Die Billionen der Erbinnen: Machtwechsel mit Verspätung
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Die Billionen der Erbinnen: Machtwechsel mit Verspätung

Author

Muriel Ayari

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der größte Vermögenstransfer der Geschichte geht in Richtung Frauen
  • Viele Erbinnen übernehmen zu spät Verantwortung
  • Welche Hürden Frauen trotz wachsender Vermögen ausbremsen

 

Vergessen wir kurz mal die üblichen Schlagzeilen über Zinsen, den Iran-Krieg oder den nächsten KI-Hype. Die massivste Verschiebung von Kapital findet gerade in den Notariaten statt. Wir erleben den Great Wealth Transfer: Die größte intergenerationelle Vermögensübertragung der Geschichte. Bis 2030 werden allein in den USA schätzungsweise 34 Billionen US-Dollar von der Babyboomer-Generation an Jüngere übergehen. Das ist eine Summe, die fast dem anderthalbfachen Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten entspricht.

Weltweit werden laut Schätzungen des World Economic Forum bis zu 83 Billionen US-Dollar vererbt. Da Frauen statistisch gesehen länger leben und zudem zunehmend als Erbinnen der nächsten Generation (Töchter) auftreten, führt dies zu einer massiven Feminisierung des Kapitals: Ihr Anteil am weltweiten investierbaren Vermögen soll bis 2030 auf nahezu 40 Prozent ansteigen. Das entspricht einem globalen Kapitalstock von rund 46 Billionen US-Dollar. Bereits heute halten sie rund 32 Prozent des weltweiten Kapitals. Doch wer darin nur eine Erfolgsgeschichte sieht, übersieht das strukturelle Problem dahinter.

 

Das Timing: Verantwortung kurz vor knapp

Der Women’s Wealth 2030-Report der Schweizer Großbank UBS zeigt, dass hinter dem Wachstum weiblicher Vermögen (ca. 51 Prozent in den letzten Jahren) eine bittere biologische Komponente steckt: Frauen erben spät. Weil sie statistisch länger leben, werden sie oft erst nach dem Tod ihres Partners zu Hauptvermögensträgerinnen. Die strategischen Weichen müssten jedoch Jahrzehnte früher gestellt werden.


Vermögensverantwortung beginnt für viele Frauen erst spät im Leben.


Besonders kritisch ist dabei die fehlende Kommunikation: Laut UBS-Bericht erwarten 72 Prozent der Frauen beim Erbe massive Schwierigkeiten, weil sie vorher nie mit dem Partner oder den Eltern über Details gesprochen haben. Rund ein Drittel der Erbinnen hat vor dem Erbfall keinerlei Informationen über Umfang oder Struktur des Vermögens.

 

Ein System, das die Übung verweigert

In vielen Partnerschaften herrscht noch immer eine traditionelle Rollenverteilung: Er investiert, sie wird informiert. Wenn das Vermögen übertragen wird, fehlt die Routine im Umgang mit Märkten. Das liegt nicht an mangelndem Talent, sondern an fehlender Einbindung. McKinsey verdeutlicht dieses Defizit durch die Managed Assets-Lücke: Aktuell werden 53 Prozent der von Frauen kontrollierten Vermögenswerte nicht aktiv verwaltet, sondern liegen oft aus purer Verunsicherung durch das bestehende Beratungssystem unverzinst auf Konten herum.


Finanzentscheidungen bleiben oft lange ungleich verteilt.


Wenn diese Frauen schließlich das Ruder übernehmen, blicken sie völlig anders auf Geld. Es geht ihnen um Sicherheit, langfristige Lebensqualität und gesellschaftliche Relevanz. Frau Daten der UBS belegen diese Prioritäten: Für 67 Prozent der Frauen steht der Vermögenserhalt vor kurzfristiger Rendite. Diese werteorientierte Haltung ist messbar: Frauen gewichten Nachhaltigkeitskriterien (ESG) bei Anlagen doppelt so stark wie Männer. Sie investieren gezielter in Unternehmen, die fair mit Menschen umgehen oder die Umwelt schützen. Laut BNY Mellon könnten weltweit zusätzlich 1.87 Billionen US-Dollar in Impact Investing fließen, wenn Frauen im gleichen Maße investieren würden wie Männer. Dieser Kapitaltransfer wird somit zum größten Hebel für den Klimaschutz.

 

Der Faktor Altersvorsorge

Problematisch wird es auch beim Blick auf die Altersvorsorge. Der Gender Pension Gap ist das Ergebnis einer lebenslangen Benachteiligung. Schon ein Lohnunterschied von zehn Prozent führt durch den fehlenden Zinseszinseffekt zu einem Vermögensdefizit von bis zu 40 Prozent. Liegt die Lücke bei 20 Prozent, wächst das Defizit auf brutale 85 Prozent an.


Individuelle Lebensrealitäten erfordern neue Beratungsansätze.


Um das greifbar zu machen: Nehmen wir zwei fiktive Karrieren über 40 Jahre bei einer jährlichen Rendite von 5 Prozent. Thomas verdient 5 000 Euro netto und spart davon 500 Euro. Julia verdient 10 Prozent weniger (4 500 Euro) – da ihre Fixkosten aber gleich bleiben, kann sie nur 250 Euro sparen. Nach 40 Jahren besitzt Thomas ein Kapital von rund 760 000 Euro. Julia kommt trotz des kleinen Gehaltsunterschieds nur auf circa 380 000 Euro. Ihr fehlen am Ende 50 Prozent des Vermögens, weil ihr monatlich weniger freies Kapital für den Zinseszins zur Verfügung stand.

