Weltweit wagen derzeit deutlich weniger Unternehmen den Schritt an die Börse. Vor allem in Europa ist die Zurückhaltung spürbar: Im zweiten Quartal 2025 sank die Zahl der Börsengänge um rund 46 Prozent (von 38 im Vorjahr auf nur noch 22 IPOs). Während in den USA und China selektiv wieder größere Platzierungen stattfinden, bleiben viele europäische Vorstände vorsichtig. Grund dafür sind anhaltende geopolitische Spannungen, Konjunktursorgen und ein insgesamt schwankendes Investorenumfeld.
Doch was bedeutet das eigentlich „an die Börse gehen“? Und warum tun Unternehmen das überhaupt?
Stellen Sie sich vor, Sie betreiben einen erfolgreichen kleinen Laden. Die Nachfrage wächst, Sie träumen davon, zu expandieren: vielleicht ein Onlineshop, neue Produkte, ein Team, das Sie unterstützt, Kollaborationen. Dafür brauchen Sie natürlich Kapital. Und nun stellen Sie sich vor: Statt zur Bank zu gehen, geben Sie Anteile Ihres Unternehmens gegen Geld ab. Menschen, die an Sie und Ihr Konzept glauben, kaufen sich ein Stück Ihres Geschäfts. Genau das tun große Unternehmen, wenn sie an die Börse gehen.
Ein Börsengang, auch IPO (Initial Public Offering) genannt, bedeutet, dass ein Unternehmen seine Anteile, also Aktien, öffentlich verkauft. Von diesem Moment an kann jeder, also sowohl private als auch institutionelle Anleger, Anteile an der Firma kaufen oder verkaufen. Die Firma ist damit börsennotiert.
Was wie ein rein finanzieller Schritt klingt, ist in Wahrheit ein tiefer Einschnitt in die Unternehmensstruktur. Denn mit dem Börsengang beginnt ein völlig neues Kapitel: Mehr Geld, mehr Bekanntheit, mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Pflichten, mehr Kontrolle und mehr öffentliche Aufmerksamkeit.
Warum entscheiden sich Unternehmen für diesen Schritt?
Ein Börsengang ist für viele Unternehmen ein wichtiger Meilenstein. Es gibt verschiedene Gründe, warum sie sich dafür entscheiden:
Viele Unternehmen benötigen Geld, um wachsen zu können. Das kann zum Beispiel für neue Standorte, Maschinen, Produkte oder Mitarbeitende verwendet werden. Über die Börse können sie dieses Kapital von vielen verschiedenen Anlegern einsammeln.
1. Die Finanzierung über die Börse macht unabhängiger von Banken. Denn anders als bei einem Kredit muss das Kapital von Aktionären nicht zurückgezahlt werden, und es fallen auch keine regelmäßigen Zinsen an.
2. Ein Börsengang zeigt, wie viel ein Unternehmen wirklich wertist. Der Kurs der Aktie spiegelt wider, wie der Markt die Firma einschätzt. Dieser Wert ist zum Beispiel bei Verhandlungen mit Geschäftspartnern oder bei Übernahmen wichtig.
Eigen- oder Fremdkapital: Wie wird Wachstum finanziert?
Grundsätzlich haben Unternehmen zwei Möglichkeiten, sich frisches Kapital zu beschaffen: Sie können entweder einen Kredit aufnehmen (Fremdkapital) oder neue Eigentümer ins Boot holen (Eigenkapital).
Fremdkapital:
Fremdkapital wie Bankkredite, Anleihen oder Leasing bringt dem Unternehmen frisches Geld, muss aber mit Zinsen zurückgezahlt werden – unabhängig vom Geschäftserfolg. Die Kapitalgeber haben kein Mitspracherecht, erwarten aber pünktliche Rückzahlung.
Eigenkapital:
Eigenkapitalgeber, wie Aktionäre beim Börsengang, werden Miteigentümer und tragen Chancen und Risiken mit. Statt Rückzahlung erhalten sie eine Gewinnbeteiligung, zum Beispiel in Form von Dividenden.
Gegenüberstellung von Fremdkapital und Eigenkapital als zentrale Finanzierungswege für Unternehmen.
Was passiert bei einem Börsengang genau?
Ein Börsengang erfolgt nicht von heute auf morgen. In der Regel vergehen vier bis sechs Monate intensiver Vorbereitung, in denen zahlreiche organisatorische, rechtliche und kommunikative Maßnahmen umgesetzt werden.
