Es gibt Momente, in denen würde man gerne aufwachen und feststellen, dass alles nur ein böser Traum war. Wer Freitagnacht oder Samstagmorgen ins eigene Krypto-Portfolio geschaut hat, dürfte sich genauso gefühlt haben. Innerhalb weniger Minuten stürzte Bitcoin zurück auf rund 100 000 Dollar und riss den gesamten Altcoin-Markt in einen historischen Flashcrash.
Viele der größten Altcoins verloren innerhalb weniger Sekunden mehr als die Hälfte ihres Marktwerts, manche deutlich mehr. XRP fiel von gut drei US-Dollar auf unter 80 Cent zurück, SUI von fast vier Dollar auf 50 Cent. Der Top-50-Coin ATOM crashte auf Binance von knapp vier Dollar auf 0.1 Cent (!). Ausgelöst wurde der Blitz-Crash, als US-Präsident Donald Trump nach US-Börsenschluss neue 100-prozentige Zölle für China bekanntgab.
Die Liquidationen vom Wochenende (grüner Balken rechts) stellten alles in den Schatten, was der Kryptomarkt bis dahin gesehen hatte. Quelle: Coinglass.
Die schwindelerregendsten Kursverluste wurden zwar schnell wieder aufgekauft, der Schaden war aber angerichtet: Der Absturz am Freitagabend war die größte Liquidationswelle der gesamten Krypto-Geschichte. Selbst Stablecoins verloren zwischenzeitlich ihre Dollar-Kopplung. Schnell kursierten Gerüchte über Marktmanipulation, weil mysteriöse Wale vor Trumps Zollhammer Milliarden-Shorts geöffnet hatten und viele Krypto-Plattformen kurzzeitig keine Käufe ermöglichten.
Bevor wir uns ansehen, was eigentlich passiert ist, warum Binance jetzt der Marktmanipulation bezichtigt wird und wie es für Altcoins weitergeht, eine wichtige Warnung: Der Crash vom Wochenende hat gezeigt, wie vergänglich der Wert eines Krypto-Portfolios sein kann, wie hoch das Risiko selbst in Bullenmärkten ist und wie wichtig Gewinnmitnahmen auf dem Weg nach oben sind. Die Nacht auf Samstag war ein Warnschuss, den jeder Krypto-Investor ernst nehmen sollte. Ein weiterer Bärenmarkt wird kommen – was davor aber noch möglich ist, diskutieren wir jetzt.
Das größte Gemetzel der Krypto-Geschichte
Der massive Kurssturz in der Nacht auf Samstag löschte Trading-Positionen im kolportierten Gesamtwert von fast 20 Milliarden US-Dollar aus, die Dunkelziffer liegt wohl deutlich höher. Rechnet man nur mit den offiziellen Zahlen, brachte der neuerliche Zoll-Schock drei- bis viermal so viele Totalverluste wie der Corona-Crash und die FTX-Panik zusammen (!). Auch zwei Tage nach diesem historischen Desaster ist die gesamte Blockchain-Branche im Schockzustand.
Im Verhältnis zu Bitcoin haben die Top-125 Altcoins in der Nacht auf Samstag ihr bisheriges Zyklustief erneut getestet. Ein ähnliches Muster gab es beim Corona-Crash.
Neben Berichten von vollständig ausgelöschten Millionen-Vermögen kursierten im Internet Aufrufe, sich bei großen Verlusten psychologische Hilfe zu holen. Nicht ohne Grund: Ein 32-jähriger ukrainischer Krypto-Influencer beging am Samstag laut Medienberichten Suizid in seinem Lamborghini.
Vorangegangen war dem buchstäblich tragischen Krypto-Absturz ein ebenso offener wie unerwarteter Angriff Trumps auf China. „China wird immer feindlicher“, schrieb der US-Präsident am Freitagabend auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social. Die Regierung in Peking schreibe „Briefe an Länder in aller Welt, um Export-Kontrollen für Seltene Erden durchzusetzen“, monierte Trump in seinem Post.
Bitcoin-Beben nach Trumps neuen China-Zöllen
Die Nachricht von Chinas Beschränkungen auf die Ausfuhren Seltener Erden war nicht neu, Trumps Reaktion kam allerdings unerwartet. „Ich dachte nicht, dass es so weit kommt, aber die Zeit ist reif“, endete der Republikaner sein mehrere hundert Wörter langes Statement und fügte an: „Obgleich möglicherweise sehr schmerzhaft, wird es für die USA eine gute Entscheidung sein“. In Aussicht stellte er dabei „massive neue Zölle auf chinesische Produkte“.
Der Stein, der alles ins Rollen brachte: Trump schrieb am Freitagnachmittag auf Truth Social eine lange Anschuldigung gegen China.
