Die wichtigsten Erkenntnisse des Artikels auf einen Blick:
Anleger, die sich selbst überschätzen, handeln oft zu viel und erzielen dadurch schlechtere Renditen als der Markt. Studien zeigen: Aktive Trader kamen im Schnitt nur auf 11.4 Prozent Rendite, während der breite Aktienindex im gleichen Zeitraum 17.9 Prozent erreichte. Ursache dafür sind psychologische Effekte wie Selbstüberschätzung und der sogenannte Self-Attribution Bias. Diese psychologischen Phänomene bringen uns dazu, Gewinne dem eigenen Können und Verluste dem Pech zuzuschreiben. Wer hingegen passiv investiert und seine Emotionen kontrolliert, fährt langfristig meist besser.
Wer zu viel zu wissen glaubt, verliert beim Investieren
Viele Anleger glauben, dass sie den Markt schlagen können. Dass sie besser seien als der Rest der Welt. Doch die Wissenschaft zeigt eindeutig: Wer zu viel zu wissen glaubt, verliert beim Investieren. Besser gesagt: Es verlieren diejenigen mit dem größten Ego. Diejenigen, die glauben, den Markt durch häufiges Handeln kontrollieren zu können. Und vor der unangenehmen Wahrheit die Augen verschließen, wenn es mal gegen sie läuft.
Diese Selbstüberschätzung verleitet Anleger dazu, impulsiv zu handeln – aus dem Glauben heraus, jederzeit die Kontrolle zu haben. Viele sind überzeugt davon, dass ihre Entscheidungen besser sind als die des Durchschnitts. Dabei überschätzen sie ihre Fähigkeit, Informationen richtig zu deuten, Zeitpunkte zu erkennen oder Märkte zu lesen. Diese Fehleinschätzung verstärkt dann wiederum den Drang zu handeln – aus Überzeugung, nicht aus Not.
Die Psychologie zeigt jedoch: Wer sich für besonders schlau hält, handelt überdurchschnittlich oft, erzielt aber nur unterdurchschnittliche Renditen. Warum das so ist und wie Sie diesen Fehler vermeiden können, erfahren Sie hier.
Selbstüberschätzung: Die Psychologie hinter dem Übermut
Dieses paradoxe Verhalten ist längst kein Einzelfall – und auch kein neue Beobachtung. In der Psychologie beschäftigt man sich schon lang mit emotionalem Fehlverhalten an der Börse. Die beiden Wissenschaftler Kent Daniel and David Hirshleifer haben in einer Studie untersucht, wie Selbstüberschätzung das Finanzverhalten von privaten Anlegern beeinflusst.
Laut einer ihrer Studien lässt sich Selbstüberschätzung wie folgt erklären: Es ist das Phänomen, dass Investoren ihre Einschätzungen bezüglich der Märkte überschätzen. Genau genommen wird dieser Begriff in der Verhaltensforschung in zwei Kategorien unterteilt, nämlich Overplacement und Overprecision.
Während Overplacement den Anleger beschreibt, der sich im Vergleich zu anderen für überdurchschnittlich kompetent hält (Sätze wie „Ich schlage den Markt“ hört man immer wieder), bezeichnet Overprecision eine übertriebene Sicherheit in der eigenen Einschätzung („Ich weiß, was kommen wird“). Beides sind Grundgedanken, die dem eigenen Portfolio nachhaltig schaden können. Und doch sind beides Charakterzüge, die immer wieder bei vielen Investoren auftreten.
Wie wir uns an der Börse selbst anlügen
Verstärkt wird die Selbstüberschätzung durch einen weiteren psychologischen Effekt, nämlich vom Self-Attribution Bias. Beim Self-Attribution Bias passiert etwas sehr Spannendes beim Menschen: Er fängt an, Gewinne im Finanzmarkt dem eigenen Können zuzuschreiben („Meine Strategie war wirklich klug“), während er Verluste dem Pech verschuldet („Der Markt war einfach unvorhersehbar“).
Das wiederum führt dazu, dass das eigene Verhalten nicht mehr hinterfragt wird. Außerdem glaubt der Anleger, er habe die Kontrolle über die Märkte. Verluste werden weiterhin als Unglück abgestempelt; dadurch allerdings ändert sich nichts am Selbstbewusstsein oder der Selbsteinschätzung (und auch nicht an der fehlerhaften Strategie). Selbst dann nicht, wenn objektive Fakten gegen diese Selbsteinschätzung sprechen. Warum solch eine Einstellung in der Börse eher kritisch als vorteilhaft ist, sollte klar sein: Jeder Ausgang wird dazu genutzt, um das eigene Können zu bestätigen. An der Börse ist das langfristig gefährlich.
