Für die meisten Kleinanleger spielt Indien bisher keine nennenswerte Rolle, aber das könnte sich in den kommenden Jahren ändern. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes wächst stetig und soll laut Berechnungen auch weiterhin zunehmen, ebenso wie das BIP pro Kopf. Möglich machen das unter anderem die wachsenden geostrategischen Spannungen zwischen China und der westlichen Welt. Vor allem Unternehmen aus den USA versuchen die in China entstandene Produktionskonzentration zu reduzieren und sehen sich nach alternativen Standorten um. Auch die Diversifikation von Lieferketten soll so erhöht und eventuell entstehende Engpässe vermieden werden.
Wer investiert bereits in Indien?
Derzeit reduzieren vor allem Tech-Unternehmen wie Apple, Microsoft und Google ihre Präsenz im Reich der Mitte, aber auch Konzerne wie Ford und Walmart. Indien konnte sich als gute Ausweichoption erweisen und die USA ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner des Landes. Fast ein Fünftel aller Exporte gehen in die Vereinigten Staaten und die meisten nicht-amerikanischen-Produkte in den Walmart-Regalen kommen aus Indien. Vor wenigen Jahren waren es gerade einmal zwei Prozent, inzwischen hat sich die Menge verzehnfacht, während die Anzahl chinesischer Produkte stetig abnimmt. Auch Amazon ist dabei, den gewaltigen E-Commerce-Markt zu erschließen und Tesla plant ebenfalls, sich in Indien zu engagieren.
Im Bereich der Energieversorgung und Technologie hat der deutsche Siemens-Konzern in Indien enorme Investitionen getätigt und im letzten Jahr den größten Lok-Auftrag der Unternehmensgeschichte bekommen. 1200 Lokomotiven inklusive der Wartung und Instandhaltung über 35 Jahre wird der Konzern für Indien produzieren. Auch das britisch-niederländische Unternehmen Unilever ist über die Tochter Hindustan Unilever bereits einer der größten Konsumgüterhersteller im Land und der Schweizer Lebensmittelhersteller Nestlé hat große Produktions- und Vertriebsstrukturen in Indien aufgebaut und gilt im Lebensmittelsektor als führende Größe des Landes.
Japan, Südkorea & China
Im Elektroniksektor gilt Sony in Indien als führend und auch Toyota, Honda, Hitachi und Panasonic produzieren und investieren groß im Land. Dieses Potenzial haben auch die Südkoreaner für sich entdeckt. Seit geraumer Zeit schon bauen Hyundai und Kia Motors Fahrzeuge in Indien, ebenso wie LG in der Kategorie Unterhaltungselektronik. In Noida betreibt Samsung nach eigenen Angaben das weltweit größte Werk für die Herstellung von Mobiltelefonen und hat seine Produktion in China endgültig eingestellt. Selbst Xiaomi hat sich zum Teil von seiner angestammten Heimat abgekapselt und produziert bereits einen Großteil seiner Geräte in Indien. Wohl auch deshalb, weil in bestimmten Sektoren die Lohnkosten gut 50 Prozent unter denen in China liegen. Ebenso hat sich Alibaba in Position gebracht und Huawai betreibt hier neben seinem Engagement im Telekommunikationsbereich eigene Entwicklungszentren.
Wo ist Indien stark positioniert?
60 Prozent der indischen Bevölkerung ist unter 35 Jahre alt und da die Bevölkerung immer noch am Anwachsen ist, nimmt auch der Bedarf an Wohnraum zu. Beschleunigend wirkt hier auch der Zuzug in die Großstädte und die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien. Besonders dynamisch zeigt sich die durch die Digitalisierung entstandene Notwendigkeit von Rechenzentren. Berechnungen zeigen, dass Indien 2025 zum drittgrößten Baumarkt der Welt anwachsen könnte. Die Bedeutung der Elektronik- und IT- Dienstleistungen dürfte zuvor schon klar geworden sein.
In Sachen weltweiter Stahlproduktion konnte sich Indien hinter China schon den zweiten Platz sichern und ein Blick in den Sensex (Index der größten Aktienunternehmen in Indien) zeigt die Bedeutung der Banken und Finanzdienstleister. Acht der dreißig größten Unternehmen des Landes kommen aus diesem Bereich. Wo viel investiert wird, werden auch viele Kredite benötigt.
Weltweit führend ist Indien schon seit langer Zeit in der Kategorie Generika und exportiert Medikamente in über 200 Ländern. 40 Prozent der in den USA verkauften Generika stammen aus dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Die wertvollsten Exportgüter des Landes sind jedoch raffinierte Erdölerzeugnisse wie Benzin, Diesel und Kerosin und tragen 20 Prozent zum BIP bei. Aufgrund der strategischen Lage und den langen Küstengebieten, konnte sich das Land im indopazifischen Raum als Drehscheibe etablieren, da hier Schnittpunkte vieler Handelsrouten zusammenlaufen. Auch einige der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt verlaufen entlang der indischen Küste und so erhöht Indien auch als Transitland die Effizienz der wirtschaftlichen Vernetzung, da es Afrika und den Orient mit Südostasien verbindet.
Wo liegen noch Schwierigkeiten?
Auf dem Weg nach oben muss die indische Gesellschaft aber noch einige Hürden überwinden. Immer wieder mal entladen sich ethnokulturelle Konflikte auf dem Subkontinent, in dem über 100 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Auch das offiziell abgeschaffte aber von vielen noch ausgelebte Kastensystem hemmt die inneren Kräfte. Mit Pakistan (in der Region Kaschmir) und China (im Ladakh-Gebiet) gibt es nach wie vor Grenzscharmützel, im Rahmen welcher die jeweiligen Länder Anspruch auf das gleiche Gebiet erheben. Zuletzt kam es 2020 zu einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen Grenzsoldaten an der indisch-chinesischen Grenze.
Eine gewaltige Armut, ausufernde Bürokratie und eine inhärente Korruption sind ebenfalls Aspekte, die überwunden werden müssen, um die volle Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu entfalten. Zumal diese auch heiß laufen und von den eigenen Erwartungen erdrückt werden kann, wie das Beispiel China zeigt, wo zum Beispiel der Immobilienmarkt zu implodieren droht.
Das sind die Aussichten
Der Staat investiert Unsummen in ehrgeizige Förder- und Entwicklungsprogramme, wie Make in India, Digital India und Gati Shakti, um die Infrastruktur weiter voranzutreiben und den ökonomischen Wirkungsgrad zu erhöhen. Der demographische Vorteil bietet Chancen sowohl bei der Produktivität des Landes als auch bei den Innovationen. Nicht zu vergessen, dass 1.4 Milliarden potenzielle Konsumenten ihren Wohlstand erhöhen möchten und in Summe den weltgrößten Absatzmarkt bilden. Sollte die innere und äußere Stabilität Indiens weiter zunehmen, dann kann aufgrund der beschriebenen Konstitution der indischen Wirtschaft kein Zweifel daran herrschen, dass in den kommenden Jahren ein neues Schwergewicht die Weltbühne betreten wird. Und entsprechend dürften sich dann auch diverse Investitionsmöglichkeiten ergeben.




