Mit einem angeblichen Vermögen von einer Viertelmilliarde Dollar ist die 84-jährige Demokratin Nancy Pelosi die reichste Senatorin der Vereinigten Staaten. Im Gesamtranking des US-Parlaments liegt sie auf Platz drei. Von 2019 bis 2023 war sie Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, seit Jahrzehnten ist sie fixer Bestandteil der US-Politik. Über ihre eigene Geschichte veröffentlichte sie mehrere Bücher, eins davon trägt den Titel: Die Kunst der Macht. Nancy Pelosi hat also massig politische Erfahrung – und dazu noch eine ganze Menge Geld. Allgemein ist ihre Familie gut betucht, schließlich ist ihr Ehemann prominenter Venture Capitalist (dt. Wagniskapitalgeber) und hat in den vergangenen Jahrzehnten seinerseits ein Millionenvermögen mit Aktiengeschäften angehäuft. Große Teile von Nancy Pelosis Vermögen stammen aus derselben Quelle: Mit Aktienoptionen, etwa auf die Anteilsscheine prominenter Tech-Giganten, verdiente sie sich in den vergangenen Jahren eine goldene Nase. Die Reddit-Community kürte sie vor einiger Zeit sogar zur besten Investorin aller Zeiten. Wie in dem berüchtigten Online-Forum so üblich, ist auch diese Bezeichnung nicht frei von beißendem Sarkasmus. Denn Nancy Pelosi wird vorgeworfen, ihre politische Rolle zu missbrauchen, um Marktbewegungen zu antizipieren und daraus Profit zu schlagen. Die Beweislage ist jedoch dünn.
„Nancy Pelosi besitzt keine Aktien“
„Nancy Pelosi hat in den letzten 197 Tagen das Zwanzigfache ihres Einkommens verdient“, schrieb ein Analyst Anfang Juni auf X, vormals Twitter. Ganz exakt war diese Aussage nicht, schließlich gehören die Aktien eigentlich ihrem Ehemann Paul – einen großen Unterschied macht das fürs Familienvermögen aber wohl nicht. Vergangenen Sommer kaufte Paul Pelosi millionenschwere Optionen auf Nvidia-Aktien, die es ihm ermöglichten, die Aktien für einen festgelegten Preis zu kaufen. Mit Optionen spekulieren Investoren auf steigende oder fallende Aktienkurse. Anders als beim Hebel-Trading hält man die Bestände aber nicht, sondern vereinbart lediglich mit einer anderen Partei, die Wertpapiere zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen vereinbarten Wert zu kaufen oder zu verkaufen. Einigt man sich nun auf einen Kaufpreis für einen Zeitpunkt in einem halben Jahr und die Aktie steigt bis dahin überproportional an, so kann man die Aktien sozusagen mit Rabatt einstreichen. Das tat auch Paul Pelosi mit Nvidia-Anteilen, die vor einem Jahr wohl nur bei Experten auf der Watchlist standen. Mittlerweile ist Nvidia das wertvollste Börsenunternehmen der Welt und die Position der Pelosis angeblich mit mehreren Millionen Dollar im Plus.
Ein Sprecher von Nancy Pelosi reagierte auf Medienberichte mit einem knappen Statement: „Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, besitzt keine Aktien und hat keine Vorkenntnisse oder nachträgliche Beteiligung an irgendwelchen Transaktionen“. Das Problem nur: So richtig glaubt den Pelosis keiner, dass sie nicht hin und wieder am Abendbrottisch darüber reden, was denn jetzt politisch so geplant ist für die Regulierung oder Unterstützung von großen Aktienunternehmen, an denen man Anteile erwerben könnte. Deshalb hält sich seit Jahren der Vorwurf Nancy Pelosi betreibe Insider-Trading. Denn mit ihren Investments (respektive jenen ihres Mannes) ist Pelosi ziemlich erfolgreich. Es gibt bereits Plattformen, die Nancy Pelosis Handelsaktivitäten verfolgen und Nutzern ermöglichen, diese zu kopieren. Aus dem ursprünglichen Meme ist also eine regelrechte Anleger-Bewegung geworden. Christopher Josephs, der eine der prominentesten Plattformen für Pelosi-Copy-Trading anbietet, sagte Ende Mai zu Fox Business: „In diesem Jahr hat das Pelosi-Portfolio nicht nur mit Nvidia einen Gewinner. Auch ihre anderen Aktien haben sich gut entwickelt, darunter Crowdstrike, das seit Jahresbeginn um 45 Prozent gestiegen ist und Google, das im selben Zeitraum ein Plus von 45 Prozent verbuchte.“
„Man müsste sich eigentlich darüber lustig machen“