Einige Stunden später, mitten in der Nacht deutscher Zeit und kurz nach US-Börsenschluss, machte Trump seine Drohung dann wahr: 100 Prozent zusätzliche Zölle will das Weiße Haus ab Anfang November auf alle chinesischen Waren aufschlagen – womöglich auch schon früher, sollte Peking aggressiv antworten. Die Nachricht sorgte für blanke Panik an den Märkten: Im Futures-Handel knickte der S&P500 um rund fünf Prozent ein, Bitcoin fiel auf vielen Börsen auf etwa 100 000 Dollar zurück. Manche Altcoins verloren kurzzeitig fast 100 Prozent ihres Kurswerts.
Kleine Altcoins traf es am schlimmsten: Die Others-Marktkapitalisierung erreichte im BTC-Verhältnis ihre Tiefstände aus dem vierten Quartal 2020.
Wenig später ruderte Trump zurück und sagte, dass er ein baldiges Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping gar nicht abgesagt habe, wie zuvor angedeutet. Außerdem wolle man China „nicht schaden, sondern helfen“. Das Blutbad im Altcoin-Sektor konnte dieses Dementi nicht mehr verhindern. Viele Beobachter waren sich da aber ohnehin schon sicher, dass die Schlagzeilen lediglich ein Vorwand waren, um den Markt massiv zu manipulieren.
Haben Trump und Binance den Markt manipuliert?
Dass ein derart epochaler Krypto-Crash nicht unter normalen Umständen zustande kommen kann, war schnell klar. Einen besonders faden Beigeschmack bekam der Crash, als bekanntwurde, dass ein großer Trader auf der dezentralen Börse Hyperliquid nur wenige Minuten vor Trumps Zoll-Statement und dem anschließenden Crash millionenschwere Bitcoin- und Ethereum-Shorts eröffnet hatte.
Der mysteriöse Krypto-Wal realisierte seine Profite zum nahezu perfekten Zeitpunkt und verdiente allein auf Hyperliquid an die 200 Millionen Dollar. Mögliche intransparente Positionen auf anderen Börsen nicht eingerechnet. Erste Gerüchte kamen auf, dass der Trader aus Trumps engstem Umfeld stammen könnte – Belege dafür gibt es nicht.
War das Insider-Trading? Ein Krypto-Wal eröffnete kurz vor dem Flashcrash eine millionenschwere Short-Position auf Hyperliquid (rote Punkte) und schloss sie nahezu perfekt (grün).
Neben Trump und dem vermeintlichen Insider-Trading hatten geprellte Krypto-Trader schnell einen Verantwortlichen ausgemacht: zentralisierte Krypto-Börsen und allen voran die weltgrößte Handelsplattform Binance. Während in der Nacht auf Freitag viele Altcoins quasi auf null fielen, konnten viele Anleger nämlich gar nicht auf ihre Börsenkonten zugreifen.
Binance war mehrere Minuten kaum erreichbar, weshalb die Orderbücher wie leergefegt waren und die dünne Liquidität den Crash beschleunigte. Seltsam war vor allem, dass einige Kryptowährungen auf Binance ins Bodenlose stürzten, während sie auf anderen zentralisierten und vor allem dezentralen Börsen wie Uniswap deutlich weniger stark abverkauften.
Binance entschuldigte sich am Tag darauf und kündigte an, gewisse Verluste seiner Kunden zu refundieren. Offiziell bereitgestellt wurden dafür 238 Millionen Dollar. Viele Totalverluste waren erst zustande gekommen, weil das System von Binance derart überlastet war, dass Stop-Loss-Orders gar nicht erst getriggert wurden. Das war aber nicht das einzige Problem.
Warum Altcoins bei Binance auf null fielen
Binance war besonders stark betroffen, weil der Crash genau in eine wichtige Umstellungsphase ihres Margin-Systems fiel. Das neue Unified Account-System erlaubte, auch riskantere Coins wie Ethenas Stablecoin USDE, Wrapped ETH oder Solana über die BNB-Chain als Sicherheiten zu nutzen. Während dieser Umstellung funktionierten einige Sicherheitsmechanismen nicht richtig. Das öffnete Angreifern oder großen Tradern eine Chance, das System auszunutzen und eine Kettenreaktion von Liquidationen zu starten.
Hat Binance den Markt manipuliert? Während Cosmos (ATOM) auf Coinbase in Richtung drei Dollar fiel, verlor der Coin auf Binance zwischenzeitlich 99.9 Prozent.
Besonders problematisch war, dass Binance die Preise dieser Coins temporär intern berechnete, statt verlässliche externe Preise zu nutzen. Als die Preise plötzlich stark fielen, verloren viele Trader ihre Sicherheiten und ihre Positionen wurden automatisch verkauft. Diese Verkaufswelle verstärkte den Preisverfall noch weiter. So gerieten viele Altcoins gleichzeitig unter Druck, und es kam zu einem sehr schnellen und starken Absturz.
