Für einen Großteil der deutschen Politik und nahezu die gesamte Medienlandschaft sind der Atomausstieg sowie die Verlagerung der Energiebeschaffung auf regenerative Quellen kompromisslos. Auch in Zeiten, in denen sowohl das deutsche Volk als auch die hiesige Industrie massiv unter den im Zuge der Sanktionen gegen Russland stark gestiegenen Gas- und Ölpreisen leiden, halten die führenden Akteure an ihren Plänen fest. Spätestens im April 2023 sollen die letzten drei noch aktiven Kraftwerke vom Netz gehen. Doch zuletzt mehren sich die Stimmen aus der Industrie, die diese Pläne – zumindest in der Form, wie sie in Deutschland in den vergangenen Jahren vorangetrieben wurden – nicht nur kritisieren, sondern sie gewissermaßen als wirtschaftlichen Selbstmord bezeichnen. Wir hatten in diesem Zusammenhang auch jüngst im Artikel BayWa-Chef: Ohne Atomkraft stirbt die deutsche Wirtschaft über Klaus Josef Lutz und seine – gelinde gesagt – kritische Haltung gegenüber der deutschen Energiepolitik berichtet.
Nun holt mit Nikolas Stihl ein weiterer prominenter Unternehmer zum Rundumschlag in Richtung der deutschen Politik aus. Und der Chef des Maschinenbauunternehmen Stihl schlägt in Sachen Energiewende hierbei in dieselbe Kerbe, wie der oben angesprochene Klaus Josef Lutz. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur lässt der führende Kopf des Motorsägen-Weltmarktführers verlauten: „Bei der Art und Weise, wie da vorgegangen wird, ist Dilettantismus schon ein relativ schwaches Wort“.
Bereits vor über zehn Jahren habe er darauf hingewiesen, dass es innerhalb von nur zwei Dekaden nicht möglich sei, das Stromnetz so auszubauen, dass der in den Windparks im Norden generierte Strom in den Süden des Landes transportiert werden könne. Und diese These hat sich durchaus als richtig erwiesen, wurden doch bislang landesweit lediglich 2000 der notwendigen 12 000 Kilometer Leitungen fertiggestellt. Um die formulierten Klimaziele zu erreichen, müssten in Deutschland darüber hinaus nun pro Jahr 2000 neue Windräder gebaut werden. Laut Stihl eine ebenfalls kaum zu bewältigende Herausforderung.
Stihl vertritt die Meinung, dass man sich hierzulande viel zu schnell von der Atomkraft abgewandt habe und die verbliebenen Atomkraftwerke – nicht zuletzt angesichts der aktuellen Energiekrise – „selbstverständlich weiterlaufen“ müssen. In den Brunnen gefallen sei das Kind in Sachen Atomkraft aber bereits vor 30 Jahren. Hätte man hier die Forschung nicht eingestellt – so die Meinung Stihls – würde man heute wohl über effektivere, sicherere und weniger Atommüll produzierende Kraftwerke verfügen.
Stihl selbst verbaut in den vergangenen Jahren anstatt von Verbrennungsmotoren zunehmend Akkus in seinen Geräten, derzeit liegt der Anteil dieser elektrisch betriebenen Maschinen bei rund 19%. Dieser Anteil soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Nikolas Stihl geht davon aus, dass in naher Zukunft wohl alle Geräte für den Privatgebrauch mit Akkus betrieben werden. Professionelle Motorsägen hingegen seien – beim aktuellen Stand der Technik – noch auf absehbare Zeit auf die leistungsstärkeren Verbrennungsmotoren angewiesen. Auch deshalb forscht das Unternehmen an klimafreundlichen Kraftstoffen. Erst im in diesem Jahr hatte Stihl einen solchen CO2-reduzierten E-Fuel auf den Markt gebracht.
In Zeiten, in denen sich sogenannte Klima-Aktivisten mit Sekundenkleber auf vielbefahrene Straßen kleben und hierfür von Teilen der Politik mit Applaus belohnt werden, scheint die Energiewende-Debatte zunehmend in gleichermaßen irrationale wie emotionsgeladene Sphären abzudriften. Auch deshalb ist es extrem wichtig, den immer lauter werdenden kritischen Stimmen aus der Industrie Gehör zu schenken und sich nicht vom Idealismus treiben zu lassen. Vor allen Dingen die Regierenden sollten sich diesen Stimmen unter keinen Umständen verschließen, kommen diese doch tatsächlich – im Gegensatz zu vielen politischen Entscheidungsträgern – aus der wirtschaftlichen Praxis.



