Im Leben gibt es immer wieder Dinge, die uns gefallen. Und Dinge, die es nicht tun. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie genau das mögen, was Sie mögen? Oder warum Sie nicht ausstehen, was Sie eben nicht ausstehen können?
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu gibt darauf eine passende Antwort: Es sind internalisierte Denkmuster eines Menschen, geprägt durch seine soziale Umgebung – der sogenannte Habitus, also unbewusst erlernte Denk- und Verhaltensmuster. Salopp gesagt: Sie mögen etwas nur, weil Sie es so gelernt haben.
Dabei stellt sich für uns als grundlegend die Frage: Welche Glaubenssätze über unser Finanzverhalten haben wir aus unserem familiären Umfeld übernommen? Das ist gerade für in Deutschland aufgewachsene Menschen sehr spannend. Denn über Jahrzehnte hinweg wurde die Börse als etwas Unsicheres, gar Unseriöses, dargestellt. Wer schlau war, der steckte sein Geld in ein Sparbuch. Aktien hingegen galten eine lange Zeit wie Zockerei. Vor allem nach dem Crash der Telekom-Aktie Anfang der 2000er.
Heute scheint fast schon das Gegenteil stattzufinden: Wer schlau ist, der investiert. Und zwar so früh wie nur möglich. Vor allem Gen Z steht mitten in diesem Wandel. Wie also verstehen und umgehen wir unsere eigenen destruktive Denkmuster, um möglichst erfolgreich an der Börse zu werden?
Der Mensch als Gruppentier
Seit Entstehen der Menschheit haben wir uns immer in Gruppen aufgehalten. Sei es, um gemeinsam auf die Jagd zu gehen, Nahrung zu sammeln oder sich gegen Fremdes zu verteidigen. Es gibt einem ein Gefühl von Sicherheit, zu wissen, dass man nicht allein ist – dass man zu einer Gruppe gehört. Eine klare Wir-gegen-sie-Mentalität.
Menschen handeln an der Börse oft nicht individuell, sondern im Einklang mit ihrer Gruppe.
Auch heute sehen wir im Alltag zahlreiche Beispiele, in denen Menschen als Gruppe einen gemeinsamen Weg einschlagen. Ein bekanntes Beispiel sind Anleger, die der Masse folgen, indem sie kaufen oder verkaufen – was wiederum zu finanziellen Blasen und Crashes führen kann. Auch gibt es eine Trennung zwischen älteren und jüngeren Investoren. Jüngere Menschen neigen eher dazu, risikofreudigere Investments einzugehen. Ältere hingegen bevorzugen des Öfteren sicherere Formen der Geldanlage.
Auch im Kryptomarkt wird diese Gruppendynamik sehr deutlich. Während Bitcoin-Maxis ausschließlich Bitcoin als seriöse Kryptowährung sehen, gehen Altcoin-Spekulanten bewusst höhere Risiken ein; mit dem Wunsch, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen.
Vernünftig oder doch nur Gewohnheit?
Nun könnte man meinen, dass man diese Dinge nicht tut, weil sie einem gefallen oder missfallen, sondern aus rein logischen Gründen. Der Masse beim Investieren zu folgen kann doch eigentlich nur zu Gewinn führen – selbst dann, wenn man zu spät einsteigt.
Falsch.
Tatsächlich treffen Menschen Entscheidungen oft aus ganz anderen, intrinsischen Gründen. Laut der Habitustheorie lernt der Mensch zuerst, wie er sich zu verhalten hat – und dieses Lernen ist stark abhängig von der sozialen Umgebung, in der man aufwächst.
Als Kind beobachtet man die Eltern und imitiert ihr Verhalten. Man spricht ihnen nach, kopiert Gesten, Einstellungen und Handlungen. Je älter man wird, desto mehr Menschen treten in den engeren Kreis ein. Nach und nach schaut man sich an, wie andere handeln, was als richtig gilt und was notwendig ist, um sich in dieser Umgebung zurechtzufinden. Diese Muster werden verinnerlicht – und man verhält sich schließlich entsprechend.
Geschmack ist keine Zufallssache
Das bedeutet: Wächst jemand in Armut auf, kann ihm ein Leben in vollkommenem Luxus fremd oder sogar falsch erscheinen. Jemand hingegen, der mit hohen Standards aufgewachsen ist, empfindet ein Leben unter ärmeren Verhältnissen als deutlich befremdlicher. Und manche Menschen lernen schon früh, wie Investieren funktioniert, sprechen zu Hause offen über Aktien sowie ETFs. Andere hingegen kommen weniger in Berührung damit. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil in der Familie Zeit oder Geld dafür fehlt. So wird schließlich auch die Finanzbildung schlichtweg vererbt.
