Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen im Lotto. Plötzlich haben Sie Millionen auf dem Konto. Dann hat man nie wieder Probleme. Oder? Ganz so einfach ist es nicht. Mehrere Studien zeigen, dass viele Lottogewinner nach kurzer Zeit wieder pleite sind. Eine Untersuchung der Universität Kentucky etwa fand heraus, dass insgesamt ein Drittel der Gewinner ihr gesamtes Vermögen verliert. Der Grund dafür ist nicht Pech. Vielmehr treffen viele Menschen falsche Entscheidungen, wenn es darum geht, mit großen Gewinnen umzugehen. Das gilt auch und besonders für die Börse.
Das Problem liegt nicht im Geld, sondern im Menschen. Plötzlich steht man vor Entscheidungen, die man nie zuvor treffen musste. Nicht nur Verluste bringen Menschen aus dem Gleichgewicht, auch Gewinne können gefährlich werden. Denn wenn das Konto wächst, wächst oft auch die Versuchung, unüberlegt zu handeln. Viele merken erst viel zu spät, dass Erfolg nicht automatisch Sicherheit bedeutet. Wie Menschen auf hohe Gewinne reagieren, welche Denkfehler beim Umgang mit Geld entstehen und warum gerade in Phasen des Erfolgs das Risiko am größten ist – genau das zeigt dieser Artikel.
Sie sind kein Genie – es ist nur der Bullenmarkt
Wenn die Märkte steigen, fühlt sich jeder klug. Aktien, Krypto, Immobilien – alles läuft, und man glaubt, man habe den Dreh raus. Doch dieser Glaube kann tückisch sein. In Phasen, in denen fast jede Anlageform Gewinne bringt, ist das Risiko am größten. Und ausgerechnet dann überschätzen Menschen leicht ihre eigenen Fähigkeiten. Es ist, als würde man auf einer Rolltreppe stehen und denken, man rennt selbst nach oben.
In steigenden Märkten überschätzen viele Anleger ihr Können und gehen zu hohe Risiken ein.
Solange der Markt freundlich ist, trägt er uns wie ein Rückenwind – und wer sich von diesem Wind zu sehr beflügeln lässt, glaubt, er könne auch fliegen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Anleger in Boomphasen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten systematisch zu überschätzen. Eine Studie der University of California etwa fand heraus, dass Privatanleger in steigenden Märkten häufiger riskante Positionen eingehen und ihre Portfolios deutlich weniger diversifizieren. Psychologen haben dieses Phänomen Selbstüberschätzung genannt – eine menschliche Tendenz, Erfolge zu sehr dem eigenen Können zuzuschreiben.
Eng damit verbunden ist der sogenannte Self-Attribution Bias: Menschen schreiben Gewinne meist ihrem Talent und Urteilsvermögen zu, Verluste hingegen äußeren Umständen – etwa dem „schlechten Markt“ oder Pech. Dieses Denkmuster stabilisiert das eigene Ego, verhindert aber, aus Fehlern zu lernen. Gerade an der Börse führt das dazu, dass Anleger ihr Können überschätzen und Risiken eingehen, die sie in neutralen Phasen nie akzeptieren würden.
Nehmen Sie Gewinne – sonst nimmt sie der Markt
In der größten Euphorie warten die meisten Anleger zu lange. Sie sehen ihre Gewinne wachsen und sind wie berauscht vom vermeintlichen Erfolg. „Nur noch ein bisschen“, denken sie sich – das ist der Moment, in dem der Markt zuschlägt. Denn Märkte drehen schneller, als man denkt; besonders dann, wenn alle glauben, dass es ewig so weitergeht. Dies lässt sich einfach erklären: Wenn die Stimmung an den Börsen besonders gut ist, haben die meisten Anleger bereits gekauft. Die Nachfrage ist weitgehend erschöpft – es gibt kaum noch neue Käufer, die die Kurse weiter antreiben könnten. Gleichzeitig beginnen einige, ihre Gewinne mitzunehmen.
Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage kippt, und schon kleine Verkäufe können größere Kursrückgänge auslösen. Umgekehrt gilt das Gleiche: Wenn die Stimmung besonders schlecht ist, haben viele bereits verkauft. Es gibt dann kaum noch Verkäufer – und der Markt stabilisiert sich. Auch psychologisch ist diese Dynamik gut erforscht. Neurowissenschaftlerinnen Camelia Kuhnen und Brian Knutson zeigten in ihrer Studie, dass starke Emotionen – ob Euphorie oder Angst – das Entscheidungsverhalten an den Finanzmärkten direkt beeinflussen.
