„Ich bin Satoshi“ – Bitcoin-Vater vor Gericht
#Kryptowährungen

„Ich bin Satoshi“ – Bitcoin-Vater vor Gericht

Author

Simeon Koch

Kein Name steht so sehr für den Krypto-Markt wie Satoshi Nakamoto – und doch kennt ihn niemand. Fast niemand. Denn mindestens einer weiß, wer hinter dem Pseudonym steckt. Oder besser gesagt: wusste es. Die einzige sichere Spur zum Entwickler der Bitcoin-Blockchain ist seit Jahren tot. Und wie es mit Erbschaften so ist, stritten sich seither gleich mehrere vermeintliche Satoshis um das ominöse Vermächtnis des Bitcoin-Schöpfers. Eines der bekanntesten Satoshi-Doubles, der australische Programmierer Craig Wright, steht nun vor einem Londoner Gericht. Seit bald zehn Jahren beansprucht er, als Gründer der weltgrößten Kryptowährung anerkannt zu werden, seine Kampagne begann ein paar Monate nach der letzten öffentlichen Nachricht des echten Satoshi. Die Bitcoin-Community bezeichnet Wright als Hochstapler, bisher konnte er keinen technischen Beweis vorlegen. Außerdem passt sein rüdes Auftreten kaum zur besonnenen Art, die Nakamoto in seinen Postings an den Tag legte. Kann Wright seine Behauptungen nun allerdings belegen, würde das den Krypto-Markt erschüttern – wenn er die mysteriöse Genesis-Wallet öffnet.

Panik um die Genesis-Wallet

Satoshis Verschwinden gleicht einem Krimi. Im Februar 2009 postete Satoshi in einem bekannten Bitcoin-Forum eine lange Nachricht, die er mit den Worten einleitete: „Ich habe ein neues digitales Open-Source- und P2P-Geldsystem entwickelt. Es heißt Bitcoin.“ Eine ganze Reihe von Postings später verschwand er von der Bildfläche, das war 2010. Ebenfalls im Frühjahr 2009 setzte der nordamerikanische Software-Ingenieur Harold Finney auf Twitter die knappe Nachricht ab: „Bitcoin läuft“. Als Satoshi auf Fragen im Forum nicht mehr antwortete, machten sich Gerüchte breit, Nutzer spekulierten über die wahre Identität des Bitcoin-Gründers und einigten sich irgendwann darauf, dass es sich wohl um ein Pseudonym handle. Harold Finney verriet Satoshis Identität nie, obwohl er sie gekannt haben muss. Schließlich bekam er 2009 die erste Bitcoin-Transaktion von Satoshi zugeschickt, die zwischen zwei Menschen abgewickelt wurde. Die letzte Transaktion tätigte Satoshis erste Bitcoin-Adresse, die sogenannte Genesis-Wallet, im Frühling 2009, wenige Tage nachdem Bitcoin live gegangen war. Hal Finney starb fünf Jahre später und nahm das Geheimnis mit ins Grab.

Wie viele Bitcoins Satoshi tatsächlich angehäuft hat, ist unklar. Abgesehen von der Genesis-Wallet lassen sich ihm nur ein paar Adressen definitiv zuordnen. Die Schätzungen schwanken zwischen 600 000 und mehr als einer Million Coins, womit Satoshis Wallets das größte Bitcoin-Vermögen umfassen, das je eine einzelne Person besessen hat. Wer Zugang zu diesen Konten bekommt, verfügt über immense Macht auf dem Markt, der Gegenwert der Satoshi-Bitcoins liegt zwischen $30 und $50 Milliarden, was bei Abverkäufen massive Preisschwankungen auslösen und den Markt bei einem täglichen Gesamtvolumen von gerade einmal rund $20 Milliarden sogar an den Rand eines Kollapses bringen könnte. Entsprechend besorgt blickten Bitcoin-Fans jahrelang auf Satoshis Wallets, die aber keinerlei Lebenszeichen gaben. Daraufhin gab sich die Community damit zufrieden, dass die Wallets es ihrem Besitzer wohl gleichgetan haben und für immer verstummt sind. Sollte jemals eine Satoshi-Wallet erwachen, würde das wohl für Chaos am Krypto-Markt sorgen.

