Als die Wirtschaftskrise 2008 die Welt erschütterte, legte China ein Konjunkturpaket auf, das global seinesgleichen suchte: Rund $700 Milliarden pumpte die Staatsführung in die Infrastruktur und stimulierte durch Konjunkturimpulse die bröckelnde Weltwirtschaft. Seitdem wurden Städte aus dem Boden gestampft für die ehemalige Landbevölkerung, die in neue urbane Wohnanlagen zog. Das in halsbrecherischem Tempo gesteigerte Angebot entpuppte sich aber als zu groß, im letzten Jahr stürzten die Preise für Wohnraum in Metropolen wie Shanghai oder Hangzhou ein und rissen große Unternehmen wie das Immobilien-Imperium Evergrande in den Abgrund. Nun ist auch der Finanzkonzern Zhongzhi offiziell pleite, ein riesiges Konstrukt wichtiger Player im chinesischen Schattenbanksektor und mit beträchtlichen Investments im Immobilienmarkt eines der Sinnbilder des rasanten Aufstiegs. Milliarden an Kundengeldern sind futsch, der Bankrott könnte Kreise ziehen, warnen Experten. Die chinesischen Behörden beobachten die Situation mit Argusaugen.
Die größte Pleite seit Jahrzehnten
Schon vor drei Jahren warnten Analysten vor den Risiken des instabilen chinesischen Immobiliensektors. 2021 war Evergrande, der damals zweitgrößte Immobilienkonzern Chinas, zahlungsunfähig, staatliche Zuschüsse zögerten die faktische Insolvenz noch einige Monate heraus. Erst kürzlich erhielt der strauchelnde Riese von einem Hongkonger Gericht eine Gnadenfrist, um nicht liquidiert zu werden. Im Herbst vergangenen Jahres klappte der Vermögensverwalter Zhongrong Securities zusammen, der Milliarden an Kundengeldern in sinistren Anlageprodukten verwaltete, im letzten September fällige Zahlungen an börsengelistete Unternehmen aber nicht mehr tätigen konnte. Zhongrong war eine der ominösen chinesischen Schattenbanken, also ein Finanzunternehmen, das im Auftrag von Investoren Kapital anlegt, allerdings ohne Banklizenz.
Wie viele seiner Mitbewerber versprach auch Zhongrong auffällig hohe Zinsen von sechs bis sieben Prozent, was von Branchekennern kritisiert wurde. Außerdem unterhielt die Treuhandfondsfirma beträchtliche Investitionen im kriselnden chinesischen Immobilienmarkt – genauso wie ihre Muttergesellschaft Zhongzhi, die nun Insolvenz anmeldete und damit zur größten Pleite der letzten Jahrzehnte in der Volksrepublik avancierte. Zu seinen Hochzeiten verwaltete das Unternehmen mehr als $140 Milliarden, mittlerweile belaufen sich die Schulden auf rund $60 Milliarden – bei einem verbleibenden Vermögen, das mit nicht einmal halb so groß ist. Dazu beigetragen haben auch die Beinahe-Insolvenzen der Immobilien-Giganten Evergrande und Country Garden, das im Herbst $6 Milliarden Verlust schrieb und auf Auslandsschulden von $17 Milliarden sitzt.
Vom Holzhändler zum Schneeballsystem
Schon im November schrieb Zhongzhi an seine Anleger, man entschuldige sich „zutiefst für die Verluste, die den Anlegern entstanden sind.“ Als Gründe für den Bankrott führte die Schattenbank Missmanagement nach dem überraschenden Tod ihres Gründers auf, der Ende 2021 an einem Herzinfarkt gestorben war. Was Missmanagement in diesem Fall bedeutet, demonstrierte Zhongrong-Manager Wang Qiang im Spätsommer letzten Jahres: Vor Dutzenden Investoren, die nach den Zahlungsausfällen in der Zentrale eine Erklärung verlangten, gestand Qiang, dass Einlagen in Treuhandfonds des Unternehmens für die Auszahlungen an Kunden verwendet wurden, ganz im Sinne eines Schneeballsystems. Im besten Fall solle etwa ein Viertel der Investorengelder zurückerstattet werden, rechnete eine Shanghaier Anwaltskanzlei medienwirksam vor.
Zwar handelt es sich beim Großteil der Gläubiger von Zhongzhi um wohlhabende Privatpersonen und keine Finanzinstitute, was die Auswirkungen auf das Finanzsystem zumindest eindämmt – der Kollaps offenbart allerdings, dass der rund $3 Billionen schwere Treuhandsektor auf wackligen Beinen stehen könnte. Das hat aufgrund vielfältiger Verstrickungen wie im Fall von Zhongzhi Auswirkungen auf die Stimmung am Immobilienmarkt: Im Oktober des vergangenen Jahres fielen die Preise so stark wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Der Wert der verkauften neuen Häuser sank in diesem Monat um knapp 28 Prozent, im November dann gar um knapp 30 Prozent. Das ließ auch die Bilanzen der fünf Fondsgesellschaften und vier Vermögensverwalter, die neben Zhongrong zum Zhongzhi-Konglomerat gehörten, ins eklatante Minus rutschen. Schon im Juli begannen Prüfer, das morsche Skelett der Schattenbank, die in den 1990ern als Holz- und Grundstückshändler begonnen hatte, auf links zu drehen, um liquide Mittel für die Gläubiger zu finden. Nun steht die Insolvenz fest.