In Euphorie kaufen Anleger zu spät und in Panik verkaufen sie zu früh – Emotionen verzerren Marktentscheidungen.
Ein gutes Beispiel sind der Aufstieg der Kryptowährungen. Menschen verdienten plötzlich Summen, die sie sich nie hätten vorstellen können. Einige kündigten sogar ihre Jobs, weil sie so überzeugt davon waren, dass ihr neues Leben auf sicherem Fundament steht. Doch nach den Rekordständen Ende 2021 folgte die Ernüchterung.
Besonders deutlich zeigte sich das im Mai 2022, als der Stablecoin TerraUSD und die dazugehörige Kryptowährung Luna zusammenbrachen. Innerhalb weniger Tage lösten sich rund 40 Milliarden US-Dollar an Marktwert in Luft auf – ein Schock, der den gesamten Kryptomarkt erschütterte.
Das Beispiel zeigt, wie schnell sich Euphorie in Unsicherheit verwandeln kann. Wenn die Kurse steigen, steigt auch das Vertrauen – bis die Erwartungen den Realitäten davoneilen. Irgendwann haben alle, die kaufen wollten, bereits gekauft, und die Nachfrage versiegt. Schon kleine Rückgänge können dann eine Welle von Verkäufen auslösen. So werden aus Hypes Krisen – immer dann, wenn die Überzeugung größer ist als die Vorsicht.
Euphorie schlägt schnell in Unsicherheit um – wer diszipliniert Gewinne sichert, schützt sich besser als der, der auf endlos steigende Kurse hofft.
Um an der Börse wirklich verdienen zu können, muss man diese Gewinne erst realisieren, wenn der richtige Moment gekommen ist. Die Börse belohnt also nicht nur Mut (beim Einstieg) allein, sondern vor allem die Disziplin. Wer regelmäßig kleine Teile seines Gewinns realisiert, schützt sich selbst – vor der nächsten Welle, aber auch vor sich selbst. Einige Investoren orientieren sich an der sogenannten Teilverkaufsstrategie, bei der sie beispielsweise ein Drittel einer Position verkaufen, sobald der Kurs 20 bis 25 Prozent über dem Einstieg liegt.
Andere nutzen feste Regeln wie ein Trailing Stop – also eine automatische Verkaufsmarke, die sich mit steigenden Kursen nach oben verschiebt und so Gewinne schützt. Solche Strategien helfen, Emotionen aus Entscheidungen zu nehmen. Sie zwingen dazu, Gewinne planvoll zu sichern, statt sie dem Zufall zu überlassen. Denn das Schwierigste ist nicht, Geld zu verdienen, sondern zu wissen, wann genug ist.
FOMO – die Angst, etwas zu verpassen
Dann gibt es da noch dieses Gefühl, das fast jeder kennt: Die Angst, zu spät zu sein. Wenn überall Schlagzeilen von Rekorden sprechen, wenn Freunde über Krypto-Renditen reden oder Aktien durch die Decke gehen – dann juckt es förmlich in den Fingern. Dieses Gefühl nennt man FOMO, die Fear of Missing Out. Es ist wie eine Einladung, auf einen fahrenden Zug zu springen, ohne zu merken, dass er vielleicht schon abbremst. Doch FOMO hat zwei Seiten: die Angst, zu spät einzusteigen, und die Angst, zu früh auszusteigen. In beiden Fällen treibt uns der Wunsch, keine Gelegenheit zu verpassen.
Forscher des MIT stellten fest, dass viele Privatanleger dazu neigen, genau in den Phasen zu investieren, in denen Märkte bereits überhitzt sind, weil sie von der Angst getrieben sind, außen vor zu bleiben. Aber genau aus dem Grund machen sie dann später Verluste. Wer sich von der Stimmung der Masse leiten lässt, reagiert meist zu spät: Er kauft, wenn die Euphorie am größten ist, und verkauft, wenn die Panik um sich greift. So entsteht ein Muster, das sich immer wiederholt – man läuft den Kursen hinterher, statt ihnen vorauszudenken.
