Mit der Nominierung von Stephen Miran zum Direktor der US-Notenbank Federal Reserve platziert Donald Trump einen engen Vertrauten an einem neuralgischen Punkt der amerikanischen Geldpolitik. Der Zeitpunkt könnte brisanter kaum sein: Nur wenige Stunden zuvor hatte Adriana Kugler – von Joe Biden ins Amt gebracht – überraschend ihren Rücktritt erklärt. Offizielle Gründe für ihren Abgang wurden nicht genannt. Trump nannte es eine „angenehme Überraschung“ – und nutzte die Gelegenheit, um den Kurs der Fed schon vor Ablauf von Jerome Powells Amtszeit zu beeinflussen.
Ein Ökonom mit klarer Agenda
Stephen Miran ist kein stiller Technokrat, sondern ein Ökonom mit politischer Schlagkraft. Als Vorsitzender des Council of Economic Advisers im Weißen Haus hat er Trumps protektionistische Wirtschaftspolitik stets offensiv vertreten. Er hat die Fed scharf für ihre Maßnahmen während der Covid-Krise kritisiert und eine gezielte Abwertung des US-Dollars vorgeschlagen, um das Handelsbilanzdefizit zu verringern.
Bereits während seiner Zeit im US-Finanzministerium war er maßgeblich am Paycheck Protection Program beteiligt, einem milliardenschweren Rettungspaket für Unternehmen in der Pandemie. Wer Miran zuhört, erkennt schnell: Er will eine Notenbank, die Wachstum priorisiert – und dabei auch unkonventionelle Mittel nicht scheut.
Trump, Powell und das Machtspiel um die Fed
Hinter der Personalie steckt mehr als nur eine Nachbesetzung. Trump hat mit Fed-Chef Jerome Powell seit Jahren ein angespanntes Verhältnis. Mehrfach forderte er Zinssenkungen, warf Powell „wirtschaftliche Sabotage“ vor und spielte öffentlich mit der Idee, ihn zu entlassen.
Dass Powells Amtszeit im Mai 2026 endet, macht die Frage nach seiner Nachfolge zum Politikum. Mit Miran gewinnt Trump schon jetzt eine Stimme im Federal Open Market Committee, die seine Agenda stützt.
Mehr Einfluss als nur bei Zinsen
Die Rolle eines Fed-Direktors reicht weit über die Abstimmung über den Leitzins hinaus. Sie umfasst auch die Aufsicht über Banken, Finanzstabilität und die Regulierung der Kapitalmärkte. Genau hier könnte Miran Trumps Kritikpunkte aufgreifen – etwa am Ausbau der Fed-Infrastruktur in Washington, den der Präsident als überflüssig und kostspielig geißelte.
Der Vorsitzende des Bankenausschusses, Tim Scott, begrüßte Mirans Erfahrung, betonte jedoch, dass er Transparenz und Rechenschaft erwarte. Es deutet sich an, dass Miran nicht nur die geldpolitische Richtung, sondern auch den institutionellen Charakter der Fed beeinflussen könnte.
Zinssenkung als erster Testfall?
Die Uhr tickt: Mitte September tagt die Fed erneut. Viele Marktbeobachter halten eine Zinssenkung – die erste seit Dezember 2024 – für möglich. Sollte Miran bis dahin bestätigt werden, hätte Trump die Gelegenheit, seinen Einfluss unmittelbar spürbar zu machen.
Doch das Risiko ist klar: Je sichtbarer die politische Einflussnahme, desto größer die Gefahr, dass die Märkte das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Fed verlieren. In einer Zeit, in der geopolitische Spannungen, volatile Rohstoffpreise und eine fragile Konjunktur ohnehin für Unsicherheit sorgen, könnte das ein gefährliches Signal sein.
Was auf dem Spiel steht
Diese Nominierung ist kein isoliertes Ereignis. Sie könnte der Auftakt zu einer umfassenden Neuausrichtung der US-Notenbank sein. Gelingt es Trump, bis 2026 weitere Schlüsselpositionen zu besetzen – allen voran den Vorsitz –, könnte die Fed stärker auf politische Zielvorgaben ausgerichtet werden.
Das hätte weitreichende Folgen: für die Zinspolitik, für die Regulierung der Finanzmärkte und für die Rolle des Dollars im globalen Währungssystem. Eine Fed, die stärker dem Weißen Haus verpflichtet ist, würde das institutionelle Gleichgewicht der US-Wirtschaftsordnung nachhaltig verändern.
Fazit: Mehr als eine Personalie
Mit Stephen Miran zieht ein streitbarer Ökonom ins Machtzentrum der amerikanischen Geldpolitik ein. Kurzfristig könnte das eine lockerere Zinspolitik bedeuten, mittelfristig aber steht die Frage im Raum, wie unabhängig die Federal Reserve unter Trump noch wäre. Für Anleger und Märkte heißt das: Nicht nur auf die Wirtschaftsdaten achten – sondern genau beobachten, wer künftig die Entscheidungen in der Fed prägt.