Peking greift hart durch – und zeigt sich spendabel
Um weitere Insolvenzen oder gar einen Domino-Effekt zu verhindern, will die Regierung den chinesischen Immobilienentwicklern nun unter die Arme greifen, in der Branche klafft eine Finanzierungslücke von knapp $450 Milliarden. Mitte Dezember teilte die sogenannte Zentrale Wirtschaftsarbeitskonferenz mit, „Risiken im Immobiliensektor zu entschärfen“ sowie „den angemessenen Finanzierungsbedarf von Immobilienunternehmen zu decken“. Schließlich macht der Immobilienmarkt in China einen Anteil von 30 Prozent am Bruttoinlandsprodukt des Landes aus, in Deutschland sind es gerade mal zehn. Folglich spielt der Sektor für den Konsum im Land eine wichtige Rolle: Explodierende Immobilienpreise der vergangenen Jahrzehnte sorgten für zunehmenden Wohlstand und damit gesteigerte Kauffreude.
Präsident Xi Jinping erklärte, das Land befinde sich in einer „entscheidenden Phase“ und müsse „Anstrengungen“ unternehmen, um die Inlandsnachfrage zu steigern und ein fruchtbares Klima für Konsum und Investitionen zu schaffen. Die staatliche Führungsriege schob hinterher: „China muss noch einige Schwierigkeiten und Herausforderungen überwinden, um die Wirtschaft weiter anzukurbeln“ und betonte mit Blick auf die Verwerfungen rund um die Corona-Pandemie, den kriselnden Immobiliensektor und den angeschlagenen Treuhandsektor, dass sich „Chinas Wirtschaft erholt“ habe. Einen stärkeren Fokus auf den Binnenkonsum hatte der Internationale Währungsfonds schon vergangenen Herbst gefordert. IWF-Chefin Kristalina Georgiewa warnte: „Der traditionelle Weg des immer mehr Hineinpumpens von Geld wird in der derzeitigen Situation nicht produktiv sein.“
Trotz Zhongzhis Schatten: boomt der chinesische Markt weiter?
Was China aus der aktuellen Situation macht, bleibt abzuwarten. Die Staatsführung werde jedenfalls nicht untätig zusehen, sollte die Pleite von Zhongzhi Kreise ziehen, versicherte ein hochrangiger Analyst von Gavekal, einem Hong Konger Finanzdienstleister: „Die Finanzaufsichtsbehörden werden mit ziemlicher Sicherheit aggressiv eingreifen, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass sich die Probleme von Zhongzhi ausweiten.“ Dass etwaige finanzielle Probleme aus China auf andere Länder überschwappen, ist dabei unwahrscheinlich. Nach der Asienkrise 1997 entschied Peking, den Bankensektor nicht zu internationalisieren, weshalb das chinesische Finanzsystem weitgehend isoliert ist. Das kann bei globalen Rezessionssorgen natürlich auch ein Vorteil sein, im Sommer kürzte die chinesische Zentralbank die Leitzinsen auf 2.5 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2020, Ende des Jahres lag er mit 3.45 Prozent immer noch deutlich unter dem Niveau der nordamerikanischen Zentralbank (5.25 – 5.50 Prozent) und der EZB (4.5 Prozent).
Angesichts unserer langfristigen Analyse, die im aktuellen (am Sonntag an alle unsere Kunden verschickten) Sonderbericht für den chinesischen Markt im Detail erklärt wird, sind Xi Jinpings Ankündigungen eines fortgesetzten starken Wachstums der chinesischen Wirtschaft alles andere als aus der Luft gegriffen: Der Hang Seng-Index befindet sich demnach längerfristig in einer übergeordneten Impulsbewegung, im Shanghai Stock Exchange Composite-Index sollte eine solche alsbald einsetzen. In beiden Fällen sind auf Mehrjahresebene deutliche Kurszuwächse und sogar neue Allzeithöchststände zu erwarten. Natürlich bieten sich aber auch auf dem Weg dorthin immer wieder lukrative Einstiegsmöglichkeiten – sowohl im Hang Seng-Index selbst als auch in den Aktien der wichtigsten chinesischen Unternehmen, die wir in unsere China-Titans-Paket auf wöchentlicher Basis analysieren.