Equity Story
Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte Equity Story, also die klare und überzeugende Darstellung, warum ein Investment in das Unternehmen attraktiv ist. Diese Geschichte basiert auf einem soliden Geschäftsmodell, nachvollziehbaren Wachstumszielen und einer realistischen Strategie.
Die Equity Story bildet das kommunikative Herzstück des Börsengangs. Denn nur wenn ein Unternehmen glaubwürdig und transparent auftritt, kann es das Vertrauen potenzieller Anleger gewinnen. In der Praxis spricht man in diesem Zusammenhang häufig auch davon, „die Braut hübsch zu machen“. Gemeint ist damit, dass sich das Unternehmen in seiner besten Form präsentieren muss, um für den Kapitalmarkt möglichst ansprechend zu wirken. Diese bewusste Schärfung des öffentlichen Profils, etwa durch strategische Fokussierung, klare Kennzahlen und professionelle Außendarstellung, wird mitunter auch als „Window Dressing“ bezeichnet. Die Attraktivität in der Wahrnehmung des Marktes ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Aktie nicht nur erfolgreich platziert, sondern auch dauerhaft stabil gehandelt wird.
Börsenreife
Gleichzeitig muss das Unternehmen über die notwendige Börsenreife verfügen. Damit ein Unternehmen überhaupt an die Börse gehen darf, muss es bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel muss klar geregelt sein, wer im Unternehmen wofür verantwortlich ist. Die internen Abläufe sollten gut organisiert und nachvollziehbar sein. Außerdem muss das Unternehmen in der Lage sein, regelmäßig und verlässlich über seine Geschäftszahlen zu berichten, und zwar nach bestimmten internationalen Regeln, die für alle börsennotierten Unternehmen gelten. Wichtig ist auch, dass Informationen offen und ehrlich an die Öffentlichkeit weitergegeben werden. Denn wer an der Börse notiert ist, steht unter genauer Beobachtung und muss zeigen, dass er professionell arbeitet und bereit ist, sich transparent gegenüber Anleger zu verhalten.
Rechtsform AG
Damit ein Unternehmen an die Börse gehen kann, muss es die passende Rechtsform haben, nämlich die einer Aktiengesellschaft (AG). Nur Aktiengesellschaften dürfen ihre Anteile öffentlich an der Börse handeln. Deshalb wird ein Unternehmen vor dem Börsengang in der Regel in eine AG umgewandelt, falls es nicht schon eine ist.
Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft ist eine grundlegende Voraussetzung für den Börsengang.
Bei dieser Umwandlung wird das bisherige Eigenkapital des Unternehmens, also das Geld, das bisher von den Eigentümern eingebracht wurde oder durch Gewinne erwirtschaftet wurde, in viele gleich große Anteile aufgeteilt. Diese Anteile heißen Aktien. Jede Aktie steht dann für einen kleinen Teil des Unternehmens.
Umstrukturierung der Unternehmensführung
Auch die Unternehmensführung muss neu aufgestellt werden. Die Governance-Strukturen werden klar strukturiert. Es muss ersichtlich sein, wer im Unternehmen wofür verantwortlich ist.
Ein symbolischer Handschlag steht für die enge Zusammenarbeit von Unternehmen und externen Beratern während des Börsengangs Quelle: KI-generiert
Ein Börsengang ist nichts, was ein Unternehmen allein stemmen kann. Deshalb kommen Experten ins Spiel: Investmentbanken, Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer begleiten den Prozess.
Bookbuilding und Preisermittlung
Vor dem Börsengang wird der Ausgabepreis der Aktie ermittelt. Die gängigste Methode dafür ist das sogenannte Bookbuilding-Verfahren: Ausgewählte Investoren geben innerhalb eines festgelegten Zeitraums an, wie viele Aktien sie zu welchem Preis kaufen würden. Diese Rückmeldungen werden im sogenannten Orderbuch gesammelt und analysiert. Auf Basis dieser Nachfrage legt das Unternehmen gemeinsam mit den begleitenden Investmentbanken den endgültigen Ausgabepreis fest.
Parallel wird entschieden, wie viele Aktien insgesamt angeboten werden sollen, wer sie kaufen darf (z. B. institutionelle Investoren oder auch Privatanleger) und wie groß das Platzierungsvolumen sein soll, damit einerseits genug Handel zustande kommt, aber andererseits nicht zu viele Anteile abgegeben werden.
Das daraus resultierende Emissionsvolumen, also Ausgabepreis multipliziert mit der Anzahl der platzierten Aktien, fließt dem Unternehmen zu und steht zur freien Verfügung. Eine Rückzahlung ist nicht erforderlich.
