Der Schock um Trumps willkürliche Strafzölle gegen fast alle Länder der Welt markierte gestern den bisherigen Höhepunkt der Zoll-Panik am Finanzmarkt. In weniger als zwei Monaten ist der Technologie-Index Nasdaq-100 rund 18 Prozent gefallen, der S&P500 verlor im selben Zeitraum gute zwölf Prozent. Allein nach Börsenschluss am Mittwoch und infolge von Trumps Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses reduzierte sich die Marktkapitalisierung des US-Leitindexes um mehr als zwei Billionen Dollar. Und was macht der Kryptomarkt? Seit Mitte Februar, als die scharfen Korrekturen der US-Märkte begannen, fiel Bitcoin in der Spitze um gute 20 Prozent – hielt sich in den letzten Tagen aber bedeutend besser als die Top-Indizes der Vereinigten Staaten.
Von Altcoins kann man das allerdings kaum behaupten. Die gesamte Marktkapitalisierung des Kryptomarktes ist seit Trumps Amtsantritt um mehr als eine Billion US-Dollar gesunken. Allein die 125 größten Altcoins (ohne Bitcoin und Ethereum) verloren seit dem bisherigen Zyklustop Anfang Dezember mehr als 420 Milliarden Dollar an gesammelter Marktkapitalisierung. Das ist doppelt so viel wie der Gesamtwert von Ethereum. Während Anleger weltweit in sichere Assets wie Gold fliehen, kommen vor allem Hochrisiko-Assets wie Altcoins unter die Räder, die Bitcoin-Dominanz steht deutlich über 60 Prozent. Anfang der Woche haben wir erklärt, welche Indikatoren gegen eine Altcoin-Season sprechen. Jetzt schauen wir uns an, was dafürspricht.
Wenn die Angst am größten ist…
Die American Association of Individual Investors (AAII) ist eine gemeinnützige Organisation, die privaten Anlegern Bildung, Forschung und Anlagestrategien bereitstellt, um ihnen zu helfen, fundierte Investmententscheidungen zu treffen. Zu diesem Zweck führt die AAII seit 1987 jede Woche eine Umfrage unter Kleininvestoren durch, die zu einem wichtigen Gradmesser für die Börsenstimmung in den USA geworden ist. Enthalten ist in dieser Umfrage auch eine Skala, die anzeigt, wie pessimistisch der breite Markt aktuell mit Blick auf die nächsten sechs Monate ist. Und diese Skala hat in der vergangenen Woche den höchsten Wert seit der Weltwirtschaftskrise 2008 erreicht. Nicht einmal die Corona-Krise hat private Investoren so bärisch gestimmt wie aktuell.
So bärisch wie jetzt waren US-Anleger laut der AAII-Umfrage zuletzt während der Weltwirtschaftskrise 2008. Nicht einmal Corona erreichte dieses Panik-Level.
Insgesamt hat der Pessimismus im Aktienmarkt den dritthöchsten Stand seit Beginn der Datenerfassung seitens der AAII erreicht. Zum ersten Mal seit 1990 waren für sechs Wochen in Folge mehr als 55 Prozent der Befragten negativ eingestellt. Die Weltwirtschaftskrise 2008 und der Corona-Crash waren jeweils nur auf fünf Wochen derartiger Negativität gekommen. Man kann also sagen: Die Stimmung auf den Weltmärkten ist im wahrsten Wortsinn historisch schlecht. Und das ist kein Bauchgefühl, sondern Statistik.
Wenn die Panik am größten ist, ist das Gröbste meistens schon vorbei: Bitcoin-Käufe waren in den letzten Jahren am lukrativsten, wenn die Angst regierte.
