Elon Musk und Sam Altman können sich nicht besonders gut riechen. Das ist spätestens bekannt, seit Musk seinen ehemaligen Kompagnon und dessen KI-Marktführer OpenAI vor ziemlich genau einem Jahr verklagte. Der Vorwurf lautete damals: Sam Altman habe die gemeinnützige Mission von OpenAI verraten, indem er Milliarden von Microsoft angenommen, einen gewinnorientierten Unternehmenszweig aufgebaut und den Code des weltberühmten KI-Modells ChatGPT zum Geschäftsgeheimnis erklärt habe. Trotz der juristischen Scharmützel verbindet Musk und Altman bis heute eine Art Hassliebe, die gerne und regelmäßig auf Social Media ausgelebt wird. Vor gut einer Woche machte Musk ein Angebot von fast 100 Milliarden US-Dollar für das fast dreimal so hoch bewertete OpenAI. Altman antwortete süffisant mit dem Gegenangebot, die Plattform X für ein Zehntel des Preises, also knapp zehn Milliarden, zu übernehmen.
Die Häme war kaum zu übersehen, Altman spielte auf den Wertverlust des Netzwerks an, das seit Musks Übernahme für gut 40 Milliarden Dollar im April 2022 viele Werbepartner verloren hat. Dass es ziemlich ungemütlich werden kann, wenn man Musk in der Öffentlichkeit persönlich attackiert, zeigte sich erst kürzlich in der Stargate-Affäre, die zum ersten großen Streitpunkt zwischen Musk und seinem politischen Favoriten Donald Trump wurde. Und auch auf Sam Altmans Spitze antwortete Elon Musk nun auf seine ganz eigene Weise: Mit xAI, seinem vor etwa einem Jahr gegründeten KI-Startup, hat Musk Anfang der Woche eine neue Version des Chatbots Grok präsentiert. Grok soll der Konkurrenz weit voraus sein und sämtliche KI-Modelle von Anthropic, Google und vor allem natürlich OpenAI in den Schatten stellen. Selbst der chinesische KI-Shootingstar DeepSeek sieht gegen Grok offenbar alt aus. Experten warnen dennoch – besonders vor Musks Plänen einer anti-woken KI.
„Die intelligenteste KI der Welt“
Wie schnell sich eine Meinung doch ändern kann. Noch im März 2023 hatte Musk sich einem offenen Brief von Wissenschaftlern und Tech-Experten angeschlossen und einen Stopp in der KI-Entwicklung gefordert. Begründet wurde der Aufruf an internationale Entwickler mit Bedenken zur Sicherheit von autonomen Algorithmen und der Gefahr, die Kontrolle über selbstlernende Systeme zu verlieren. Zwei Jahre später hat Musk sich in gewohnt halsbrecherischem Tempo an die Spitze des Wettrennens um die stärkste Künstliche Intelligenz gesetzt. Von den damaligen Skrupeln schien nichts mehr übrig, als Musk Anfang der Woche auf X prahlte, sein neues Modell Grok 3 sei die „schlauste KI der Welt“ und geradezu „furchteinflößend intelligent“.
Dass Musk die Erwartung dieser furchteinflößenden Überlegenheit gegenüber menschlichen Fähigkeiten vor einigen Monaten noch zum Anlass nahm, zur Verlangsamung der KI-Entwicklung aufzurufen? Geschenkt. Musk selbst würde sein Umdenken wahrscheinlich mit dem eigenen Vorhaben rechtfertigen, politisch vermeintlich voreingenommenen Modellen der Konkurrenz nicht die Marktführerschaft zu überlassen. Genauer gesagt hat Musk es weiterhin darauf angelegt, eine möglichst anti-woke KI zu erschaffen, schon im vergangenen Frühjahr hatte der reichste Mann der Welt seinen Mitbewerber Google für angeblich zu linke KI-Ergebnisse kritisiert. Musks Ansinnen, seine politischen Präferenzen in der KI-Welt zu verwirklichen, lässt Kritik unter Branchekennern laut werden. Dazu später mehr.