Coinbase und MicroStrategy verklagen Satoshi-Double

Dass Satoshi wiederkehrt mit düsteren Plänen im Gepäck, hält zumindest Jamie Dimon, Geschäftsführer der Investmentbank JPMorgan für möglich, wie er vor ein paar Tagen in einem Interview betonte – spätestens, wenn der letzte Bitcoin gemined wurde: “Ich denke, es besteht eine große Chance, wenn wir bei 21 Millionen Bitcoin sind, dass Satoshi auftauchen, hysterisch lachen und alle Bitcoin löschen wird”. Mit Blick auf die symbolische und rein markttechnische Bedeutung der ersten Wallets ist es also nicht verwunderlich, dass Satoshis wohl bekanntester Doppelgänger, Craig Wright, für Aufsehen sorgte, als er 2016 aggressiv behauptete, das Gesicht hinter dem Pseudonym zu sein. In einem Gespräch sagte er Reportern, die einen Beweis in Form einer Transaktion von der Genesis-Wallet forderten: „Ich mache nicht jeden Scheiß mit. Ich öffne nicht jede einzelne Wallet, die ich besitze. Ich habe die verdammten Schlüssel zu den ersten Wallets, ich habe den verdammten Genesis-Block und den verdammten Code. Ich werde nicht alles offenlegen und scheiße auf die Meinung der Leute“. Mitte Januar bekräftigte Wright dann auf X, vormals Twitter, dass er der echte Satoshi sei: „Ich habe den Bitcoin erdacht und ihn der Welt vorgestellt. Ich habe mich entschieden, BTC aufzugeben, weil ich nicht zulassen werde, dass er in einer grotesken Form existiert“.

Das hörte sich ganz und gar nicht nach Satoshi Nakamoto an, der seine Nachrichten immer sehr bedacht formuliert hatte. Schon in der Vergangenheit stand Wright vor Gericht, ohne nennenswertes Ergebnis. Wright fordert das Urheberrecht auf das Bitcoin-Whitepaper, was ihm durch Lizenzgebühren ein Vermögen und großen Einfluss auf die größte Kryptowährung verschaffen könnte. Jetzt könnte es aber ernst werden, eine NGO namens Crypto Open Patent Alliance (COPA) verklagte ihn 2021 und fordert finale Beweise. COPA wird unterstützt von Twitter-Gründer Jack Dorsey, dem Bitcoin-Verfechter MicroStrategy und der Krypto-Handelsbörse Coinbase. Das Angebot einer außergerichtlichen Einigung vonseiten Wrights hat COPA bereits abgelehnt und hinterhergeschoben: “Wrights Behauptung, Satoshi Nakamoto zu sein, ist eine dreiste Lüge und eine ausgeklügelte Erzählung, die durch Fälschungen im industriellen Maßstab ermöglicht wird.“

Wright will Milliarden für Bitcoin-Lizenz – kommt Satoshi zurück?

Als Beweis für seine Behauptungen legte Wright Dokumente und Dateien vor, die seine Urheberschaft des Bitcoin-Whitepapers belegen sollen, COPA entlarvte sie aber als manipuliert. Wright wiederum wirft einem ehemaligen Vertrauten und Kollegen vor, die Unterlagen schon vor Jahren bearbeitet zu haben, weil dieser schon damals vermutet haben soll, dass Wright Jahre später versuchen würde, sich damit als Satoshi zu erkennen zu geben. Die Anklage hält diese Argumentation für wenig plausibel. Obgleich Wright behauptet, die ersten Entwürfe für Bitcoin schon 2002 ausgearbeitet zu haben, bewies COPA, dass die von Wright als Beweis vorgelegten Dateien mit Textverarbeitungsprogrammen geschrieben wurden, die erst Mitte der 2010er auf den Markt kamen – also Jahre nach dem Launch der Bitcoin-Blockchain. In den letzten Jahren verklagte Wright mehrere Bitcoin-Halter auf milliardenschwere Lizenzzahlungen, vor Gericht könnte ihm das Klagerecht nun entzogen werden. Wright selbst behauptet, es gehe ihm nicht ums Geld, sondern um den Schutz des Bitcoin.

Wrights Anwalt schließlich argumentiert: „Wenn Dr. Wright nicht Satoshi wäre, sollte man vom echten Satoshi erwarten, dass er an die Öffentlichkeit tritt, um den Gegenbeweis anzutreten“. Sollte das wirklich geschehen, käme es im milliardenschweren Bitcoin-Markt wohl zu ähnlichem Chaos, wie wenn Wright tatsächlich den finalen Beweis erbringt und die Genesis-Wallet öffnet. Sein Lager hält wohl beides für ausgeschlossen, daher die provokante These seines Anwalts. Vielleicht ist eine Rückkehr Nakamotos aber gar nicht so abwegig, wie es scheint. Vor ein paar Jahren schossen sich große Medien auf den japanischen Physiker Dorian Satoshi Nakamoto ein, allein der Name reichte aber nicht, um die Vermutung zu belegen, er sei der Bitcoin-Gründer. Als der Aufruhr um den völlig überforderten Japaner publik wurde, sendete der Satoshi-Account im Forum nach Jahren der Stille seine bis heute letzte Nachricht: „Ich bin nicht Dorian Nakamoto.“

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.