Zusätzlich gab es technische Probleme bei der Anzeige von Kursen. Einige Coins wie IoTeX, Cosmos und Enjin wurden auf Binance kurzzeitig mit null Dollar angezeigt, obwohl sie auf anderen Börsen noch viel mehr wert waren. Auch wenn das nur ein Anzeigeproblem war, sorgte es für Verwirrung und Panik beim Handel. Trader warfen Binance vor, nicht gut genug auf einen solchen Angriff vorbereitet gewesen zu sein. Andere vermuteten sogar absichtliche Massenliquidationen, weil Börsen durch Gebühren an zwangsgeschlossenen Positionen verdienen.
Eine gute und eine schlechte Nachricht für Altcoins
Mit Blick auf den Altcoin-Sektor bringt der historische Krypto-Crash vom Wochenende eine sehr gute und eine ziemlich schlechte Neuigkeit. Erst die schlechte: Wenn in der breiten Masse der Privatanleger überhaupt noch Vertrauen in die zuletzt so schwachen Altcoins vorhanden war, so ist selbst diese letzte Zuversicht jetzt erstmal zerstört. Freitagnacht hat bewiesen, wie manipulierbar, fragil und unsicher der Kryptomarkt immer noch ist.
Ist der Bitcoin-Crash gut für den Altcoin-Sektor? Positive Signale sendet die Bitcoin-Dominanz – in Form eines bearishen Tests der gelben Trendlinie, ähnlich wie 2021.
Der Abverkauf hat Altcoins in einer Phase sehr niedriger Handelsvolumina erwischt. Deshalb fielen vor allem kleinere Kryptos so stark, während Bitcoin nur rund 15 Prozent verlor. Während Ethereum rasch zurück über 4000 Dollar klettern konnte und der Binance-Coin BNB am Montag schon neue Allzeithochs erreichte (für viele ein weiteres Zeichen für Marktmanipulation durch Binance), sind kleine Altcoins so weit von ihren Allzeit- oder zumindest Zyklushochs entfernt wie nie zuvor seit 2023 (ausgenommen natürlich die Tiefs des jüngsten Flashcrashes).
Ironischerweise ist der massive Vertrauensverlust in Altcoins gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil der guten Nachricht, die dieser historische Crash gebracht hat. Durch die scharfen Abverkäufe in der Nacht auf Samstag wurde das Open Interest, also die Summe der offenen Hebelpositionen bei Bitcoin und vor allem Altcoins, schlagartig um mehrere Milliarden Dollar reduziert. Damit ist die Spekulation im Markt auf einen zyklischen Minimalwert zurückgesetzt worden. Das sorgt zwar für Panik und kurzfristiges extremes Misstrauen, ist für mittelfristiges Wachstum aber absolut notwendig.
Kann jetzt die Altcoin-Season starten?
Das Problem an überhebelten Märkten ist Folgendes: Je höher der Kurs steigt, ohne Hebel-Positionen durch zwischenzeitliche Rücksetzer zu liquidieren, desto höher wird der potenzielle Verkaufsdruck. Schließlich sitzen Trader auf immer größeren Gewinnen. Weil viele auch noch mit Hebel handeln, steigen die unrealisierten Gewinne viel schneller als der Preis selbst. Umso höher ist dann auch das Risiko für massive Abverkäufe, wenn erfolgreiche Trader Gewinne mitnehmen und dadurch auch noch Liquidationskaskaden bei jenen auslösen, die später eingestiegen sind.
Die Bitcoin-Dominanz hat entsprechend ihrer Saisonalität im Oktober auf den Crash reagiert. Der (für Altcoins bearishe) Ausbruch der Stablecoin-Dominanz geht wieder zurück.
Um zu verhindern, dass die Euphorie und damit der Hebel im Markt überhandnehmen, sind solche Resets notwendig und gesund. Sie zerstören kurzfristig das Vertrauen, erhöhen mittelfristig aber die Chancen auf organische Anstiege. Dass die Altcoins länger brauchen, um sich vom Wochenende zu erholen, war absehbar. Sie wurden am härtesten getroffen und bergen immer noch das höchste Risiko im weiterhin fragilen Kryptomarkt.
Mit dem Flashcrash vom Wochenende hat der Kryptomarkt verhindert, dass zu viele Leute zu schnell auf zu hohen Gewinnen sitzen. Auch, wenn sich der Markt jetzt viel verletzlicher und fragiler anfühlt, ist das technische Fundament (zumindest aus Sicht des Open Interests) jetzt stabiler als noch vergangene Woche. Es wird dauern, bis das Vertrauen zurückkehrt – vor allem in Altcoins. Dass Angst und Panik als Rampe für fulminante Rallies genutzt werden können, haben Bitcoin und Co. in diesem Zyklus aber schon bewiesen. Natürlich gibt es weiterhin keine Garantie für eine Altcoin-Season (dieser Text keine Anlageberatung. Die Chancen standen aber schon mal schlechter.