FOMO treibt viele Anleger zu späten Käufen und frühen Verkäufen – Erfolg hat, wer ruhig bleibt, wenn die Masse in Panik oder Euphorie verfällt.
FOMO ist also kein Zeichen von Gier, sondern von Unsicherheit. Wir wollen dazugehören, nicht abseits stehen. Es fühlt sich gut an, wenn andere denselben Weg gehen und unsere Entscheidung bestätigen. Doch genau das macht es so gefährlich: Die Masse liegt an der Börse oft falsch. Wenn alle gleichzeitig einsteigen, ist der Aufschwung meist schon vorbei, und wenn alle verkaufen, ist der Tiefpunkt oft erreicht. Doch wer an der Börse langfristig Erfolg hat, lernt, still zu bleiben, wenn andere laut werden.
Erfahrene Anleger sprechen hierbei von JOMO – der Joy of Missing Out, der Freude, bewusst nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Wer seinen eigenen Plan hat, kann gelassen bleiben, auch wenn andere jubeln. Der Markt belohnt selten die, die laut jubeln, sondern diejenigen, die still handeln.
Gewinne sind ein Spiegel, kein Ziel
Wenn man all das zusammennimmt, wird klar: Mit Gewinnen umzugehen ist keine technische, sondern eine emotionale Fähigkeit. Es geht weniger um Zahlen als um Charakter. Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Investoren der Welt, sagt oft, dass Emotionen wichtiger sind als Intelligenz. Denn Märkte sind letztlich ein Spiegel unserer eigenen Reaktionen.
Fazit: So lernen Sie, mit Gewinnen umzugehen
Geld, ob nun gewonnen oder erarbeitet, verlangt Aufmerksamkeit. Wer es behalten will, muss lernen, vernünftig damit umzugehen und nicht nur darauf zu hoffen, dass es bleibt. Hier sind vier einfache, aber entscheidende Schritte, damit auch Sie mit Gewinnen besser umgehen können:
- Lernen Sie JOMO – die Joy of Missing Out. Wer ständig Angst hat, etwas zu verpassen, trifft selten gute Entscheidungen. JOMO bedeutet, bewusst auf Hypes zu verzichten und mit Ruhe zu beobachten, statt jedem Trend hinterherzulaufen.
- Verkaufe Sie einen Teil Ihrer Position, wenn Sie zufrieden sind, nicht erst, wenn Sie Angst bekommen. Gewinne sind erst real, wenn sie auf dem Konto liegen. Zufriedensein heißt, dass Ihr Ziel erreicht ist. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn eine Anlage 20 bis 30 Prozent im Plus liegt oder den Wert erreicht hat, den Sie sich zu Beginn vorgenommen haben. Wer solche Grenzen im Voraus festlegt, trifft Entscheidungen mit Ruhe statt aus Emotion.
- Lassen Sie sich nicht von anderen anstecken. Wenn Sie das Gefühl haben, schnell einsteigen zu müssen, bevor es zu spät ist, ist das meist ein Warnsignal, dass es schon zu spät ist. In solchen Phasen sind die meisten Investoren schon investiert. Gleichzeitig sitzen viele auf unrealiserten Gewinnen und reagieren bei den ersten Rücksetzern nervös. Schon kleine Kursrückgänge können dann eine größere Verkaufswelle auslösen. Studien zu Marktzyklen zeigen, dass diese Dynamik regelmäßig auftritt: Euphorie zieht neue Anleger an, bis kein Kapital mehr nachfließt. Wenn Emotionen das Handeln bestimmen und alle das Gleiche tun, wird der Wendepunkt unausweichlich.
- Erlauben Sie sich, zufrieden zu sein, ohne ständig mehr zu wollen. Wer hin und wieder Abstand nimmt, trifft ruhigere Entscheidungen. Ständiges Beobachten erzeugt Stress und verführt dazu, auf jede Bewegung zu reagieren – meist zum eigenen Nachteil. Etwas Distanz hilft, den Überblick zu behalten und langfristig gelassener zu investieren.
Am Ende ist der Umgang mit Gewinnen eine Schule der Gelassenheit. Es geht nicht darum, das Maximum herauszuholen, sondern darum, das Erreichte bewusst zu bewahren.



