Wer jetzt noch an den Bitcoin-Bullrun glaubt, ist nicht ganz normal. Wer auf die Altcoin-Season hofft, ist verrückt – zumindest, wenn man dem Duden glaubt. Demnach bedeutet das Wort normal: „so, wie es sich die allgemeine Meinung als richtig vorstellt“. Verrückt ist laut Deutschlands größtem Wörterbuch hingegen, wer „nicht normal ist“.
Normal (also im Sinne der Allgemeinheit) wäre, jetzt in Panik zu verkaufen. Normal wäre, dem Markt frustriert den Rücken zu kehren. Normal wäre, die Nerven zu verlieren. Das sieht man am Fear and Greed-Index, der mit zehn Punkten den niedrigsten Wert seit dem FTX-Zusammenbruch erreicht hat. Die überwiegende Mehrheit des Marktes hat extreme Angst. Es wird mehr verkauft als sich neue Käufer finden. Die Allgemeinheit ist sich in ihrer Panik einig. Da muss man im wahrsten Wortsinn verrückt sein, um das Gegenteil zu denken.
Wer in der größten Panik einen kühlen Kopf behält, gewinnt. Das zeigt sich am Kursverlauf des Bitcoin im Vergleich zum Fear and Greed-Index (unten).
Dabei sind Phasen extremer Angst in allen Finanzmärkten der Welt dafür bekannt, die lukrativsten Möglichkeiten zu bieten – zumindest rückblickend. Denn im Moment selbst realisiert das kaum jemand. Das gilt vor allem für den hochvolatilen Kryptomarkt. Wer beim Corona-Crash gekauft hat, vervielfachte sein Geld innerhalb weniger Wochen. Wer in der FTX-Panik standhaft geblieben ist, sitzt jetzt auf großen Gewinnen. Bitcoin und Altcoins sind ein verrückter Markt, in dem diejenigen gewinnen, die nicht mit der Masse laufen.
Gute Einstiege fühlen sich meistens (zunächst) nicht gut an. Und Zeiten, in denen sich der Markt – so wie jetzt – von Überhitzung und Memecoin-Manie erholt, erscheinen den meisten wie ein Weltuntergang. Obwohl sie das genaue Gegenteil sind. Wer hier gewinnen will, muss ein bisschen verrückt sein. Gegen die Masse zu sein, sieht meistens irrational aus. In diesem Markt ist es aber der einzige Weg zum Erfolg.
Krypto ist zu leicht geworden
Es gehört schon eine ganz schöne Portion Verrücktheit dazu, wenn man einen Altcoin weiter hält, nachdem er sich im Wert verdreifacht oder zwischenzeitlich 80 Prozent verloren hat. Das war in den letzten Zyklen aber die einzige Möglichkeit, lebensverändernde Gewinne zu machen – freilich nur, wenn man auf die richtigen Projekte gesetzt hat. Selbst etablierte Coins wie VeChain oder Polygon vervielfachten ihren Preis damals innerhalb weniger Wochen, teils um das Zehn-, Zwanzig- oder Fünfzigfache, nachdem sie sich jahrelang kaum bewegt hatten.
Auf den größten Gewinnen saßen in den heißen Phasen der Altcoin-Season diejenigen, die alles vorher mitgemacht hatten. Die drangeblieben waren, als andere in Panik den Markt verließen. Auch der letzte Bullenmarkt wurde mittendrin mehrfach für tot erklärt. Mehrfach verloren selbst die größten Altcoins große Teile ihres Kurswerts, bevor die explosivsten Anstiege kamen. Normale Leute machen das nicht mit.
Zoomt man in den Chart, wird die scheinbar flache Kursentwicklung plötzlich volatil. Auch der vergangene Zyklus war alles andere als einfach.
Blickt man heute auf den Chart der größten Altcoins, sehen die Preiskerzen vor der finalen Phase des Bullruns 2021 so aus, als hätte sich der Markt kaum bewegt. Das liegt aber nur daran, dass die letzten Anstiege so immens waren, dass alles davor zu einer geraden Linie zusammenschrumpft. Betrachtet man die damalige Preisentwicklung näher, stellt man fest, dass die Volatilität über weite Strecken viel heftiger war als in diesem Zyklus.
Altcoin-Korrekturen um 70 bis 80 Prozent kamen deutlich häufiger vor als heute, die Volatilität war absurd. Das scheinen die meisten Marktteilnehmer in diesem Bullenmarkt völlig vergessen zu haben. Kaum verwunderlich, schließlich ging bisher alles viel zu leicht. Bis zum bisherigen Zyklushoch bei knapp 110 000 US-Dollar hatte Bitcoin maximale wöchentliche Korrekturen von rund zehn Prozent. Das ist ja schon fast normales Börsenniveau.
Die Korrekturen seit Bitcoins Ausbruch im November (violett) waren im Vergleich zu vorherigen Zyklen gering. Volatilität wächst, je länger der Bullrun dauert. Nach oben und nach unten.
