Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2024 wurde an drei Forscher aus den Vereinigten Staaten verliehen: Daron Acemoglu, Simon Johnson und James A. Robinson. Diese Wissenschaftler zeigen in ihren Arbeiten, dass nicht (nur) Geografie, Kultur oder natürliche Ressourcen der Schlüssel zu Wohlstand sind, sondern vor allem die Qualität der Institutionen, die die wirtschaftliche und politische Landschaft eines Landes prägen.
Warum Staaten scheitern: die Nobelpreisträger 2024
Daron Acemoglu, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat zahlreiche Studien veröffentlicht, die die Rolle von Institutionen in der Wirtschaft untersuchen. In seinem bekanntesten Werk Why Nations Fail erklärt er, dass inklusive Institutionen der Schlüssel zu langfristigem wirtschaftlichem Wachstum sind. Unter inklusiven Institutionen versteht man Systeme, die weite Teile der Bevölkerung in politische und wirtschaftliche Entscheidungen einbeziehen – etwa freie, demokratische Wahlen, offene Märkte oder allgemein zugängliche Bildungssysteme. Solche Institutionen schaffen gerechtere ökonomische und soziale Chancen, verteilen Wohlstand breiter und fördern so nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum.
Simon Johnson, ebenfalls am MIT tätig, hat sich intensiv mit der Entwicklung und dem Einfluss wirtschaftlicher Institutionen befasst. In seinen Forschungen untersucht er, wie eng politische und wirtschaftliche Strukturen miteinander verwoben sind und wie sie das Wachstum von Nationen beeinflussen. Der dritte Preisträger, James A. Robinson, ist Professor an der Harvard University und beschäftigt sich mit der historischen Entstehung staatlicher Institutionen.
Institutionen: der unsichtbare Motor der Wirtschaft
Stellen Sie sich vor, Sie und ein Freund eröffnen ein Geschäft, aber die Regeln in Ihrer Stadt sind so unsicher, dass Sie jederzeit enteignet werden könnten oder Bestechungsgelder zahlen müssten, um Genehmigungen zu erhalten. Würden Sie in einem solchen Umfeld investieren? Wahrscheinlich nicht. Genau darum geht es in der Arbeit von Acemoglu und seinen Kollegen: Institutionen bestimmen, ob wirtschaftliche Akteure bereit sind, zu investieren. Staaten, die ein stabiles politisches und wirtschaftliches Umfeld bieten, haben die Chance, zu wachsen. Instabilität und undemokratische Praktiken hingegen führen zu Niedergang.
Warum ist Nordkorea arm und Südkorea reich?
Acemoglu, Johnson und Robinson vergleichen in ihrer Forschung verschiedene Länder, die kulturell und geografisch ähnlich sind, aber unterschiedliche politische Systeme haben. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der Unterschied zwischen Nord- und Südkorea. Trotz nahezu identischer geografischer Bedingungen könnten die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern nicht größer sein. Nordkorea, das von extraktiven Institutionen geprägt ist, schafft ein Klima der Unterdrückung und wirtschaftlichen Stagnation.
Extraktive Institutionen werden von einer kleinen Elite kontrolliert und schließen den Großteil der Bevölkerung von politischer Macht und wirtschaftlichen Chancen aus. Korruption und Ausbeutung zielen darauf ab, Ressourcen und Wohlstand zugunsten weniger Menschen zu sichern, was langfristig Innovation behindert und die Entwicklung eines Landes bremst. Im Gegensatz dazu hat Südkorea inklusive Institutionen aufgebaut, die Innovation und wirtschaftliche Teilhabe fördern.
Wie bereits erklärt, bieten inklusive Institutionen vielen Menschen Zugang zu politischer Macht und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Sie fördern Beteiligung, Innovation und fairen Wettbewerb und tragen so dazu bei, dass langfristig Wohlstand für eine breite Bevölkerung entsteht. Das Ergebnis: Südkorea gehört heute zu den führenden Volkswirtschaften der Welt, während Nordkorea in bitterer Armut verharrt.
Korruption? Nicht nur ein moralisches Problem
Man könnte sagen: Das ist doch nichts Neues – Korruption schadet der Wirtschaft, das wissen wir längst. Doch Acemoglu, Johnson und Robinson gehen einen Schritt weiter. Ihre Forschung zeigt, dass extraktive Strukturen – also Ausbeutung, Korruption und die Benachteiligung breiter Bevölkerungsschichten – historisch tief verwurzelt sind und schwer zu überwinden. Diese Strukturen reichen bis in die Kolonialzeit zurück, als Länder wie Spanien in Lateinamerika autoritäre und ausbeuterische Institutionen etablierten, um den Reichtum der Kolonien für sich zu nutzen.
Diese historischen Ereignisse haben bis heute tiefgreifende Folgen. Länder wie Mexiko und Peru kämpfen noch immer mit den Nachwirkungen dieser Systeme. Im Gegensatz dazu basieren Länder wie die USA und Kanada auf der Idee, dass jeder Bürger Zugang zu Ressourcen und wirtschaftlicher Teilhabe haben sollte – was zu starkem wirtschaftlichem Wachstum geführt hat.
Der feste Griff der Geschichte
Ein überraschendes Ergebnis aus der Arbeit von Acemoglu und seinen Kollegen ist, wie stark historische Entscheidungen die Gegenwart prägen. Sie zeigen, dass selbst kleine politische Reformen enorme Auswirkungen haben können. Verbesserte Eigentumsrechte, Korruptionsbekämpfung oder die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit können ein Land auf einen positiven Wachstumspfad führen.
Ihre Forschung erklärt auch, warum bestimmte Länder trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen in völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen enden. Es sind institutionelle Entscheidungen, die über Jahrhunderte hinweg selbstverstärkende Effekte haben.
Was bedeutet das für uns?
Für Investoren und Bürger, die die wirtschaftliche Entwicklung verstehen wollen, sind diese Erkenntnisse von großer Bedeutung. Sie zeigen, dass wirtschaftliche Reformen nicht nur kurzfristige Programme sein dürfen. Es reicht nicht, allein in Bildung oder Infrastruktur zu investieren, wenn die Institutionen schwach sind. Länder, die ihre Institutionen reformieren und inklusive Strukturen schaffen, können nachhaltiges Wachstum erzielen. Für Investoren bedeutet das: Das Wachstumspotenzial liegt nicht nur in Zahlen, sondern in den Regeln und Strukturen eines Landes.
Ein Land mag reiche natürliche Ressourcen oder eine junge, dynamische Bevölkerung haben, doch wenn seine Institutionen instabil sind, birgt seine Wirtschaft erhebliche Risiken. Bevor man in ein Land oder seine Unternehmen investiert, sollte man die politische Struktur, die Institutionen und die soziale Kultur verstehen. Wer die Weltwirtschaft wirklich verstehen will, muss sich mit den Institutionen beschäftigen – sie sind der unsichtbare Motor hinter Erfolg oder Scheitern.




