Die Internationale Energieagentur (kurz: IEA) hat ihre Prognose für das Wachstum der Ölnachfrage bis Ende 2024 zum vierten Mal seit November letzten Jahres angehoben. Grund dafür sind unter anderem die Angriffe der Huthi-Rebellen im Roten Meer. Diese führen zu Störungen auf den Schifffahrtsrouten, da sich der Handel auf die längere Route um das Kap der Guten Hoffnung verlagert hat. Dennoch bleibt die Prognose der IEA weit weniger optimistisch als die der Produzentengruppe OPEC (engl.: Organization of Petroleum Exporting Countries; dt.: Organisation erdölexportierender Länder). So sind sich die beiden weltweit angesehensten Ölprognostiker, die bei zentralen Fragen in den letzten Jahren bereits häufig nicht auf einen gemeinsamen Nenner kamen, in ihrer Einschätzung hinsichtlich des Wachstums der Ölnachfrage heute so uneinig wie selten zuvor...
Differenz von knapp einer Million Barrel
Die IEA hat am Donnerstag in ihrem jüngsten Bericht prognostiziert, dass die weltweite Ölnachfrage bis 2024 um 1.3 Millionen Barrel pro Tag steigen wird, was einer Anpassung nach oben um 110 000 Barrel pro Tag im Vergleich zur im letzten Monat geäußerten Erwartung entspricht. Sie rechnet mit einem leichten Angebotsdefizit in diesem Jahr, nachdem die OPEC+-Mitglieder ihre freiwilligen Produktionskürzungen verlängert haben. "Ein recht optimistischer Bericht mit Aufwärtskorrekturen beim Nachfragewachstum und niedrigeren Schätzungen beim Angebotswachstum", kommentierte UBS-Analyst Giovanni Staunovo. Ursprünglich war die Agentur im Juni 2023 von einem Nachfragewachstum von 860 000 Barrel pro Tag im Jahr 2024 ausgegangen. Grund für den jüngsten Anstieg sind auch die Störungen der Schifffahrt im Roten Meer, die den Gütertransport auf die längere Route um das Kap der Guten Hoffnung verlagert haben. Zudem erreichte das Beladen von Schiffen mit Treibstoff, das so genannte Bunkern, in Singapur zuletzt ein Allzeithoch.
Die Erwartungen der IEA bleiben jedoch deutlich hinter denen der OPEC zurück. Die OPEC gab am Dienstag bekannt, dass sie ihre Nachfrageprognose bei 2.25 Millionen Barrel pro Tag belässt. Somit ergibt sich hier eine Differenz zwischen den Einschätzungen der beiden Organisationen von fast einer Million Barrel. Damit sind sich die OPEC und die IEA so uneins wie schon lange nicht mehr. Laut einer Analyse der Nachrichtenagentur Reuters, die diese Woche veröffentlicht wurde, hat es seit der Finanzkrise 2008 keine größere Differenz gegeben. Als es von Reuters um einen Kommentar gebeten wurde, verwies das OPEC-Sekretariat in Wien lediglich auf das Vorgehen im Jahr 2023: "Wir sind mit unserer Ölnachfrageprognose für 2023 sehr konstant geblieben. Viele andere Prognostiker haben niedrig angefangen und dann ihre Prognosen für 2023 kontinuierlich nach oben korrigiert".
Wann erreicht die weltweite Ölnachfrage ihren Peak?
Zwischen IEA und OPEC gibt es aber nicht nur bezüglich der zu erwartenden Nachfrage Meinungsverschiedenheiten. Ein zentrales Streitthema ist auch die Adaption umweltfreundlicher Energieträger. Die IEA geht davon aus, dass die Ölnachfrage bis 2030 ihren Höhepunkt erreichen wird, da die Welt zunehmend auf sauberere Kraftstoffe umsteigt. Die OPEC hingegen rechnet mit einem Peak nicht vor 2045 und begründet dies mit dem erwarteten Wachstum außerhalb der OECD-Industrieländer und der Abkehr einiger Staaten von Netto-Null-Strategien beim Klimaschutz. Einige OPEC-Mitglieder werfen der IEA übrigens vor, keine unabhängige Behörde (mehr) zu sein. „Die IEA hat sich von einem Prognostiker und Marktbeobachter zu einem politischen Fürsprecher entwickelt", sagte der saudische Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman im vergangenen September.
Apropos entwickeln – die beiden von uns analysierten Referenzölwerte, das britische Brent und das nordamerikanische WTI, sollten sich mittelfristig im Zuge korrektiver B-Wellen noch ein gutes Stück nach oben entwickeln, im weiteren Verlauf erwarten wir dann aber primär eine deutliche Abwärtsbewegung, im Rahmen welcher die aktuellen Preise abermals unterschritten werden dürften. Zudem verfolgen wir weiterhin eine alternative Wellenzählung, in welcher es zu nochmals umfangreicheren Abstiegen kommen könnte.