Nach dem Börsengang wird die Aktie an der Börse täglich gehandelt. Der Kurs bildet sich ab diesem Zeitpunkt ausschließlich durch Angebot und Nachfrage am Markt.
Was haben Aktionäre davon?
Aktionäre kaufen nicht einfach ein Wertpapier. Sie erwerben Anteile an einem Unternehmen und werden damit rechtlich gesehen zu Miteigentümern. Das bringt verschiedene Rechte und potenzielle Vorteile mit sich:
- Sie erhalten in der Regel eine jährliche Dividende, also ihren Anteil am erwirtschafteten Unternehmensgewinn.
- Allerdings gilt: Je kleiner der investierte Betrag, desto geringer fällt auch der Dividendenanteil aus.
Beispiele:
- Apple zahlt derzeit rund $1.00 Dividende pro Aktie und Jahr, aufgeteilt auf vier Quartalszahlungen. Wer beispielsweise 50€ in Apple investiert, erhält, bei einem Aktienkurs von etwa $200, rechnerisch rund 0.25 Aktien. Daraus ergibt sich ein Dividendenanspruch von 0.25 × $1.00 = $0.25 pro Jahr, also umgerechnet etwa 0.23€ jährlich. In vielen Fällen ist der Betrag damit symbolisch, zeigt aber dennoch: Die Gewinnbeteiligung gilt für alle Aktionäre, unabhängig vom Anlagevolumen.
- Die Mercedes-Benz Group AG zahlt derzeit (Stand Juli 2025) eine Dividende von 4,30 € pro Aktie, was bei einem Aktienkurs von rund 51 € einer attraktiven Dividendenrendite von 8,42 Prozent entspricht. Wer beispielsweise 50 € in Mercedes-Benz investiert, erhält rechnerisch etwa 0,98 Aktien. Daraus ergibt sich ein Dividendenanspruch von: 0,98 × 4,30 € = rund 4,21 € pro Jahr.
Auch bei kleineren Anlagebeträgen entsteht bei dividendenstarken Unternehmen eine spürbare Ausschüttung. Besonders bei regelmäßiger Reinvestition und langfristigem Anlagehorizont kann so ein stabiler passiver Ertragsstrom aufgebaut werden.
Sie haben ein Stimmrecht auf der Hauptversammlung, etwa bei der Wahl des Aufsichtsrats oder bei Entscheidungen über die Verwendung des Gewinns. Dabei gilt das Stimmrecht unabhängig von der Höhe der Beteiligung. Selbst wer nur eine einzige Apple-Aktie im Wert von rund 50$ hält, ist formell stimmberechtigt und kann an der jährlichen Hauptversammlung teilnehmen. Dies geschieht dann meist digital oder durch elektronische Abstimmung. Zwar ist der Einfluss bei solch kleinen Anteilen rein rechnerisch gering, das Stimmrecht besteht dennoch und wird individuell ausgeübt.
Und der wohl wichtigste Grund: Wenn ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist, schätzen Anleger den Wert des Unternehmens höher ein. Dadurch steigt der Marktwertder Aktie, also ihr Börsenkurs. Wer die Aktie zu einem späteren Zeitpunkt verkauft, erhält dann mehr Geld als ursprünglich investiert wurde und erzielt dadurch einen sogenannten Kursgewinn.
Darüber hinaus genießen Aktionäre einen hohen Grad an Transparenz: Börsennotierte Unternehmen sind verpflichtet, regelmäßig ihre Geschäftszahlen offenzulegen. Diese Informationen sind öffentlich zugänglich und ermöglichen es allen Investoren unabhängig vom Anlagevolumen, sich ein fundiertes Bild von der wirtschaftlichen Lage und den Zukunftsaussichten eines Unternehmens zu machen. Ein Blick auf die Investor-Relations-Seiten großer Unternehmen wie Apple, Siemens oder SAP zeigt, wie detailliert diese Einblicke sein können.
Chancen und Risiken eines Börsengangs für Unternehmen
Ein Börsengang bringt viele Vorteile mit sich:
- Der Zugang zum Kapitalmarkt wird geöffnet.
- Das Unternehmen gewinnt an Bekanntheit.
- Mitarbeitende können am Unternehmen beteiligt werden.
- Alte Eigentümer können Teile ihres Vermögens liquidieren.
- Die Unternehmensnachfolge kann besser geregelt werden.
Allerdings ist er auch mit Aufwand verbunden:
- Die Einmalkosten sind hoch: bis zu 10% des Emissionserlöses gehen für Beratung, Prospekt, Marketing und rechtliche Prüfungen drauf. Hinzu kommen laufende Kosten:
- regelmäßige Finanzberichte
- Betreuung von Investoren,
- Durchführung der Hauptversammlung,
- und Gebühren für die Börsennotierung.
