Das Wichtigste auf einen Blick
US-Präsident Donald Trump fordert, dass börsennotierte Unternehmen künftig halbjährlich statt quartalsweise ihre Gewinne melden. Ziel sei es, Manager zu entlasten und langfristiges Wachstum zu fördern. Finanzexperten warnen jedoch, dass weniger Transparenz zu höherer Volatilität und Manipulationsrisiken führen könnte. Die SEC prüft den Vorschlag, eine Umsetzung würde mindestens sechs Monate dauern. Unterstützt wird die Initiative von Warren Buffett und JPMorgan-Chef Jamie Dimon, die eine Fokussierung auf kurzfristige Gewinne kritisieren. Gegner betonen, dass Transparenz und Anlegervertrauen leiden würden, sollten Quartalszahlen tatsächlich abgeschafft werden.
Werden Quartalszahlen abgeschafft?
US-Präsident Donald Trump hat mit einem Post in seinem sozialen Netzwerk Truth Social die Debatte um Unternehmensberichterstattung neu entfacht. Er forderte, börsennotierte Firmen in den Vereinigten Staaten sollten künftig nur noch alle sechs Monate statt vierteljährlich ihre Geschäftszahlen veröffentlichen. „Das wird Geld sparen und es Managern ermöglichen, sich auf das ordnungsgemäße Führen ihrer Unternehmen zu konzentrieren“, schrieb er. Unterstützer sehen darin eine Entlastung für Manager und einen Schub für langfristiges Denken. Kritiker warnen jedoch vor sinkender Transparenz, Manipulationsgefahren und höherer Marktvolatilität. Wie realistisch ist diese kleine Revolution an den Finanzmärkten? Und was bedeutet Trumps Vorstoß für Anleger?
„Katastrophal“: Trump bricht jahrzehntealte Konvention
Seit 1970 schreibt die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) Quartalsberichte verpflichtend vor. Sie gelten als Eckpfeiler der Transparenz amerikanischer Kapitalmärkte. Mehr als 3000 börsennotierte Unternehmen legen jedes Jahr viermal ihre Bilanzen offen und beantworten Fragen von Analysten. Für viele Manager ist dieser Rhythmus allerdings eine Last. Sie kritisieren den hohen Aufwand und die kurzfristige Denkweise, die aus dem ständigen Blick auf Quartalsgewinne resultiert. „Quartalsprognosen führen allzu oft zu einem ungesunden Fokus auf kurzfristige Gewinne – auf Kosten von langfristiger Strategie, Wachstum und Nachhaltigkeit“, warnten schon 2018 Warren Buffett und JPMorgan-Chef Jamie Dimon.
Auch der sogenannte Business Roundtable, ein Zusammenschluss von mehr als 200 US-Konzernen rund um Apple, BlackRock oder auch JPMorgan Chase, unterstützt die Kritik. Sie spricht von einem gefährlichen Kreislauf, bei dem Prognosen und Investorenreaktionen strategisches Denken verdrängen. Befürworter von Trumps Initiative sehen in längeren Intervallen eine Möglichkeit, die Zahl börsennotierter Firmen wieder zu erhöhen. Vor allem kleinere Unternehmen meiden den Gang an die Börse, weil die Berichtspflichten teuer und bürokratisch seien. „Das mag großartig für langfristige Unternehmenslenker sein, aber für Investoren im öffentlichen Markt, die zeitnahe Daten brauchen, ist es katastrophal“, schrieb Analyst Sam Kampner, Gründer von SalesCraft AI, einem lokalen Partner von Salesforce.
