Der traditionsreiche nordamerikanische Stahlproduzent US Steel wird für knapp 15 Milliarden Dollar vom japanischen Industrieriesen und weltweit zweitgrößten Stahlhersteller Nippon Steel aufgekauft. Dafür zahlt Nippon Steel $55 in Bar pro US Steel-Aktie, im Vergleich zum Schlusskurs vom letzten Freitag bedeutet das einen satten Aufschlag von etwa 40 Prozent. US Steel hatte sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast befunden. Zu seinen Glanzzeiten Mitte des letzten Jahrhunderts beschäftigte das Unternehmen phasenweise etwa 350 000 Mitarbeiter. Aktuell sind es knapp 23 000.
Die Übernahme ist für das zweite oder dritte Quartal 2024 geplant, nach dem Placet der Vorstände beider Unternehmen bedarf es nun der Zustimmung von Aktionären und Behörden. Die Fusion soll die gemeinsame Internationalisierung und Marktmacht steigern und durch Synergieeffekte in der zusammengeführten Expertise Innovationen vorantreiben. Vorrangig geht es dabei laut einer Stellungnahme der beiden Firmen um Nachhaltigkeit und die Reduktion des CO2-Ausstoßes, die schlussendlich in Kohlenstoffneutralität münden soll.
Nippon Steel stach heimischen Mitbewerber aus
Beim Bieten um den traditionsreichen Stahlproduzenten hatte Nippon Steel im US-Konzern Cleveland-Cliffs den ehemals unmittelbaren Lokalrivalen von US Steel ausgestochen, der im Sommer $17.50 pro Aktie und zusätzlich 1023 eigene Wertpapiere geboten hatte. Umgerechnet hätte das Ende Juli insgesamt $35 pro US Steel-Aktie entsprochen.
Der Vorstand von US Steel wies das Angebot als unzureichend zurück, die in den Vereinigten Staaten sehr mächtige Gewerkschaft United Steelworkers hatte die Übernahme durch Cliffs im Vorfeld bewilligt – auch, weil sie einen inländischen Investoren bevorzugt hätte, um frühere vertragliche Absprachen über Arbeitnehmerrechte und Lohnregelungen abzusichern. Der Arbeitskräftemangel in der nordamerikanischen Stahlindustrie verleiht der Gewerkschaft schon seit Längerem erhebliche Macht bei internen Entscheidungen.
Die Vereinbarungen zwischen United Steelworkers und US Steel will Nippon Steel definitiv ein- und aufrechterhalten, wie der japanische Konzern verlauten ließ. Auch bestehende Tarifverträge werden demnach übernommen. Damit unterstreicht Nippon Steel die Wichtigkeit der in Nordamerika beschäftigten Stahlarbeiter für die Zukunft des eigenen Geschäfts. Seit Jahrzehnten leidet die nordamerikanische Stahlindustrie unter mangelnder oder verspäteter Innovation.
Durch wirtschaftliche Sanktionen und Strafzölle gegen chinesischen Stahl, der dem Markt und den Stahlpreisen in den Vereinigten Staaten jahrelang geschadet hatte, erholte sich die Branche zuletzt. Sowohl in Indien als auch in Europa wird in den kommenden Jahren mit signifikanten Zunahmen in der Stahlnachfrage gerechnet, die der neue Stahlgigant unter der Ägide von Nippon Steel künftig weltumspannend befriedigen möchte.
Ende einer Ära und steigende Konzentration am Stahlmarkt
Die Übernahme markiert das Ende der Eigenständigkeit von US Steel. Das Unternehmen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet, war in seinen Anfangszeiten nicht nur der größte Stahlproduzent, sondern zwischenzeitlich gar das größte Unternehmen der Welt und gestaltete die wirtschaftliche Entwicklung der USA in den vergangenen 100 Jahren maßgeblich mit.
Gemeinsame Innovationen des neuen Konzern-Komplexes sollen nun unter der Flagge von Nippon Steel die Qualität des Kernprodukts steigern und gleichzeitig die Fertigung kostengünstiger gestalten, um ausländische Konkurrenz in die Schranken zu weisen. Die Konzentration in der nordamerikanischen Stahlindustrie nimmt durch das Ausscheiden von US Steel als autarkes Unternehmen weiter zu: Mit dem ehemaligen Hauptkonkurrenten Cleveland-Cliffs, dem größten nationalen Schrottrecycler Nucor und dem Eisenbahnschienenhersteller Steel Dynamics dominieren nunmehr drei große Konzerne den Markt.