Ablesen lässt sich das auch am Fear and Greed-Index des Kryptomarkts. Vor rund drei Wochen erreichte diese Maßzahl für die Anlegerstimmung im Blockchain-Sektor den niedrigsten Stand seit Sommer 2022, also kurz vor dem FTX-Crash und dem finalen Bärenmarkttief. Aktuell erholt sich der Index leicht, bleibt aber nahe der extremen Angst. Die Furcht vor einem möglichen globalen Zollkrieg macht die Situation nicht besser. Und trotzdem ist überhöhter Pessimismus historisch gesehen einer der zuverlässigsten Indikatoren für einen baldigen bullischen Trendwechsel. Frei nach dem alten Börsensprichwort: „Kaufe, wenn Blut auf den Straßen fließt. Auch, wenn es dein eigenes ist.“
… entstehen die größten Chancen
Natürlich will aktuell kaum jemand Altcoins kaufen. Und natürlich möchte gerade jeder so schnell wie möglich hochvolatile Risiko-Assets loswerden. Nicht umsonst fallen die Preise im Altcoin-Sektor gerade so drastisch. Aber ist das wirklich vernünftig? Kurz und bündig kann man diese Frage mit Nein beantworten. Noch im Dezember wünschten sich viele, die zu spät gekommen waren, eine starke Korrektur, um noch einmal einsteigen zu können. Bitcoin noch einmal unter 80 000 US-Dollar, Ethereum unter 2000, Solana um 100 Dollar, das wär’s. Und jetzt, wo diese Preise endlich erreicht wurden? Jetzt verkaufen dieselben, die sich oben gewünscht hatten, unten noch einmal günstig kaufen zu können, in Panik ihre Bestände ab.
Wenn die wöchentliche Änderung des US-Dollar-Index (gem. in Standardabw.) so stark nach unten ausschlug wie aktuell, deutete das in der Vergangenheit auf BTC-Bodenbereiche hin.
Die Wahrheit ist: Gute Preise gibt es nicht in guten Situationen. Gute Assets sind nur günstig, wenn die Masse verkauft – und das passiert nur in Phasen der Angst oder Panik. Die Wahrheit ist auch: Wenn die Masse in Panik verfällt, ist es meistens schon zu spät. Warren Buffett hat bereits im letzten Sommer weite Teile des Portfolios seiner Berkshire Hathaway abverkauft. Große Hedgefonds stoßen seit Jahresbeginn Tech-Aktien im großen Stil ab. Die breite Masse Kleinanleger bekommt von wichtigen Börsenbewegungen immer ganz am Schluss Wind. Deshalb steigen die meisten im Bullenmarkt erst an der Spitze ein – und verkaufen bei Korrekturen am Boden.
Und tatsächlich deutet eine wichtige Metrik darauf hin, dass Bitcoin gerade dabei ist, einen größeren übergeordneten Boden auszubilden: Die Änderung des US-Dollar-Index auf Tagesbasis, errechnet nach Standardabweichungen, zeigt einen so starken Einbruch des US-Dollar-Werts wie zuletzt zum Bärenmarkt-Tief 2015, dem Corona-Crash 2020 und dem Bärenmarkt-Tief 2022. Alle drei markierten wichtige bullische Trendwende-Bereiche für Bitcoin. Das hat einen Grund: Wird der US-Dollar schwächer, ist das gut für Risiko-Anlagen.
Bei Trumps erstem Amtsantritt 2016 schoss der DXY erst nach oben, korrigierte dann scharf und schickte Bitcoin in den Bullrun. Wiederholt sich das Muster?
Da trifft es sich gut, dass aktuell ein historisches Muster auftritt, was schon nach Trumps erstem Amtsantritt und vor der finalen Bitcoin-Bullenrallye 2017 zu beobachten war: Kurz nach Trumps Wahlerfolg im November 2016 schoss der Dollar-Index (DXY) nach oben und korrigierte dann scharf. 2017 begleitete Bitcoin diese DXY-Korrektur bis Anfang April und setzte dann den Bullrun fort. Bisher wiederholt sich dieses Muster auf erstaunliche Weise: Auch im November vergangenen Jahres stieg der DXY nach Trumps Wahlsieg steil an, fällt aber seitdem. Erneut korrigiert Bitcoin in den April hinein. Wenn sich die Geschichte bis hierhin wiederholt hat – warum sollte sie jetzt damit aufhören?
Warum die Aussichten für Altcoins gut sind
Geht es der US-Wirtschaft wirklich so schlecht? Wichtige Indikatoren für die Gesundheit der US-Industrie sprechen eine andere Sprache. Wichtig sind hierbei vor allem der Einkaufsmanagerindex (engl.: Purchasing Managers‘ Index; PMI) und der Index für Herstellungskosten (engl.: Manufacturing Prices Index) des US-amerikanischen Institute for Supply Management (ISM). Der PMI misst die wirtschaftliche Aktivität im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor der USA anhand von Umfragen unter Führungspersonen von Unternehmen. Der Kostenindex ist eine Komponente des PMI und gibt Auskunft darüber, wie sich die Kosten der Industrieproduktion verändern.