Die Forschung sagt: Wer mehr handelt, verliert mehr
Dass dieses Verhalten keine Ausnahme ist, sondern ein weit verbreitetes Muster darstellt, zeigt auch die wissenschaftliche Forschung. Die Autoren Kent Daniel and David Hirshleifer fanden in ihrer Untersuchung vieler wissenschaftlicher Studien einen wichtigen Zusammenhang zwischen Selbstüberschätzung und der Rendite. Sie betonen, dass Anleger tendenziell mehr verlieren, je aktiver sie handeln.
Besonders für Investoren, die unter akutem Aktionismus leiden und wie hypnotisiert an den Charts kleben, dürfte diese Erkenntnis überraschend kommen. Mehr ist also nicht immer besser – vor allem nicht, wenn es um Zeit geht, die man an den Charts verbringt (besonders, wenn es nur dabei geht, den Kurs zu beobachten).
In einer weiteren Studie von Barber und Odean wurden Handelsdaten von mehr als 66 000 Kunden einer großen US-Broker-Plattform in der Zeit zwischen 1991 bis 1996 untersucht. Was die Studie herausfand, ist verblüffend: Diejenigen, die am meisten handelten, erhielten nur eine jährliche Rendite von 11.4 Prozent. Gleichzeitig brachte der breite Aktienindex durchschnittliche Rendite in Höhe von 17.9 Prozent. Es wäre also für die allermeisten Menschen klüger gewesen, einfach die Füße stillzuhalten, oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Häufiges Handeln (und vor allem regelmäßige Verkäufe und Neueinstiege) führen oft zu höheren Kosten sowie schlechteren Renditen.
Passive Anleger wiederum, die nicht bei jeder kleinsten Kursentwicklung in einen Gefühlschaos gerieten, schnitten im Durchschnitt besser ab als diejenigen, die ununterbrochen Aktien kauften und verkauften. Die Studie zeigt also, dass aktives Trading Geld kostet und das ohne zusätzlichen Nutzen. Auch hierbei sei der Grund für die Handelsaktivität und dementsprechend auch für die unterdurchschnittliche Performance die Selbstüberschätzung der Anleger. Da überlegt man sich gleich zwei Mal, ob man seine Aktien nicht lieber vorläufig in Ruhe lassen sollte.
Menschen sind Märkte, Märkte sind Menschen
Es ist wichtig zu erwähnen, dass Märkte lediglich das Verhalten der Menschen widerspiegeln. Überreagieren Anleger im positiven Sinne, steigen die Kurse. Viele sind sich nämlich überdurchschnittlich sicher, den neuesten Trend frühzeitig gefunden zu haben. Aktien werden dadurch überbewertet, weil Erwartungen unrealistisch hochgeschraubt wurden. Doch sobald sich zeigt, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden können, folgt die Korrektur – eine Art Rückkehr zur Realität. Betrachtet man den Fear & Greed Index, so erkennt man, wie kollektive Emotionen den Markt beeinflussen.
Die Selbstüberschätzung ist dabei die intellektualisierte Form von Gier: Man will nicht nur mehr vom Kuchen haben, sondern glaubt zudem, man habe den leckersten Kuchen auf dem Tisch – und könnte ihn gar nicht mehr verlieren. Besonders in volatilen Märkten ist diese Fehleinschätzung häufig fatal, weil sich Gewinne ebenso schnell in Luft auflösen können, wie sie (auf dem Papier) kommen.
Die gute Nachricht ist, dass die Selbstüberschätzung mit dem Alter und zunehmender Erfahrung an der Börse abnimmt. Vollständig verschwindet sie allerdings nie. Das ist dann wohl der menschlichen Psyche zuzuschreiben. Vermutlich liegt es aber eher an der unrealistischen Selbsteinschätzung, die man sich als Anfänger angeeignet hat, die sich wiederum über die Zeit manifestiert, so die Autoren Bernile, Bonaparte und Delikouras.
FAZIT: Investieren Sie, aber tun Sie dies mit klarem Verstand
Niemand verlangt, dass Sie mit dem Investieren aufhören. Ein solcher Ratschlag wäre ohnehin wenig hilfreich in unserem Kontext. Es ist jedoch ratsam, sich mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen. Ist man sich seinen Gefühlszuständen bewusst, so kann man langfristig besser investieren.
Eine passive Anlagestrategie schlägt häufig die meisten aktiven Privatanleger, die sich entweder zu viel zutrauen oder zu ängstlich handeln. Wer Selbstüberschätzung erkennt, kann dementsprechend rationaler handeln. Es ist also keine Schwäche, sich selbst zu hinterfragen, sondern eine Chance, erfolgreicher im Markt zu sein. Lernen Sie sich selbst besser kennen. Handeln Sie für und nicht gegen sich.
Im nächsten Artikel von Veni, Vidi, Mindset – Marktpsychologie mit Esma schauen wir uns an, wie soziale Medien unsere Finanzentscheidungen beeinflussen – und warum das sogar Banken in den Ruin treiben kann. Also bleiben Sie gespannt!