Widerstand aus der Wissenschaft
Auch zahlreiche Experten warnen vor negativen Folgen. Salman Arif, Professor an der Carlson School of Management, einer renommierten Wirtschaftshochschule in Minneapolis, sieht weniger Transparenz als Gefahr für die Stabilität der Märkte: „Offenlegung ist eine Form des Wahrheitsverkündens“, sagte er zu US-Medien. Müssten Unternehmen nur halbjährlich berichten, könnten sie ihre Kennzahlen leichter manipulieren, während Anleger größere Überraschungen fürchten müssten. Auch Art Hogan, Marktstratege bei B. Riley Wealth Management, hält die Vorteile des bestehenden Systems für größer: „Wenn man das gegeneinander aufwiegt, überwiegen die Vorteile von Quartalsberichten die Nachteile.“
Die Befürchtung: Mit halbjährlichen Zahlen könnten Fälle von Insiderhandel oder Bilanztricks erst spät ans Licht kommen. GAAP, die in den USA geltenden Rechnungslegungsstandards, bieten zwar Schutzmechanismen, doch ohne häufige Prüfung sinkt deren Wirkung. Gerade in einem Markt, in dem Tech-Giganten wie Apple, Microsoft oder Nvidia mit Billionenbewertungen arbeiten, sei Informationsdichte entscheidend. „Der Anleger ist besser aufgestellt, wenn er mehr Informationen hat, statt seltener Informationen“, betonte Hogan. Weniger Kontrolle könnte Kursschwankungen verstärken und das Vertrauen schädigen.
Chancen auf Umsetzung steigen
Trump ist nicht der Erste, der Quartalszahlen abschaffen möchte. Politisch ist die Initiative diesmal aber nicht ohne Gewicht. Die SEC teilte dem US-Nachrichtensender CNBC mit, sie prüfe den Vorschlag aktiv. Ein Sprecher erklärte: „Auf Präsident Trumps Wunsch hin priorisiert Vorsitzender Paul Atkins mit der SEC diesen Vorschlag, um weitere unnötige regulatorische Belastungen für Unternehmen zu beseitigen.“ Analyst Jaret Seiberg von TD Cowen schätzte die Wahrscheinlichkeit einer Umstellung in einem Interview auf sechzig Prozent. Ein Beschluss würde keine Zustimmung des Kongresses erfordern, sondern lediglich eine Mehrheitsentscheidung in der SEC. Dort halten Republikaner derzeit eine Drei-zu-eins-Mehrheit, ein weiterer Sitz ist vakant.
Der Prozess könnte laut Seiberg sechs bis zwölf Monate dauern. Indikatoren für Fortschritte wären öffentliche Reden von Atkins oder die Aufnahme des Themas auf die Agenda des Investor Advisory Committee der SEC. Dieses Gremium berät die US-Börsenaufsicht SEC aus Sicht der Anleger und gibt Empfehlungen zu Anlegerschutz, Markttransparenz und fairen Rahmenbedingungen für Investoren. Experten verweisen auf die Unabhängigkeit des Komitees, schätzen Trumps politischen Einfluss gleichzeitig aber als möglicherweise entscheidend ein. Dennoch ruft der Vorstoß des US-Präsidenten auch innerhalb der SEC kontroverse Debatten hervor.
Lässt sich der US-Markt mit Europa vergleichen?
Trump verweist in seinen Posts zum Thema Wirtschaftsperspektive gern auf China, wo man angeblich in Zeiträumen von „fünfzig bis hundert Jahren“ denke. Doch die Realität ist komplexer: In der Volksrepublik müssen Unternehmen nicht nur jährliche, sondern auch quartalsweise und halbjährliche Berichte ablegen – teils strenger als in den USA. Anders in Hongkong, wo nur alle sechs Monate berichtet wird. Im Vereinigten Königreich und in der EU gilt seit 2014 die Pflicht zu Halbjahreszahlen, freiwillige Quartalsberichte sind jedoch erlaubt. Eine Harvard-Studie zeigte, dass dies kurzfristiges Denken nicht vollständig beseitigte, Transparenz jedoch auch nicht völlig zerstörte.
Die internationalen Vergleiche zeigen: Weniger Berichte sind kein Allheilmittel. Während Norwegens Staatsfonds Anfang des Jahres ebenfalls für eine Umstellung plädierte, bleibt der US-Markt mit seinen Dimensionen ein Sonderfall. „Wie viele Unternehmen auf europäischen Märkten haben Billionen-Marktkapitalisierungen, wachsen ihre Umsätze um sechzig Prozent im Jahr oder haben Bruttomargen von über fünfzig Prozent?“, fragte Hogan rhetorisch. Damit ist klar: Ob sich die USA europäischen Standards angleichen können, bleibt zweifelhaft. Trump selbst dürfte sich davon nicht beirren lassen.