- Auch das erhöhte Maß an Transparenz und öffentlichem Druck ist nicht zu unterschätzen. Der Markt urteilt täglich und nicht immer gnädig.
Lohnt sich der Börsengang für Unternehmen?
Eine vielbeachtete Studie des Finanzwissenschaftlers Jay R. Ritter von der University of Florida untersucht seit Jahren die Entwicklung von Börsengängen in den USA. In seiner letzten Auswertung bis einschließlich 2023 analysiert er über 9.000 IPOs seit 1980 und prüft, ob sich der Börsengang für Unternehmen langfristig auszahlt.
Die zugrundeliegende Hypothese: “Ein IPO sollte nicht nur kurzfristig Kapital einbringen, sondern auch zu überdurchschnittlicher Kursentwicklung führen.”
Die Ergebnisse zeigen jedoch ein differenziertes Bild: Zwar erzielen viele Unternehmen am ersten Handelstag hohe Gewinne (im Durchschnitt etwa 18.9 Prozent Kursplus), doch langfristig bleiben viele IPOs hinter dem breiten Markt zurück. Besonders nicht-technologische Unternehmen schneiden mit einer durchschnittlich negativen Überrendite von bis zu −12.5 Prozent nach drei Jahren oft schlechter ab als andere Branchen.
Die Studie macht deutlich: Ein Börsengang allein ist kein Garant für langfristigen Erfolg. Entscheidend bleibt, wie sich das Unternehmen nach dem IPO wirtschaftlich entwickelt und wie tragfähig das Geschäftsmodell ist.
Kein Zocken, sondern Teilhabe
Ein Börsengang ist weit mehr als ein spektakulärer Börsenstart mit Blitzlichtgewitter. Für das Unternehmen ist es ein strategischer Wandel und für Anleger die Möglichkeit, Teil einer echten Erfolgsgeschichte zu werden.
Denn wer in Aktien investiert, zockt nicht. Er oder sie beteiligt sich am echten Wirtschaftsgeschehen. Und das kann sich mit Geduld und klugem Blick langfristig auszahlen.
Häufige Fragen zum Thema IPO:
Für was steht die Abkürzung IPO?
IPO steht für „Initial Public Offering“ – also den erstmaligen Börsengang eines Unternehmens.
Wie funktioniert ein IPO?
Beim IPO verkauft ein Unternehmen erstmals Anteile (Aktien) an der Börse. Dadurch wird es öffentlich handelbar und sammelt Kapital von Investoren ein.
Welche Nachteile hat ein IPO?
Ein IPO ist teuer, aufwendig und macht das Unternehmen durch Offenlegungspflichten und Aktionärseinfluss deutlich transparenter und angreifbarer.
Wie viel kostet ein IPO?
Die Kosten eines IPOs können für Beratung, Prospekt, Marketing und laufende Berichtspflichten bis zu 10 Prozent des Emissionserlöses betragen.
Was ist ein IPO von Aktien?
Ein IPO von Aktien bezeichnet die erstmalige öffentliche Ausgabe von Unternehmensanteilen (Aktien) an der Börse.
Wie viel Umsatz für IPO?
Es gibt keine feste Umsatzgrenze, aber IPO-Kandidaten sollten über ein tragfähiges Geschäftsmodell, stabile Erträge und Wachstumspotenzial verfügen.
Wie kann ich in ein IPO investieren?
Privatanleger können über ihre Bank oder Online-Broker Aktien eines IPOs zeichnen. Dies geschieht meist nur in bestimmten Zeitfenstern vor dem Börsenstart.
Welcher Broker bietet IPO an?
Nicht alle Online-Broker bieten die Möglichkeit, Aktien bereits vor dem Börsenstart zu zeichnen. Trade Republic zum Beispiel erlaubt keine direkte Teilnahme an IPOs, da der Broker nicht Teil eines Emissionskonsortiums ist und keinen Zugang zum sogenannten Bookbuilding-Prozess hat.
Andere Anbieter wie comdirect oder Flatex bieten unter bestimmten Voraussetzungen die Zeichnung von Aktien vor dem Handelsstart an. Dies geschieht meist nur bei ausgewählten Emissionen und in begrenztem Umfang. Wer gezielt an IPOs teilnehmen möchte, sollte sich vorab beim jeweiligen Broker informieren, ob ein Zugang zur Zeichnung besteht und welche Bedingungen erfüllt sein müssen.








