Nord Stream-Angriffe: Ein Muster
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Nord Stream-Angriffe: Ein Muster

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Emre Şentürk

Seymour Myron Hersh ist ein investigativer Journalist aus den USA. Er wurde 1970 für seine Arbeit mit dem Pulitzer-Preis für Auslandsberichterstattung ausgezeichnet, als er das My Lai Massaker in Vietnam aufdeckte. Rund 500 unbewaffnete Zivilisten wurden damals von den nordamerikanischen Truppen ermordet. In 2003 deckte Hersh auch auf, dass abermals nordamerikanische Soldaten Gefängnisinsassen folterten – diesmal war der Handlungsort der Irak. Nun präsentiert Hersh Beweise aus internen Quellen, die belegen sollen, dass die Beschädigungen an den Nord Stream-Pipelines von den USA durch gezielte Explosionen hervorgerufen wurden.

Laut Hershs Quellen haben im Juni letzten Jahres Elite-Taucher der nordamerikanischen Marine in der Ostsee C4-Sprengsätze an die Pipelines angebracht und diese auf Befehl des Präsidenten der USA dann drei Monate später detonieren lassen. Als Tarnung diente wohl die jährliche NATO-Marineübung BALTOPS22, die letztes Jahr in Kiel stattfand. Somit konnten die Taucher die Sprengsätze platzieren, ohne dass dies großartig auffiel. Ziel der Aktion war es, die Energiedominanz der Russen in Europa zu schwächen, da die Nord Stream-Pipelines ein zentraler Aspekt der europäischen Energieversorgung sind. Im Rahmen des Ukraine-Konflikts hatte man somit auch noch eine Situation, in der die Weltöffentlichkeit tendenziell die Schuld bei Russland sehen würde. Zeitlich bot sich das, so Hersh, perfekt an, da Nord Stream 2 erst im September 2021 fertiggestellt, jedoch noch nicht in Betrieb genommen wurde. Diese zweite Pipeline hätte die Gaszufuhr nach Deutschland verdoppelt und die Preise nach unten gedrückt.

Nun lässt sich über die Qualität von Hershs Quellen streiten. Solange er keine Namen nennt oder Dokumente vorzeigt, ist es natürlich unfair den Nordamerikanern gegenüber, sie final der Sabotage zu beschuldigen. Immerhin stößt das Leck gefährliches Methan aus, dessen Klimaeffekt 30-mal gravierender ist als Kohlenstoffdioxid. Jedoch spricht die Qualität des Journalismus von Hersh für sich, wie man oben lesen kann. Auch wäre es nicht das erste Mal, dass die USA just bei Komplettierung von Infrastrukturprojekten irgendwelche Unfälle entstehen lässt. Beispielsweise trafen sich der russische und der türkische Präsident während des G20-Gipfels in Antalya länger hinter geschlossenen Türen und besprachen die TurkStream Pipeline sowie das Akkuyu Atomkraftwerk. Eine Woche später wurden zwei russische Kampfjets seitens der Türkei abgeschossen, wobei die involvierten Piloten offenbar Teil einer in den USA untergekommenen Untergrundorganisation waren. Dadurch gab es einen Knick in den Beziehungen der beiden Länder. Ein Jahr danach, als sich die Wogen langsam glätteten und die beiden Energiethemen abermals auf den Tisch gelegt wurden, wurde der russische Botschafter in Ankara bei einer Kunstausstellung ermordet – wohl ebenfalls von einem Mitglied der Untergrundbewegung in den USA.

Natürlich gibt es für keines dieser Ereignisse tragbare und öffentliche Beweise und das muss hier auch nochmal deutlich unterstrichen werden. Jedoch handelt es sich auch nicht um einen Ladendiebstahl, sondern um internationale Energiepolitik. Dass die infrastrukturelle Macht über Energiegüter einen entscheidenden Vorteil darstellt, sollte klar sein. Man kann es mit einer Leitwährung vergleichen: Wer diesen zentralen Aspekt kontrolliert, liegt 1:0 vorne. Gerade im letzten Jahr wurde die Vormachtstellung Russlands in diesem Gebiet ja mehr als deutlich, da der Wegfall der günstigen Energieträger zu belastenden Preisbewegungen führte. Spätestens 2022 haben wir alle gemerkt, wie tiefgreifend diese Versorgung eigentlich war und Russland gestärkt hat. Als politischer Gegner der USA ist es also nicht verwunderlich, dass man dort ansetzt, wo es am meisten wehtut. Im Umkehrschluss hat ja auch Russland Gegenmaßnahmen gegen den Dollar vorgenommen, der ja der Trumpf der USA ist.

Hershs Argumentation macht absolut Sinn und es gibt auf jeden Fall tragbare Motive für die Sabotage der Pipelines seitens der Nordamerikaner. Allerdings ist die Beweislage noch recht dünn und auf Schlussfolgerungen solche Beschuldigungen aufzubauen ist nicht nur unfair, sondern auch nicht wissenschaftlich. Jedoch unterstützen uns diese Hypothesen und logischen Verknüpfungen bei der Suche nach der Wahrheit. Denn wenn man nicht weiß, wonach mach gucken muss, findet man es auch nicht. Wer nun hinter dieser Sabotage steckt, ist letztendlich für den Durchschnittsbürger egal, denn dieser zahlt die Quittung. Erstens bedeutet es, dass wir höhere Heizkosten haben. Zweitens müssen wir weiterhin unsere Co2-Bilanz verbessern, während die Pipeline-Löcher dem Klima Jahrhundertschäden zufügen. Und drittens werden über solche Aktionen Feindbilder auf beiden Seiten geschürt und dem Bürger die Objektivität genommen.

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Emre Şentürk

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