Karriereknick mit Folgen fürs Vermögen

Laut McKinsey beginnt das Problem nicht erst an der Spitze, sondern schon ganz am Anfang der Karriereleiter: Frauen werden seltener in erste Führungspositionen befördert und fehlen dadurch später automatisch in den oberen Etagen.  Auf 100 beförderte Männer kommen nur etwa 85 Frauen.


Karrierechancen entscheiden früh über spätere Vermögensverhältnisse.


Das Erbe fungiert hier oft nur als späte Reparatur eines Systems, in dem Frauen ohne diesen Geldsegen massiv in die Altersarmut steuern würden. Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2025 über 21 Prozent der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet. Bei Männern lag die Quote deutlich niedriger (17,5 Prozent). Ohne zusätzliche Vermögensübertragungen würde diese Schere noch weiter aufgehen, da Frauen im Schnitt rund 26 Prozent geringere Alterseinkünfte beziehen (Gender Pension Gap).

Analysen des DIW zeigen zudem: Erbschaften sind für Frauen relativ betrachtet wichtiger als für Männer. Da Frauen oft mit einem geringeren Ausgangsvermögen starten, macht das Erbe bei ihnen im Mittel 53 Prozent ihres gesamten Endvermögens aus, bei Männern sind es nur 41 Prozent. Das Erbe ist für viele also nicht der Bonus zum Reichtum, sondern die notwendige Kompensation für lebenslang entgangenes Einkommen. Trotz der Billionen-Erben erreichen Frauen über ihr Leben hinweg im Schnitt nur rund 74 Prozent des Vermögens von Männern.

 

Strukturelle Mauern in der Finanzwelt

Dass Frauen in Entscheidungspositionen unterrepräsentiert sind, liegt an Hürden, nicht am Können. Dies belegt die langjährige Women in the Workplace-Studie von McKinsey und LeanIn.Org, die als umfassendste Analyse zum Thema gilt. Die Forscher identifizierten dabei die Broken Rung (die kaputte Sprosse) als Hauptursache: Frauen scheitern meist nicht erst an der obersten Führungsebene, sondern verpassen den Anschluss bereits beim allerersten Karriereschritt. Auf 100 Männer, die in eine erste Führungsposition befördert werden, kommen demnach nur 87 Frauen. Da dieser Filter so früh greift, dünnt sich die Pipeline nach oben hin automatisch aus, was die geringe Quote von nur elf Prozent weiblichen Portfoliomanagern weltweit erklärt.

Besonders deutlich wird die Schieflage bei Investitionen in Start-ups: Obwohl weiblich geführte Start-ups laut einer Analyse der Boston Consulting Group (BCG) pro investiertem Dollar 78 Cent Umsatz generieren, während männlich geführte Teams lediglich 31 Cent erzielen, erhalten Gründerinnen nur einen Bruchteil des Kapitals. In Europa fließen beispielsweise weiterhin rund 90 Prozent des gesamten Venture Capitals in rein männliche Teams.


Kapitalzugang bleibt trotz Leistung ungleich verteilt.


Dass dies kein Zufall, sondern ein systematischer Bias ist, belegt eine Studie der Harvard Business Review: In Pitch-Gesprächen werden Männern überwiegend Promotions-Fragen gestellt (z. B. Wie werden Sie den Markt erobern?), während Frauen mit Präventions-Fragen konfrontiert werden (z. B. Wie wollen Sie Verluste vermeiden?). Dieser psychologische Bias führt dazu, dass Investoren Männern eher zutrauen, Werte zu schaffen, während sie bei Frauen lediglich darauf achten, Werte zu bewahren.

Häufig übernehmen Erbinnen zudem bestehende Strukturen, wie etwa den Finanzberater des verstorbenen Partners. Doch die Beziehung hält meist nicht: Laut McKinsey-Studien lösen rund 70 Prozent der Frauen die Verbindung zum bisherigen Finanzberater innerhalb eines Jahres nach dem Tod ihres Ehepartners auf. Der Grund ist systemisch: Ein Großteil der Frauen fühlt sich in der rein männlich geprägten Logik der Beratung nicht abgeholt. UBS-Umfragen bestätigen, dass sich viele Frauen bei klassischen Beratungsgesprächen ignoriert oder bevormundet fühlen, da ihre individuellen Ziele, wie soziale Absicherung oder Philanthropie, oft als zweitrangig gegenüber der reinen Performance-Maximierung behandelt werden.

Mehr Geld ist noch keine Freiheit

Wir stehen an einem Wendepunkt. Frauen werden zur prägenden Kraft im Finanzsystem, doch Vermögen auf dem Konto bedeutet nicht automatisch Gleichberechtigung. Solange die Schieflage bei Einkommen und Karrierestarts bestehen bleibt, starten Frauen mit einem Handicap. Wirkliche finanzielle Unabhängigkeit entsteht nicht erst im Testament des Partners, sondern durch frühen Zugang zu Bildung, Netzwerken und einer neuen Logik, die Geld nicht mehr als Männersache begreift.



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