Der Einkaufsmanagerindex (PMI) konsolidiert gerade noch, scheint aber kurz vor einem Ausbruch…
Beide Indizes werden auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben, wobei 50 jeweils als neutral gilt. Werte über 50 deuten beim Einkaufsmanagerindex PMI auf wirtschaftliche Expansion und beim Kostenindex auf steigende Kosten für Hersteller hin. Steigende Kosten für Hersteller bedeuten versteckte Inflation und wachsende Liquidität in der Wirtschaft. Beide Indizes korrelieren in den vergangenen Jahren sehr eng mit dem Bitcoin-Preis: Brachen PMI und MCI nachhaltig über den Neutralwert aus (2017 und 2021), ging Bitcoin jeweils in den Bullrun. Aktuell bricht der Kostenindex bereits deutlich über die 50 Punkte aus, der PMI scheint kurz davor zu stehen.
… während der Produktionskosten-Index bereits auf dem Weg nach oben ist. Hierbei handelt es sich um einen Indikator für versteckte Liquidität.
Neben indirekten Indikatoren wie dem MCI kann man sich die globale Liquidität aber auch direkt ansehen. Auch hier gibt es eine verblüffende Korrelation: Die globale Geldmenge M2 (Bargeld, und leicht verfügbare kurzfristige Liquidität wie Sparkonten und Geldmarktfonds) ist dem Bitcoin in den vergangenen Monaten mit einem Abstand von etwa zwei Monaten vorausgeeilt. Legt man die beiden Kurven übereinander, deutet die Entwicklung der globalen Liquidität auf einen baldigen Bitcoin-Ausbruch hin. Für Altcoins wäre das eine Möglichkeit zur Erholung von den jüngsten Abverkäufen. Was aber muss passieren, damit die Altcoin-Season wirklich beginnt?
Wann die Altcoin-Season endlich beginnt
In den letzten Monaten hatten Altcoins ein bestimmtes Problem: Wenn Bitcoin anstieg, kamen sie nicht so richtig hinterher. Wenn Bitcoin korrigierte, fielen sie weitaus tiefer. Dieses Muster führte zu einem stetigen Anstieg der Bitcoin-Dominanz, die mittlerweile deutlich über 60 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren liegt. Um eine Altcoin-Season zu ermöglichen, muss die Bitcoin-Dominanz deutlich korrigieren – Bitcoin muss also Marktanteile an die Altcoins abgeben. Im Optimalfall passiert das (wie in den letzten Bullenmärkten), während Bitcoin steigt oder rund um sein Zyklustop seitwärts läuft. Dann nämlich steigen Altcoins umso stärker und holen in der Gesamtbewertung deshalb auf.
Die BTC-Dominanz (weiß; oben) ist laut RSI überbewertet und steuert einer bärischen Kreuzung im MACD entgegen.
Rein technisch gesehen scheint sich die Bitcoin-Dominanz aktuell einem übergeordneten Top zu nähern. Auf dem MACD könnte bald eine bärische Kreuzung entstehen, wie sie sowohl 2017 als auch 2021 kurz vor der scharfen Korrektur der BTC-Dominanz respektive kurz vor der Altcoin-Season auftrat. Gleichzeitig bewegt sich der RSI der Bitcoin-Dominanz seit einiger Zeit im überkauften Bereich und deutet auf eine Überbewertung des Bitcoin im Vergleich zum restlichen Markt hin (oder umgekehrt auf eine Unterbewertung der Altcoins). Zusätzlich könnte sich im RSI der BTC-Dominanz zeitnah ein Doppel-Top bilden, wie es auch 2021 vor der Altcoin-Season zu beobachten war.
Zweifelsfrei prognostizieren lässt sich eine Altcoin-Season zwar nicht, die wichtigsten Indikatoren der Vergangenheit scheinen aber darauf hinzudeuten, dass kleinere Kryptowährungen schon bald wieder deutlich besser performen könnten. Ein schwacher US-Dollar, wachsende globale Liquidität und Top-Signale in der Bitcoin-Dominanz traten in ähnlicher Form bereits 2017 und 2021 auf. Eine identische Wiederholung dieser Zyklen wird es nicht geben, deshalb ist dieser Text auch keine Anlageberatung. Ähnlichkeiten aber sind alles andere als ausgeschlossen. Wie der berühmte Autor Mark Twain einst sagte: „Geschichte wiederholt sich nicht. Aber oft reimt sie sich“. Und letztlich bleibt der Blick in die Vergangenheit die beste Grundlage für Prognosen.