Um Kursbewegungen wie an der traditionellen Börse zu erleben, ist man nicht im Kryptomarkt. Bitcoin und vor allem Altcoins versprechen in Boom-Phasen überproportionale, mitunter absurde Gewinne. Wer von der Volatilität nach oben profitieren möchte, muss sie aber auch nach unten aushalten. Wer in den Kryptomarkt eingestiegen ist, weil er dachte, es wäre ein Spaziergang, erlebt jetzt ein böses Erwachen.
Wer jedoch darauf eingestellt ist, dass Krypto ein gnadenloses Nervenspiel ist, dürfte sich jetzt darüber freuen, dass die Zeit endlich da ist, um diese Nerven zu beweisen. Die Verrückten kommen zum Zug. Dabei ist eigentlich das Gegenteil der Fall: Es ist verrückt zu denken, dass Krypto wirklich so einfach wäre, wie es in den letzten Monaten schien. Das aber wurde einfach vergessen.
Bitcoin und Altcoins sind manipuliert
Viele dachten, die Börsianer machen Bitcoin zu einem institutionalisierten Asset. Dass der Kryptomarkt mit den ETFs gar nicht mehr so heftig stürzen kann wie in vorherigen Zyklen. Dass der Markt jetzt institutionalisiert ist. Wie absurd. Die letzten Monate ließen den breiten Markt in diesem Irrglauben, wiegten Neuankömmlinge in falscher Sicherheit und täuschten sogar erfahrene Krypto-Investoren.
Mit den milliardenschweren ETF-Zuflüssen und den regelmäßigen Rekorden, die BlackRocks IBIT seit einem Jahr schreibt, schien der Bitcoin im Finanz-Mainstream angekommen zu sein. Aber das stimmt nicht. Die Marktkapitalisierung des Kryptomarkts beträgt insgesamt rund 2.7 Billionen US-Dollar. Allein der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq ist zehnmal so groß, der US-Leitindex S&P500 sogar zwanzigmal. Krypto ist ein Fliegengewicht.
Haben die Bitcoin-ETFs dem Markt gut getan? Bisher erwiesen sich die Kleinanleger an der Börse eher als Panikverkäufer.
Deshalb ist es großen Investoren immer noch ein Leichtes, Preise im Kryptomarkt zu manipulieren. Man muss die Sache nur spieltheoretisch durchdenken: Wann bekommen große Anleger die besten Einstiegspreise? Wenn kleine Fische panisch ihre Assets abstoßen. Und wann machen sie die höchsten Gewinne? Na, wenn sie ihre Assets den Kleinanlegern wieder für irrational hohe Preise verkaufen.
Um in einem vergleichsweise illiquiden Markt wie dem Altcoin-Sektor milliardenschwere Gewinne zu realisieren, braucht es massive Zuwächse an Liquidität. Das funktioniert nur, wenn man über einen kurzen Zeitraum für astronomische Preisanstiege sorgt und diejenigen, die unten im Frust verkauft haben, oben wieder in den Markt lockt.
Die großen Player können am Top nur verkaufen, wenn genug Kleinanleger mit FOMO und frischem Kapital zurückkommen. Dafür muss man diese Käufer aber zunächst aus dem Markt ekeln. Es ist also kein Zufall, dass die größten Korrekturen häufig vor explosiven Rallyes passieren. Die notorischen Verlierer nehmen in diesen Zeiten nur Abstand vom Markt und Anlauf, um sich am Ende erneut die Finger zu verbrennen.
Während Kleinanleger (blau) panisch verkaufen, machen sich große Player (lila) ihre Taschen voll. Welchen Plan sie wohl verfolgen?
Damit wenige gewinnen, müssen die meisten verlieren. Das geht aber nur, wenn der Weg zum Top hart ist. Wer soll überteuerte Coins zum Schluss kaufen, wenn alle komfortabel bis an die Spitze gekommen sind? Am besten wächst FOMO auf einem Fundament der Frustration. Die Altcoin-Season ist keine historische Gesetzmäßigkeit. Sie ist das Spielzeug der großen Wale. Warum sollten diese Wale ihr liebstes Spielzeug einfach so aufgeben?
Selbstverständlich sind auch makroökonomische Faktoren für die aktuelle Panik im Markt verantwortlich. Der milliardenschwere Bybit-Hack sitzt dem Markt noch in den Knochen, Trump schmeißt weiter mit Zöllen um sich (erst gestern wurden 25 Prozent gegen Mexiko, Kanada und die EU sowie weitere zehn Prozent gegen China publik) und die US-Notenbank ist wegen hoher Inflation an ihre restriktive Geldpolitik gefesselt.
Außerdem ziehen die schwachen Aktienmärkte den Kryptosektor mit nach unten, die Kleininvestoren in den Bitcoin-Spot-ETFs erweisen sich als Panik-Verkäufer. Am Ende gilt trotzdem: Wer mit Bitcoin und den Altcoins Geld verdienen will, muss sich im direkten Wettkampf gegen Millionen anderer Anleger durchsetzen. Dieser Wettkampf spitzt sich in Situationen extremer Angst zu. Gewinner werden gemacht, wenn es verrückt erscheint, noch an den Markt zu glauben. Verlierer aber auch. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich für eine Seite zu entscheiden. Und denken Sie dran: Investment-Entscheidungen trifft man erst nach eingehender Recherche. Dieser Text ist keine Anlageberatung.




