Quantencomputer: Über sechs Millionen Bitcoin gelten als angreifbar
#Kryptowährungen

Quantencomputer: Über sechs Millionen Bitcoin gelten als angreifbar

Author

Nikolai Heger

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut Quantum Alliance liegen 6.04 Millionen Bitcoin auf Adressen, die ein künftiger Quantenrechner knacken könnte.

  • Ein Ethereum-Forscher warnt, dass KI die Verschlüsselung womöglich schon deutlich früher bricht.

  • Wie gefährdete Coins wie Satoshis Bestände geschützt werden sollen, ist in der Branche umstritten.

Die Sorge vor leistungsfähigen Quantencomputern hat die Krypto-Branche erreicht. Am Donnerstag gründeten neun Blockchain-Organisationen die Quantum Alliance. Sie will offene Standards festlegen, an denen sich quantensichere Netzwerke, Wallets und Verwahrer messen lassen. Zwei Tage zuvor hatte Coinbase die Bitcoin-Entwickler aufgefordert, mit der Umstellung sofort zu beginnen. Hinter der Eile steht eine einfache Rechnung: Ohne Upgrade wäre ein großer Teil aller Bitcoin künftig nicht mehr sicher. Gleichzeitig warnt ein bekannter Ethereum-Forscher vor einer womöglich viel näheren Bedrohung und drängt zum „Bunker-Modus“.

Rund 6.04 Millionen Bitcoin liegen mit offenem Schlüssel auf der Blockchain

Bitcoin-Transaktionen werden mit digitalen Signaturen auf Basis elliptischer Kurven freigegeben. Sobald eine Adresse Geld ausgibt, steht ihr öffentlicher Schlüssel dauerhaft auf der Blockchain. Ein ausreichend starker Quantenrechner könnte daraus mit dem Shor-Algorithmus den privaten Schlüssel berechnen. Laut Quantum Alliance betrifft das 6.04 Millionen Bitcoin, also 30.2 Prozent des Angebots. Beim aktuellen Kurs entspricht das knapp 500 Milliarden US-Dollar.

Darunter sind rund 1.1 Millionen Bitcoin, die dem anonymen Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto zugeschrieben werden. Heute kann allerdings kein Quantencomputer diese Schlüssel brechen. Für Privatanleger ist ein Detail wichtig: Bei vielen gängigen Adresstypen ist bis zur ersten Ausgabe nur ein Hashwert des Schlüssels sichtbar. Wer Adressen nicht mehrfach verwendet, legt seinen Schlüssel deshalb seltener offen.

Angreifbares Angebot: 6.04 Millionen Bitcoin

Angreifbares Angebot: 6.04 Millionen Bitcoin haben einen sichtbaren öffentlichen Schlüssel, darunter rund 1.1 Millionen von Satoshi Nakamoto

Die Prognosen für den Q-Day rücken näher, ein genaues Datum fehlt

Wann ein solcher Rechner existiert, ist umstritten. Im März berechnete Google Quantum AI, dass weniger als 500 000 physische Qubits genügen könnten. Das ist rund ein Zwanzigstel früherer Schätzungen. Der Hersteller IonQ kam im September auf etwa 20 000 Qubits für ein spezialisiertes System. Ein Angriff würde damit allerdings rund 26 Tage pro Versuch dauern.

Richard Carback von Postquant Labs hält 2028 für realistisch. Informatiker Scott Aaronson gab im April Schätzungen von Hardware-Fachleuten um 2029 wieder. Die US-Regierung will ihre Systeme bis 2035 umgestellt haben. Bryn Bennett vom Verwahrer The Vault sieht die Debatte pragmatisch. Für Verwahrer zähle vor allem, ob sie rechtzeitig umstellen können, falls der Durchbruch früher kommt.

Zeitachse: Google und IonQ senkten 2026 die technischen Hürden

Zeitachse: Google und IonQ senkten 2026 die technischen Hürden, Prognosen nennen 2028 oder 2029. Die Quantum Alliance will nun Standards setzen

Q-Day oder KI: Was knackt die Bitcoin-Verschlüsselung zuerst?

Ethereum-Forscher Justin Drake bringt einen zweiten Angreifer ins Spiel. Künstliche Intelligenz könnte seiner Ansicht nach Muster in der Kurvenmathematik finden, die den Weg vom öffentlichen zum privaten Schlüssel abkürzen. Dafür bräuchte es keinen Quantenrechner, gewöhnliche Hardware würde genügen. Im schlimmsten Fall sei das eine Frage von „Monaten, nicht Jahren“. Die Ethereum Foundation plant die Umstellung auf quantenresistente Verfahren dagegen erst bis Dezember 2029.

Drake rät deshalb, in Ruhe den „Bunker-Modus“ vorzubereiten. Vor allem große Halter sollen ihre Coins auf Adressen verschieben, deren öffentlicher Schlüssel noch nie auf der Blockchain stand. Einen praktischen KI-Angriff auf Wallet-Schlüssel gibt es bislang nicht. Dass KI Lücken in Krypto-Software findet, ist aber belegt: Bei einem Diebstahl von mindestens 1367 Bitcoin aus Coldcard-Wallets vermutet der Hersteller KI-Hilfe. Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin hält das Risiko für real, warnt aber vor überhasteten Umzügen.

Einfrieren oder migrieren: Satoshis Coins spalten die Bitcoin-Gemeinde

Am heikelsten ist die Frage, was mit Coins passiert, deren Besitzer nicht mehr umziehen können. Binance-Gründer Changpeng Zhao brachte ins Spiel, Satoshis Bestände einzufrieren, falls sie unbewegt bleiben. Entwickler Jameson Lopp schlug Beschränkungen für gefährdete Coins vor. Carback bevorzugt eine Treuhandlösung, aus der Eigentümer mit Nachweis ihr Geld zurückholen könnten. Kritiker sehen in jedem Eingriff einen Bruch mit dem Versprechen, dass niemand Bitcoin konfiszieren kann. Bennett fasst das Dilemma so zusammen: „Niemand besitzt dieses Problem, und genau das ist das Problem.“

Coinbase verwahrt rund fünf Prozent aller Bitcoin und schlägt einen schrittweisen Übergang vor. Coins sollen zeitweise mit klassischem oder quantensicherem Schlüssel ausgegeben werden können. Jede Umstellung braucht allerdings die Zustimmung von Entwicklern, Minern, Börsen und Nutzern. Für den Kurs ist das Thema längst relevant. Investor Kevin O'Leary knüpfte im September ein Kursziel von einer Million US-Dollar an die Klärung der Quantenfrage. Jefferies-Stratege Christopher Wood hatte wegen Quantensorgen eine Bitcoin-Position von zehn Prozent aus seinem Musterdepot gestrichen.

Author

Nikolai Heger

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.