Lückenlos nachvollziehen lassen sich die Transaktionen der Pelosis freilich nicht. Als US-Abgeordnete ist Nancy Pelosi zwar verpflichtet, ihre Aktienkäufe offen zu legen, dies aber geschieht nicht in Echtzeit und auch nur mit ungefähren Wertangaben. Und dennoch meint Christopher Joseph im Mai: „Wir schätzen, dass ihr Portfoliowert in den letzten zwölf Monaten um 28.5 Prozent gestiegen ist, was die Entwicklung des S&P 500 um 16.5 Prozent übertrifft.“ Gerade Nvidia steht in dieser Sache im Fokus – und auf der Einkaufsliste der Pelosis immer wieder ganz oben. Schon 2022 kaufte Pelosis Ehemann millionenschwere Anteile am mittlerweile weltgrößten Chip-Produzenten, kurz bevor der Senat positiv über ein breites Subventionsprogramm für den heimischen Halbleitersektor abstimmte. Als Kritik am Timing dieses Kaufs aufkam, verkaufte Paul Pelosi seine Anteile mit leichten Verlusten. Nancy Pelosi wies die Vorwürfe entschieden zurück und antwortete auf die Frage, ob ihr Mann auf ihre Hinweise hin jemals Aktien gekauft habe: „Nein. Auf keinen Fall.“ Tatsächlich gibt es keinerlei juristisch relevante Indizien für Verstöße gegen Insider-Gesetze seitens der Pelosis. Ende 2021 opponierte Nancy Pelosi jedenfalls gegen ein Gesetz, das es Kongress-Abgeordneten und deren Ehepartnern verboten hätte, in Aktien zu investieren. Damals meinte sie: „Wir sind eine freie Marktwirtschaft. Auch Abgeordnete sollten am Aktienmarkt teilhaben können.“
Auch diese Entscheidung erregte Aufsehen. Walter Shaub, der ehemalige Direktor der US-Behörde für Regierungsethik kritisierte Pelosis Aussagen scharf: „Das ist eine lächerliche Aussage! Natürlich haben wir eine freie Marktwirtschaft. Aber ein durchschnittlicher Trottel bekommt auch keine vertraulichen Briefings von Regierungsexperten, die vollgestopft sich mit nicht-öffentlichen Informationen mit direkten Auswirkungen auf den Aktienmarkt.“ Dabei war Nancy Pelosi in diesem Moment lediglich das Symbol für ein deutlich größeres Problem, was Shaub in einem späteren Tweet auch bekräftigte: „In einer objektiven Welt, die frei von Politik ist, müsste man sich über Kongress-Abgeordnete lustig machen wegen der absurd schwachen Ethik-Regelungen, die sie sich selbst auferlegen.“ Traditionell kritisieren NGOs in den Vereinigten Staaten zahlreiche hochrangige Politiker für ihre Aktiengeschäfte. 2019 etwa hatte der damalige republikanische Abgeordnete Chris Collins zugegeben, seinen Sohn auf eine gescheiterte klinische Studie hingewiesen zu haben, die ein Pharma-Unternehmen in den Ruin trieb, dass Collins jahrelang öffentlich angepriesen hatte.
Pelosi kauft Nvidia – und stößt Tesla ab
Die Insider-Informationen hatte Collins erhalten, weil er neben seiner politischen Funktion auch noch im Direktorium des Unternehmens saß. Collins war phasenweise der größte Anteilseigner des Unternehmens, zwei Kinder lagen auf den Plätzen zwei und vier. Collins wurde damals zu 26 Monaten Haft verurteilt, aber vom ehemaligen Präsidenten Donald Trump begnadigt. Ungefähr zur selben Zeit sollen gleich mehrere US-Abgeordnete kurz vor dem Corona-Crash noch große Aktienbestände abgestoßen haben – auch hier wurde wegen möglichen Insider-Tradings ermittelt, allerdings ohne Erfolg für die Behörden. Zwar sind US-Abgeordnete durch ein Gesetz mit dem passenden Namen STOCK-Act dazu verpflichtet, ihre Aktien-Transaktionen in regelmäßigen Abständen offenzulegen – in vielen Fällen wird das Gesetz allerdings einfach missachtet. Verstöße werden oft nicht sanktioniert und wenn mal jemand für schuldig befunden wird, liegen die Strafen laut CNBC in der Regel bei rund $200. Bei einem angeblichen Jahresgehalt von mehr als $220 000 während ihrer Zeit als Sprecherin des Repräsentantenhauses sind das für Nancy Pelosi Peanuts. Wobei Pelosi kein Verstoß gegen den STOCK-Act vorzuwerfen wäre. Im Juli gab sie bekannt, dass ihr Ehemann mal wieder 10 000 Nvidia-Aktien gekauft, dafür aber 2500 Anteilsscheine von Tesla, und 2000 von Visa verkauft habe.


Nancy Pelosis Ehemann Paul ist Venture Capitalist und soll Millionen mit Tech-Aktien verdient haben. Insider-Informationen sollen laut den Pelosis nicht im Spiel gewesen sein.