Die Wahrnehmung eines Menschen ist also stark davon beeinflusst, was die Menschen in seiner näheren Umgebung tun und was diese für gut oder richtig halten. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2021 wollte beispielsweise herausfinden, warum Menschen ähnliche Filme und Serien mögen wie ihre Freunde. Den Teilnehmenden wurden dabei Informationen darüber gegeben, welche Filme ihre Freunde schauten und welche sie gut fanden.
Das Ergebnis: Glaubten die Teilnehmenden, dass viele aus ihrer Gruppe einen Film mochten, stiegen auch ihr eigenes Gefallen und Interesse daran. Dieser Effekt wurde sogar noch stärker, wenn sie sich der Gruppe besonders nah fühlten oder sich stark mit ihr identifizierten.
Und was sagt das über uns?
Je nach Gruppe entwickelt man also auch einen anderen Geschmack. Geht man in die Oper, trifft man dort auf eine ganz bestimmte Art von Menschen. Menschen, die ähnliche kulturelle Vorlieben, Werte und Einstellungen teilen. Wer sich dort wohlfühlt, ist – bewusst oder unbewusst – Teil dieser Gruppe. Dasselbe gilt für Anlageklassen, Börsen-Foren zu bestimmten Assets oder die Spaltung im Kryptomarkt zwischen Bitcoin-Maxis und Altcoin-Spekulanten: Man fühlt sich in einer gewissen Gruppe wohler als in der anderen – und verhält sich entsprechend.
Der Mehrwert dieser Erkenntnis liegt darin, dass sie uns dazu anregen soll, unseren eigenen Geschmack zu hinterfragen. Woher kommen unsere Vorlieben wirklich? Sind es Gedanken und Präferenzen, die aus uns selbst entstehen – oder haben wir sie von Freunden, Familie oder unserem sozialen Umfeld übernommen? Das gilt besonders für Glaubenssätze an der Börse. Aussagen wie „Ich bin kein guter Investor“, „Ich kann nicht mit Geld umgehen“ oder „Die Börse ist ein Glücksspiel und viel zu gefährlich“ sind selten die eigenen Gedanken. Sie sind das Ergebnis aus dem, was man im Elternhaus oder im Privaten immer wieder gehört hat. Und irgendwann nimmt man solche Gedankengänge dann als eigene wahr.
Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Film, beim nächsten Kauf oder bei der nächsten starken Meinung kurz innezuhalten und zu fragen: Gefällt mir das wirklich – oder gefällt es mir, weil es den Menschen um mich herum gefällt? Beim Investieren wiederum stellt sich die Frage: Handle ich auf Basis guter Recherche und ausreichender Information oder aufgrund eines Glaubenssatzes, der mich in eine gewisse Richtung tendieren lässt?
Mitläufer oder Mitdenker: der feine Unterschied
Gerade an der Börse ist es eher kritisch als von Vorteil, wenn man blind der Masse folgt. Es mag sich zwar richtig anfühlen zu kaufen, wenn es alle tun (Gleiches gilt fürs Verkaufen), doch auch hier gilt Vorsicht. Fragen Sie sich also ganz bewusst, ob Ihre finanzielle Entscheidung aus eigener Überzeugung entstanden ist oder ob Sie sich haben vom Echo der Gruppe leiten lassen.
Und gleichzeitig befinden wir uns bereits im Wandel. Eine neue US-amerikanische Studie zeigt, dass 22 Prozent der Generation Z Kryptowährungen vertrauen, um ihr Vermögen zu sichern. Generation X vertraut dem Kryptomarkt nur 13 Prozent, während es sogar nur fünf Prozent der Babyboomer sind. Auch das ist ein Teil der Habitustheorie. Welche Anlageformen als seriös gelten, ist nämlich keine festgelegte Annahme, sondern ebenfalls das Ergebnis des sozialen Wandels.
Leseempfehlungen:


Geschmack und Finanzverhalten werden stark durch das soziale Umfeld geprägt und oft unbewusst weitergegeben.
Unsere Vorlieben, auch an der Börse, entstehen oft aus Gruppenzugehörigkeit und übernommenen Glaubenssätzen.

