutliche Mängel bei der Prüfung gegeben habe. Die strengere Kontrolle der Big Four ist Teil eines umfassenden Programms der chinesischen Regierung zur Bekämpfung von Finanzbetrug und zur Wiederherstellung des Vertrauens in die chinesischen Märkte.
Das chinesische Finanzministerium hatte die Big-Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bereits in der Vergangenheit routinemäßig überprüft. In diesem Jahr habe es jedoch deutlich mehr Unterlagen angefordert als in der Vergangenheit und die Zahl der Anfragen an die Wirtschaftsprüfer sei stark gestiegen, berichten die Insider. Im Fokus stehen vor allem Prüfungen von kleinen und schwachen Kreditgebern aus hoch verschuldeten Provinzen. Auch die Prüfungen chinesischer Vermögensverwaltungsgesellschaften würden genauer unter die Lupe genommen, so eine Quelle. Darüber hinaus stünden die Prüfungen von Staatsunternehmen mit hohem Fremdkapitalanteil und Immobilienentwicklern unter verschärfter Beobachtung, so eine weitere Quelle.
Die Skepsis ist nicht unbegründet
Mit der starken Zunahme von Börsengängen chinesischer Unternehmen in Hongkong oder den USA haben die Big Four in den letzten zwei Jahrzehnten ihre Präsenz in China deutlich ausgebaut. Ihre Arbeit war wichtig, um das Vertrauen in das Land zu stärken, als es sich für ausländische Investoren öffnete. Die Probleme des Immobilienentwicklers Evergrande haben jedoch die Defizite einiger Wirtschaftsprüfer aufgezeigt. Sie hätten „Probleme nicht erkannt, bevor es zu spät war”, kommentierte Francine McKenna, Gründerin von The Dig, einer Zeitschrift für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung, und fügte hinzu: „Das Finanzministerium ist zu Recht besorgt, dass Chinas Finanzdienstleistungsunternehmen durch die anhaltenden Probleme im Immobiliensektor gefährdet sind.”. Chinesische Aufsichtsbehörden stellten fest, dass Evergrande, das einst größte Bauunternehmen des Landes, die Einnahmen seiner wichtigsten Einheit Hengda in den zwei Jahren bis 2020 um nicht weniger als 564 Milliarden Yuan zu hoch angegeben hatte. PwC war fast vierzehn Jahre lang Wirtschaftsprüfer von Evergrande, bis es Anfang 2023 zurücktrat. Im vergangenen Mai kündigte die chinesische Regierung deshalb eine Rekordstrafe von mindestens 1 Milliarde Yuan ($138 Millionen) gegen den Wirtschaftsprüfer an. Außerdem muss PwC damit rechnen, dass einige seiner Büros auf dem chinesischen Festland geschlossen werden.
Chinas Offensive gegen Finanzbetrug
Anfang des Monats kündigte die chinesische Regierung an, dass sie härter gegen Finanzbetrug im Allgemeinen vorgehen und auf intensivere Strafen für Gesetzesbrecher drängen werde. Die chinesische Wertpapieraufsichtsbehörde (China Securities Regulatory Commission, CSRC) und fünf weitere Regierungsbehörden haben gemeinsam eine Reihe von Richtlinien gegen Finanzmarktbetrug veröffentlicht. „Finanzbetrug stört die Ordnung auf dem Kapitalmarkt und erschüttert das Vertrauen der Anleger”, so die CSRC in der gemeinsamen Erklärung. Die Regulierungsbehörden werden „die Hauptübel verfolgen”, „Komplizen bestrafen” und koordinierte, systematische und umfassende Anstrengungen zur Betrugsbekämpfung unternehmen. Die CSRC habe Gesetze überarbeitet, um härtere Strafen zu verhängen. Beispielsweise seien die Gesetze so überarbeitet worden, dass ein Unternehmen, das unehrliche Angaben mache, mit einer Geldstrafe von bis zu 10 Millionen Yuan ($1.38 Millionen) belegt werden könne, statt wie bisher mit 600.000 Yuan ($82 568), so die Aufsichtsbehörde. Diejenigen, die gegen die Offenlegungsvorschriften verstoßen, können mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden, vorher waren es drei Jahre. Vermittler, die falsche Dokumente veröffentlichen, können ebenfalls mit zehn Jahren Haft bestraft werden, so die CSRC. Abschließend bleibt abzuwarten, wie effektiv diese Reformen in der Praxis umgesetzt werden und ob sie die gewünschten Ergebnisse in Bezug auf Transparenz, Stabilität und Vertrauen im chinesischen Finanzsektor erzielen werden.



