Tausende Apotheken lahmgelegt: UnitedHealth kämpft mit Hackern und der Justiz
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Tausende Apotheken lahmgelegt: UnitedHealth kämpft mit Hackern und der Justiz

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Simeon Koch

„Wir wurden Opfer eines Cyberangriffs, durchgeführt von einem Hacker, der sich als Blackcat zu erkennen gibt“ – mit knappen Worten informierte der Gesundheitsdienstleister Change Healthcare Mitte der Woche über eine schwerwiegende digitale Attacke, die Tausende Apotheken in den Vereinigten Staaten lahmlegte. Vorsichtshalber nahm der Mutterkonzern UnitedHealth sein Programm vom Netz, tagelang waren Patientendaten nicht abrufbar, die für Behandlungen und die Verschreibung von Medikamenten benötigt werden. Die bekannte Hackergruppe Blackcat, die in der Vergangenheit bereits Hotels und Casinos ins Visier nahm, stahl laut eigener Aussage Millionen von Datensätzen und könnte dafür Lösegeld fordern. Während Tausende Patienten auf wichtige Behandlung oder Medikamente warten müssen, wird die größte nordamerikanische Gesundheitsversicherung UnitedHealth für ihre Machtfülle bei der Verwaltung von medizinischen Daten kritisiert. Seit kurzem soll auch das Justizministerium in den USA wegen kartellrechtlicher Verstöße gegen die Versicherung ermitteln, die in der Branche schon länger ein fragwürdiges Image hat: Vergangenes Jahr wurde UnitedHealth vorgeworfen, Patienten vorsätzlich notwendige Leistungen vorzuenthalten.

Hacker knacken „Jackpot“ mit Millionen Gesundheitsdaten

Der Cyberangriff auf Change Healthcare ist das nächste Kapitel in einer monatelangen Saga von Skandalen und juristischen Streitigkeiten: Vor zwei Jahren übernahm UnitedHealth den Daten-Dienstleister, der als wichtiger Knotenpunkt im komplexen nordamerikanischen Gesundheitssystem gilt, um Versicherungsforderungen von Patienten, Pharmazeuten und Gesundheitseinrichtungen abzuwickeln. Schon damals wurde das nordamerikanische Justizministerium aufmerksam und wollte den Deal verhindern. Laut Anklage bekäme UnitedHealth durch den Kauf Zugang zu immensen Datensätzen über andere Versicherungen und Fremdkunden, was einem ungebührlichen und wettbewerbsschädigendem Vorteil gleichkäme. Ein Gericht entschied nach einem wochenlangen Gerichtsverfahren zugunsten von UnitedHealth, die Fusion ging für $13 Milliarden über die Bühne. Die Versicherung ließ im Nachgang des Urteilsspruchs verlauten, dass man sich darauf freue, sich „so schnell wie möglich mit Change Healthcare zusammenzuschließen, damit wir gemeinsam unsere Arbeit fortsetzen können und das Gesundheitssystem für alle besser funktioniert.“

Angesichts dieser Bekenntnisse erscheint die Kompromittierung der medizinischen Datensätze von UnitedHealth und damit das Versagen der digitalen Sicherheitsvorkehrungen umso unglücklicher: Durch den Ausfall des Abrechnungssystems gerät eine Reihe von Apotheken und Krankenhäuser in den Vereinigten Staaten in Geldnot. Patienten konnten nur teilweise oder gar nicht behandelt werden, Verschreibungen von Medikamenten mussten großflächig ausgesetzt werden. Dabei sei der Angriff absehbar gewesen, erklärte Fred Langston, Cybersecurity-Spezialist bei einem nordamerikanischen Sicherheitsdienstleister, im Interview mit den New York Times: „Wenn du darauf aus bist, Daten zu stehlen, willst du den größten Datensatz haben, den es gibt – damit knackst du wortwörtlich den Jackpot!“. Entsprechend kritisch wird diese Ballung sensibler Daten beäugt, etwa von der nordamerikanischen Krankenhausgesellschaft (engl.: American Hospital Association), deren nationaler Berater John Riggi anmerkte: „Wir haben hier eine Konzentration von kritischen Daten und Dienstleistungen für den gesamten Sektor, das bedeutet gleichzeitig eine Konzentration des Risikos.“