Mindestens so wichtig wie die politische Ausrichtung seines neuen Chatbots Grok sind Musk verständlicherweise dessen Leistungsparameter. Glaubt man dem Tesla-Chef, so schneidet Grok 3 bei der Beantwortung von Fragen auf Doktorandenniveau aus der Mathematik, Physik, Biologie und Chemie deutlich besser ab als Konkurrenzmodelle von Anthropic, Google oder OpenAI. Aus der Luft gegriffen sind diese Lobeshymnen freilich nicht: Auf der wichtigen KI-Testplattform Imarena.ai, wo autonome Modelle ihre Fähigkeiten in unterschiedlichsten Aufgabengebieten unter Beweis stellen, erzielte Grok 3 den höchsten Score überhaupt und erreichte als erster KI-Bot einen Wert von 1400 Punkten. Das neueste Modell von ChatGPT kommt aktuell auf 1377 Zähler, Googles Gemini liegt mit gut 1380 Punkten noch zwischen Musk und Altman. Der chinesische Konkurrent DeepSeek liegt mit rund 1360 Punkten auf Platz 5.
Musk baut Supercomputer – Experten warnen
Mit DeepSeek verbindet xAI deutlich mehr als eine Top-Platzierung auf der Testplattform Imarena (deren Unabhängigkeit angezweifelt wird). Denn Grok 3 entstand in ähnlich kurzer Zeit wie DeepSeeks jüngstes Modell, das nach wenigen Monaten Entwicklungszeit bereits ChatGPT Konkurrenz machte und damit den Tech-Sektor aufmischte. Bereits im April letzten Jahres kündigte Musk an, die beste KI der Welt bauen zu wollen. Keine zwölf Monate später scheint Grok 3 über allen Konkurrenzprodukten zu thronen. Das notwendige Training der Algorithmen übernahm der Supercomputer Colossus, der in nur 122 Tagen im US-Bundesstaat Tennessee aufgebaut wurde und aktuell eine Kapazität von rund 200 000 Grafikprozessoren (GPUs) umfasst. Bis 2026 will Musk seinen Supercomputer auf mindestens eine Million Prozessoren aufblähen.
xAIs Colossus: Der Supercomputer wurde auf 200 000 GPUs aufgestockt
und das im Rekordtempo.
Was sagt Sam Altman dazu? Kurz vor der Veröffentlichung von Grok 3 konterte Altman, dass auch der Code von Musks neuer Super-KI nicht den Transparenz-Ansprüchen genüge, die Musks Anwälte von OpenAI fordern. Gratulationen erreichten das Team von xAI derweil von Andrej Karpathy, einem weiteren Mitgründer von OpenAI. Zwar habe Grok vor allem bei der Suche nach seriösen Fakten, logischem Verständnis und in Sachen Humor noch ein paar Schwächen. Insgesamt aber sei Grok 3 „etwas besser als DeepSeek und Googles Gemini“, was „ziemlich beeindruckend“ sei, weil „das Team von xAI die Entwicklung erst vor einem Jahr am Reißbrett begonnen hat“. Ganz unabhängig ist Karpathys Meinung trotz seiner OpenAI-Vergangenheit aber nicht. Schließlich war der slowakische Entwickler von 2017 bis 2022 Direktor für Künstliche Intelligenz bei Tesla.
Musk dürfte der Zuspruch von Karpathy dennoch freuen, an anderer Stelle nämlich gerät Grok schon jetzt in die Kritik. Musk Anspruch an Grok, „das Universum zu verstehen“ und „der Wahrheit“ zu folgen, anstatt „politisch korrekt“ zu sein, deuten Experten als Hinweis auf eine mögliche rechtsgerichtete Verzerrung in Groks Antworten. Laut Andrej Karpathy ist diese Sorge unbegründet. Im Test habe Grok „sich geweigert, auf die Frage zu antworten, ob es in Ordnung wäre, jemanden mit der falschen Geschlechtsidentität anzusprechen“. Das Modell sei also „immer noch ein bisschen zu sensibel bei komplexen ethischen Themen“. Diese Einschätzung ist durchaus kontrovers – Musk dürfte es aber ohnehin nicht so wichtig sein, dass Grok von allen verstanden wird. Der Science-Fiction-Roman, aus dem der Name Grok stammt, trägt den Titel: Fremder in einer fremden Welt.


Mehrfach geriet Elon Musk mit Sam Altman aneinander. Streitpunkt war stets das ehemals gemeinsame Projekt OpenAI. Jetzt will Musk den KI-Thron übernehmen.
