Sicher, dass Sie ein Mensch sind?
#Technologie

Sicher, dass Sie ein Mensch sind?

Author

Esma Sakalli

Das Wichtigste in Kürze

  • KI erzeugt inzwischen mehr neue Inhalte als Menschen
  • Menschlichkeit könnte künftig digital nachgewiesen werden müssen
  • Vertrauen wird zur wichtigsten Ressource des Internets

Als 1991 die erste Webseite online ging, war das Internet für viele ein Ort des Wissens und des Austauschs. Informationen waren vergleichsweise rar, ihre Veröffentlichung aufwendig. Wer etwas ins Netz stellte, hatte meist einen konkreten Grund dafür. Heute hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Das Internet ist voller Inhalte, die nie ein Mensch geschrieben, fotografiert oder gefilmt hat. Hunde kochen gemeinsam Abendessen, wissenschaftlich klingende Artikel erfinden Fakten, Videos zeigen Ereignisse, die nie stattgefunden haben. Anfangs wirkte das kurios. Inzwischen wird daraus ein grundlegendes Problem.


KI flutet das NetzKI flutet das Netz


Denn je mehr Inhalte von Maschinen erzeugt werden, desto schwieriger wird eine einfache Frage: Was ist eigentlich noch echt? Eine Analyse der SEO-Firma Graphite zeigt, wie rasant diese Entwicklung verläuft. Ende 2022 waren rund zehn Prozent der neuen Online-Texte KI-generiert. Zwei Jahre später wurde erstmals die Marke von 50 Prozent überschritten. Mehr als die Hälfte aller neuen Inhalte im Internet stammt inzwischen von künstlicher Intelligenz. KI produziert heute mehr neuen Content als wir Menschen.

KI flutet das Netz: Menschen werden Mangelware

Knappheit erzeugt Wert. Solange Informationen begrenzt sind, zählt vor allem ihr Inhalt. Wird jedoch aus allen Richtungen neuer Content produziert, verändert sich die Logik. Dann wird nicht mehr die Information selbst zur entscheidenden Ressource, sondern die Frage nach ihrer Herkunft. Wem kann ich vertrauen? Welche Quelle ist glaubwürdig? Und stammt das, was ich gerade lese, überhaupt von einem Menschen?

Genau diese Entwicklung hat auch Sam Altman vorhergesagt. Es werde mehr von KI erzeugte Inhalte geben als von Menschen geschaffene. Daraus entstehe zwangsläufig eine neue Unsicherheit: Kommuniziere ich gerade mit einer Maschine oder mit einem Menschen? Und woran erkenne ich überhaupt noch den Unterschied?

Je stärker künstliche Intelligenz Texte, Bilder, Videos und Stimmen erzeugen kann, desto schwieriger wird diese Unterscheidung. Das Problem besteht dabei nicht nur in möglichen Falschinformationen. Es betrifft jede digitale Interaktion. Vertrauen wird zur eigentlichen Mangelware des Internets.

Wir müssen beweisen, dass wir echt sind

Das Paradoxe daran: Je besser Maschinen das Menschliche imitieren, desto größer wird unser Bedürfnis, das Menschliche überhaupt nachweisen zu können. Früher war es selbstverständlich, dass hinter einem Profil, einem Kommentar oder einer Nachricht ein Mensch steht. Künftig könnte genau diese Annahme verloren gehen.

Deshalb entstehen bereits heute Systeme, die genau dieses Problem lösen sollen. Auch Sam Altman arbeitet mit dem Projekt World an einer Lösung. Nutzer lassen dabei ihre Iris scannen und erhalten einen digitalen Nachweis, dass sie ein echter Mensch sind. Das Ziel ist denkbar einfach: In einer Welt voller KI soll erkennbar bleiben, wer aus Fleisch und Blut besteht – und wer aus Code.


Bald ein Beweis für Menschlichkeit erforderlich?Bald ein Beweis für Menschlichkeit erforderlich?


Die Idee wirkt gleichzeitig logisch und unbequem. Denn um unsere Menschlichkeit zu beweisen, müssen wir persönliche Daten preisgeben. Das Internet könnte damit in eine Richtung steuern, in der Authentizität nicht mehr vorausgesetzt, sondern verifiziert werden muss.

Zwischen Kontrolle und Privatsphäre

Vielleicht gibt es allerdings einen Mittelweg. In der Kryptografie existiert bereits ein Konzept, das genau dieses Problem adressiert: sogenannte Zero-Knowledge-Proofs. Die Idee dahinter ist erstaunlich elegant. Man kann beweisen, dass eine Aussage wahr ist, ohne die zugrunde liegenden Informationen offenzulegen.

Ein einfaches Beispiel: Wer eine Wohnung mieten möchte, muss oft sein komplettes Einkommen offenlegen. Eigentlich interessiert den Vermieter aber nur, ob die Person ausreichend verdient. Mit einem Zero-Knowledge-Proof ließe sich genau das nachweisen, ohne Gehaltsabrechnungen oder Kontostände preiszugeben.

Übertragen auf das Internet könnte das bedeuten, dass jemand beweist, ein Mensch zu sein, ohne seine Identität offenlegen zu müssen. Vertrauen und Privatsphäre müssten sich dann nicht länger gegenseitig ausschließen.


Steigern von Vertrauen und PrivatsphäreSteigern von Vertrauen und Privatsphäre


Doch auch solche Systeme bergen Risiken. Plattformen könnten beginnen, verifizierte Nutzer zu bevorzugen. Wer sich als Mensch nachweist, erhält Sichtbarkeit und Reichweite. Wer dies nicht tut, verschwindet zunehmend im Hintergrund. In einer Welt, die immer stärker von digitaler Präsenz abhängt, wäre das ein erheblicher Nachteil.

Ein Internet, das sich selbst nicht mehr vertraut

Die Entwicklung scheint auf einen Punkt zuzusteuern, an dem ein Großteil aller Inhalte synthetisch sein wird. Maschinen werden mit Maschinen kommunizieren, während Menschen nur noch punktuell eingreifen. Gleichzeitig wird es immer schwieriger zu erkennen, wer oder was hinter einem Inhalt steht.

Je besser KI wird, desto unsichtbarer wird menschliche Arbeit. Und je unsichtbarer sie wird, desto wichtiger wird der Nachweis, dass sie überhaupt noch existiert. Die große Ironie des KI-Zeitalters besteht deshalb darin, dass wir Jahrzehnte lang versucht haben, Maschinen menschlicher zu machen – und nun möglicherweise Menschen beweisen müssen, dass sie keine Maschinen sind.

Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob diese Entwicklung kommt. Vieles deutet darauf hin, dass sie bereits begonnen hat. Die eigentliche Frage ist vielmehr, welchen Preis wir bereit sind zu zahlen, um Vertrauen in einer digitalen Welt zu bewahren, die ihren eigenen Inhalten immer weniger glaubt.

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Esma Sakalli

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