„In Kryptowährungen zu investieren ist reines Glücksspiel“ – haben Sie diesen Satz schon mal gehört? Wer Bitcoin und vor allem Altcoins hält, muss sich von Laien oft ironische Kommentare anhören. Kryptowährungen zählen zu den risikoreichsten und volatilsten Anlageklassen, die der Finanzmarkt so zu bieten hat. Man kann in diesem Markt sein gesamtes Kapital verspielen, wenn man nicht versteht, was man kauft. Gleichzeitig ist kaum ein Markt so transparent für (technische) Analyse.
Die Blockchain liefert Unmengen von Daten über Marktbewegungen, Kapitalflüsse oder auch die Aktivitäten großer Wale. Und das Beste ist: All diese Daten sind in Echtzeit verfügbar. Ein wichtiges Beispiel ist das sogenannte Orderbuch. Darin werden alle Aufträge festgehalten, die über eine Börse abgewickelt werden, also Käufe und Verkäufe für den Bitcoin oder andere Kryptowährungen. Auf diesen Daten basiert die Liquidation-Heatmap, einer der beliebtesten Indikatoren für kurzfristige Preisbewegungen. Gerade in ruhigen Markphasen wie aktuell scheint sie den Bitcoin nahezu magisch zu steuern. Was steckt dahinter? Und warum liebt es der Bitcoin, Trader zu liquidieren?
Bitcoin-Glaskugel? Wie man mit den Walen schwimmt
Die Liquidation-Heatmap ist eine visuelle Darstellung der aktuellen Handelspositionen im Markt, gruppiert um den Preisverlauf. Sie markiert mithilfe von Börsendaten jene Preisniveaus, bei denen es wahrscheinlich zu größeren Liquidationsereignissen kommen könnte. Liquidationen treten ein, wenn Trader ihre Positionen durch Kursbewegungen verlieren, weil ihr Margin-Konto nicht ausreicht, um die offenen Positionen abzusichern.
Krypto-Börsen setzen daher Liquidationsniveaus fest, bei denen gehebelte Positionen automatisch geschlossen werden, um den Trader und die Börse vor weiteren Verlusten zu schützen. Die Liquidation-Heatmap berechnet diese Niveaus auf Basis von Marktdaten und der Höhe des eingesetzten Hebels. Je höher die Konzentration der Liquidationsniveaus an einem bestimmten Preispunkt ist, desto deutlicher wird dies durch die Farbgebung der Heatmap – von Lila bis Gelb – angezeigt. Gelbe Bereiche stehen dabei für eine hohe Anzahl an Liquidationslevels und signalisieren hohe Liquidität, die für Trader besonders relevant ist.
Die Kursentwicklung des Bitcoin ist eng mit der Dynamik der Liquidationsniveaus verbunden. Da der Bitcoin-Markt stark von spekulativen Investoren geprägt ist, spielen gehebelte Positionen eine zentrale Rolle. Sobald die Preise in die Nähe von Liquidationszonen geraten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu massiven Kursbewegungen kommt. Das bedeutet, dass die Liquidation-Heatmap nicht nur anzeigt, wo es zu Liquidationen kommen könnte, sondern auch, wo sich signifikante Kurssprünge abzeichnen.
Die Heatmap liefert auf diese Weise wichtige Indikatoren, die auf bevorstehende Preisveränderungen hinweisen können. Trader können erkennen, wo es zu besonders hoher Liquidität kommen könnte und entsprechend antizipieren, dass in diesen Zonen ein Wendepunkt im Kursverlauf eintreten könnte. Gerade in volatilen Phasen des Marktes bietet die Heatmap daher einen entscheidenden Informationsvorteil.
Bitcoin wird manipuliert – profitieren Sie davon?
Einfach gesagt: Wenn der Bitcoin-Preis eine gelbe Region auf der Liquidation-Heatmap anläuft, werden Positionen in Millionenhöhe liquidiert, ergo: Trader verlieren eine Menge Geld. Das funktioniert, indem der Bitcoin die Stopps fischt, wie es im Börsenjargon heißt. Er fällt oder steigt also auf Preise, wo viele Stopp-Loss-Orders ausgelöst werden. Läuft der Bitcoin von unten in eine Liquidations-Zone, so werden Short-Positionen liquidiert, fällt er von oben auf ein heiß getradetes Preisniveau herab, so werden Long-Positionen zwangsweise und häufig im Verlust geschlossen.
Die gelben Felder auf der Liquidation-Heatmap scheinen den Bitcoin magisch anzuziehen. Aber warum ist das so? Ist der Bitcoin intrinsisch boshaft und möchte möglichst vielen Marktteilnehmern Verluste zufügen? So ist es in der Tat nicht – zumindest nicht ganz. Denn der Plan hinter den gezielten Liquidationen ist tatsächlich, möglichst viele Trader in die roten Zahlen zu schicken. Das passiert aber nicht aus Bosheit. Und auch nicht, weil der Bitcoin es so will. Eine erhebliche Schuld an diesem Stopp-Fischen tragen die sogenannten Market Maker.