„Debakel“ für Gesundheitsbranche in den USA

Auch kam der Angriff nicht ganz unangekündigt: Erst im Dezember hatten nordamerikanische Behörden mehrere Webseiten abgeschaltet und digitale Kanäle dichtgemacht, die von den bekannten Cyberkriminellen Blackcat genutzt wurden. Die Hacker kündigten daraufhin an, durch Schläge gegen kritische Infrastruktur und auch Gesundheitseinrichtungen Vergeltung zu üben – dieser Drohung ließen sie nun Taten folgen. Kurz nach dem Angriff hatte UnitedHealth einen Großteil des Systems vom Netz genommen, das laut eigener Aussage rund 15 Milliarden Transaktionen im Jahr durchführt. Betreiber von Apotheken sprachen von einem „Debakel“, Kunden mussten die Kosten für ihre Medikamente entweder in Bar vorstrecken, oder darauf verzichten, auch größere Krankenhäuser waren betroffen. Auch die größten Apothekenketten der Vereinigten Staaten, CVS Health und Walgreens, berichteten von empfindlichen Auswirkungen auf ihr Geschäft durch den Ausfall von Change Healthcare. Die gesamte Gesundheitsbranche leide unter dem Vorfall, unterstrich Jeff Nesbit, ein Sprecher des nordamerikanischen Gesundheitsministeriums: „Das ist eine weitere Erinnerung daran, wie sensibel die Netzwerke der Gesundheitsversorgung sind und wie dringend deren Resilienz gegen Cyberangriffe gestärkt werden muss“.

Blackcat wiederum dürfte versuchen, aus der Sache Profit zu schlagen. Experten erwarten millionenschwere Lösegeldforderungen für die erbeuteten Datensätze, die laut Aussagen der Gruppe einen Umfang von mehreren Terabyte haben. Diese Information gab Blackcat am Mittwoch in einem Posting preis, das umgehend wieder gelöscht wurde. UnitedHealth selbst versicherte am Donnerstagabend in einem Statement: „Wir versuchen mit verschiedenen Strategien, die betroffenen Daten wiederherzustellen und verteidigen unsere Systeme proaktiv und aggressiv. Wenn wir weitere Probleme identifizieren, werden umgehend Maßnahmen getroffen“. Die Beschwichtigungsversuche stießen aber zumindest bei der Regierung auf taube Ohren: Laut Insider-Informationen hat das Justizministerium in den vergangenen Wochen mehrere Quellen aus der Gesundheitsbranche befragt, darunter Ärzte und Krankenhauspersonal. Vermutet wird kartellrechtswidrige Preispolitik durch die UnitedHealth-Tochter Optum, die einflussreiche Arztgruppen finanziert.

Hat UnitedHealth Preise für Medikamente manipuliert?

Den inoffiziellen Vorwürfen zufolge soll UnitedHealth über Mittelsmänner Einfluss auf Medikamentenpreise genommen haben, etwa durch falsche oder überzogene Verschreibungen von Ärzten mit Beziehungen zum Unternehmen. Schon im vergangenen Jahr hatten Patienten UnitedHealth vorgeworfen, Patienten nur unzureichende Leistungen zu gewähren. In der Kritik stand eine Plattform, die auf Künstliche Intelligenz setzte und zu strenge Maßstäbe für Behandlungsempfehlungen angesetzt haben soll. UnitedHealth widersprach und wies darauf hin, dass das System gar nicht für solche Dienste eingesetzt werde. Die neusten Ermittlungen stehen nun im Zusammenhang mit der Inflationspolitik: Die Biden-Regierung will Gesundheitskosten nach starken Anstiegen in den letzten Jahren wieder senken und verabschiedete dazu vergangenes Jahr im Rahmen des Inflation Reduction Act (dt.: Inflations-Minderungsgesetz) das erste Gesetz zu Medikamentenpreisen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Gesundheitsversicherungen bleiben in den USA dennoch ein lukratives Geschäftsfeld: Im Jahr 2022 gaben nordamerikanische Bürger rund $13 500 pro Kopf für Gesundheitsdienste aus. 2023 flossen insgesamt rund $4.7 Billionen in den Sektor, was rund 18 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung entspricht. Als wichtiger Bestandteil des Marktes in den USA ist die Branche durch UnitedHealth auch in unserem US-Titans-Paket vertreten.

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Simeon Koch

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