Market Maker sind große Investoren, die den Markt mit Liquidität versorgen. Sie haben haben ein starkes Interesse daran, den Kurs in Richtung der Liquidationszonen zu drücken und das hat mehrere Gründe: Zum einen bieten diese Zonen eine erhöhte Liquidität, da viele Positionen zwangsweise geschlossen werden, was das Handelsvolumen in diesen Bereichen deutlich erhöht. Market Maker können diese Liquidität nutzen, um größere Positionen effizienter abzuwickeln.
Will man viele Bitcoins auf einmal kaufen oder verkaufen, braucht man hohes Handelsvolumen, um den Markt nicht mit der eigenen Order zum eigenen Nachteil bei großen Käufen nach oben oder bei Massen-Verkäufen nach unten zu treiben. Zudem können Market Maker durch gezielte Preisbewegungen in Richtung der Liquidationslevels zusätzliche Liquidationen auslösen, was wiederum den Kurs weiter in ihre gewünschte Richtung treiben kann. Dadurch entsteht ein Kreislauf, in dem Market Maker die Liquidationen aktiv verstärken und gleichzeitig durch entgegengesetzte Positionen von den entstehenden Preisschwankungen profitieren.
Warum profitieren Market Maker von Liquidationen?
Platziert ein Market Maker etwa eine Short-Position, so profitiert er davon, wenn viele Long-Positionen liquidiert werden und dadurch eine Abverkaufs-Kaskade entsteht. Solche Mechanismen ermöglichen es großen Marktteilnehmern, ihre eigenen Positionen zu besseren Konditionen zu platzieren oder aufzulösen und gleichzeitig die Marktdynamik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Damit ein großer Trader massenhaft gewinnt, müssen viele kleine Händler verlieren.
Deshalb drücken Market Maker den Bitcoin-Preis gerne in die hellgelben Regionen der Liquidation-Heatmap. Schlussendlich sind es also die mächtigen Gegenspieler der liquidierten Trader, die den größten Nutzen aus Liquidationen ziehen. Sie können von den plötzlich entstehenden Preisschwankungen profitieren und Positionen zu besseren Preisen eröffnen oder schließen. Gleichzeitig profitieren Market Maker in ihren strategischen Long- oder Short-Positionen von Liquidations-Ereignissen, die sie durch ihre eigene Marktmacht hervorrufen oder zumindest begünstigen können.
Heatmaps gibt es auch im klassischen Aktienmarkt, denn auch dort kann man mit Börsendaten wichtige Liquidierungszonen berechnen. Weil Kryptowährungen aber wenig reguliert und daher besonders kurzfristig hochvolatil sind, bieten sie lukrativere Möglichkeiten für Marktteilnehmer mit einer Kapitalstärke, die Preismanipulationen ermöglicht. Nirgends sonst können große Investoren den Markt so einfach nach ihrem Gutdünken bewegen – im Aktienmarkt ist es kaum möglich, das Marktvolumen zugunsten der eigenen Positionen so schnell zu verschieben.
Es sind aber nicht nur Market Maker, die vom Verständnis der Liquidation-Heatmap profitieren. Im Gegenteil: Die Heatmap ist ein wichtiges Instrument für kleinere Markt-Akteure, um die Pläne der Market Maker besser nachvollziehen zu können. Denn auch für Trader und Investoren, die auf Kursschwankungen reagieren wollen, bietet die Liquidation Heatmap einen strategischen Vorteil.
Der kleine Fisch im großen Becken
Von diesen Liquidationsereignissen profitieren nicht nur die Market Maker, sondern auch große institutionelle Trader und erfahrene Einzelhändler. Wenn es zu einer Zwangsliquidation kommt, werden Positionen automatisch geschlossen, was häufig zu starken Kursbewegungen führt. Trader, die sich auf der anderen Seite der Transaktion befinden, können von diesen abrupten Bewegungen profitieren. Wenn beispielsweise eine Long-Position liquidiert wird, muss diese automatisch verkauft werden, was den Kurs drückt. Trader, die in solchen Momenten Kauforders auf passenden, tieferen Kursniveaus platziert haben, können günstig einsteigen.
Das gleiche Prinzip gilt für Short-Positionen, die beim Erreichen ihrer Liquidationsniveaus automatisch gekauft werden müssen, was den Kurs steigen lässt. Deshalb sieht es manchmal so aus, als würde sich der Bitcoin durch große Liquidationsbereiche regelrecht hindurchfressen und zusätzlichen Schwung bekommen. Wenn der Bitcoin mal wieder Massenliquidationen auslöst, macht er das also nicht aus Bosheit, sondern weil mächtige Market Maker ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren und die Logik der Hebel-Trades zu Aufwärts- oder Abwärtskaskaden führt.


So schnell kann’s gehen: Der plötzliche Abverkauf am Montag führte zu Liquidationen von rund $500 Millionen. Die gelben Linien zeigen, wann die Positionen geöffnet wurden…
… und verschwinden, wenn der Bitcoin sie abholt. Dann wurden die dort hinterlegten Positionen liquidiert, der Chart dahinter ist wieder blau.
Die Monats-Ansicht: Als der Bitcoin seitwärts lief, bauten sich Short-Positionen mit Liquidationspunkten oberhalb des Kurses auf. Der Bitcoin fischte diese Stops bei Anstiegen

