„Neue Ära der Währungsunion“: EZB stellt digitalen Euro vor
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„Neue Ära der Währungsunion“: EZB stellt digitalen Euro vor

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Simeon Koch

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat vor wenigen Tagen einen Bericht über den Fortschritt des digitalen Euros veröffentlicht. Zwei Jahre lang prüfte die EU-Kommission den Gesetzesentwurf, der nun offiziell vorgeschlagen werden soll. Die digitale Zentralbankwährung (engl.: Central Bank Digital Currency; kurz: CBDC) soll sowohl online als auch offline verfügbar sein und die Länder der Europäischen Union unabhängiger von privaten Zahlungsdienstleistern machen. Die Europäische Zentralbank will damit eine Alternative zu Plattformen wie PayPal oder Apple Pay bieten und die Infrastruktur des digitalen Geldsystems in allen Mitgliedsstaaten verbessern. Ersetzen will man den physischen Euro laut der nun veröffentlichten Pläne nicht. Vielmehr werde der digitale Euro laut EZB-Statement „das Bargeld ergänzen und den Nutzern mehr Wahlfreiheit bieten, indem er eine sichere und zugängliche Zahlungslösung darstellt“. Zweifel an den EU-Plänen zu einer digitalen Zentralbankwährung bleiben dennoch.

E-Euro soll mit PayPal und Co. konkurrieren

Der digitale Euro steht seit Jahren auf der Agenda der Europäischen Union. Und mindestens genauso lang ist die Implementierung des digitalen Zahlungsmittels ein Streitthema. Vielerorts brandete in den letzten Monaten Kritik auf, sei es aus Datenschutz-Bedenken oder wegen Befürchtungen vor zu starker zentraler Kontrolle und Zensur. Abbringen ließ sich die EZB dennoch nicht von ihrem Projekt – und bewirbt die neue Digitalwährung nun als Anpassung des Zentralbankgeldes an aktuelle Zahlungstrends. Auch soll der E-Euro zur Stärkung der strategischen Autonomie Europas beitragen. Als zentrales Argument hierfür bringt die EZB vor, dass ein niederschwellig nutzbares digitales Geldsystem den europäischen Bürgern Alternativen zu kommerziellen Anbietern von Kreditkarten oder anderweitiger Zahlungsabwicklungen über das Internet eröffne. Die Nutzungsmöglichkeiten des E-Euro sollen zu diesem Zweck weit über jene von Apps wie PayPal hinausgehen, damit Zahlungen auch in Regionen mit schwacher Infrastruktur und ohne Internet-Zugang abgewickelt werden können. Denn technisch gesehen soll der digitale Euro sowohl online als auch offline nutzbar sein. Das bedeutet, dass er für Zahlungen zwischen Personen sowie für Einkäufe in physischen Geschäften verwendet werden kann – und zwar ohne Internetverbindung.

Diese „Offline-Funktionalität“ soll Nutzern laut der EZB „ein bargeldähnliches Maß an Privatsphäre“ bieten, da bei „Offline-Zahlungen keine personenbezogenen Transaktionsdaten an Zahlungsdienstleister, das Eurosystem oder potenzielle Anbieter von Unterstützungsdiensten weitergegeben“ werden sollen. Das Prinzip ähnelt einer Debit-Card: Vor der Nutzung des Offline-Modus müssen Benutzer ihr digitales Euro-Konto entweder über das Internet oder an speziellen Geldautomaten aufladen. Transaktionen werden danach direkt zwischen den beteiligten Offline-Geräten validiert, wodurch sensible Daten laut EZB nicht über Netzwerke übertragen werden und die Privatsphäre der Nutzer geschützt bleibt. Robert Holzmann von der Österreichischen Nationalbank hält die EZB-Pläne für bahnbrechend: „Mit dem digitalen Euro wird eine neue Ära der Währungsunion eingeleitet. Erstmals werden Privatpersonen einen Zugang zu digitalem Zentralbankgeld erhalten“.

 

Algorand und XRP: Hat die EU Blockchain-Pläne?

Etwas vage bleibt die Zentralbank bei der Frage, wie die E-Euro-Infrastruktur technisch umgesetzt werden soll. In ihrem Statement schrieb die zentrale Geldbehörde der EU am Montag, dass man „die bereits auf dem Markt verfügbaren technischen Instrumente untersucht“ habe, die „die Abwicklung von digitalen Offline-Euro-Transaktionen direkt über die Geräte der Endnutzer ermöglichen könnten“. Ein wichtiger Gesichtspunkt bleiben „Geldwäsche- und Fälschungsprüfungen“, dennoch soll die Nutzung der digitalen Währung unkompliziert gestaltet werden: „Für Offline-Zahlungen können die Nutzer ihre mobilen Geräte verwenden, während das Eurosystem auch den möglichen Einsatz von batteriebetriebenen Smartcards“ prüfe. Letztlich werde die Nutzbarkeit des E-Euro auf dem eigenen Handy davon abhängen, ob Gerät und Nutzeroberfläche den Anforderungen entsprechen, die „in der Verordnung über den digitalen Euro für Gerätehersteller und Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste festgelegt sind“.

Lange wurde auch darüber spekuliert, ob die digitale Zentralbankwährung der Europäischen Union über eine Blockchain laufen könnte. Schon seit Jahren unterhält etwa das Altcoin-Projekt Algorand Partnerschaften mit Finanzbehörden in Italien und den Niederlanden, um den Euro zu digitalisieren und Banktransaktionen abzuwickeln. Ähnliche Ambitionen hat Ripple Labs mit seiner XRP-Blockchain. Die im Krypto-Markt breit gestreuten Hoffnungen auf die Umsetzung des offiziellen E-Euros auf einer bereits existenten kommerziellen Blockchain konnte der jüngste EZB-Bericht allerdings nicht nähren. Kürzlich erst ließen die EU-Währungshüter verlauten: „Das Eurosystem testet bei der Entwicklung des digitalen Euro derzeit verschiedene – zentralisierte und dezentralisierte – Technologien“, unter anderem auch „die Distributed-Ledger-Technologie“, also die Blockchain. Aber: „Eine Entscheidung dazu ist noch nicht gefallen“ und wurde auch mit den neuesten E-Euro-Plänen nicht verlautbart. Rein technisch würde die Blockchain-Technologie dank ihrer Dezentralität und Zensur-Resistenz effektiven Schutz der Privatsphäre bei Zahlungen mit und ohne zwischengeschalteten zentralen Server ermöglichen. Das könnte für die EZB noch ein wichtiges Argument werden.

Wie zentralisiert wird das digitale Geld?

Schließlich dürfte die Europäische Zentralbank gerade in dieser Sache weiterhin mit Kritik und Zweifeln konfrontiert sein, wenn sie die Umsetzung des digitalen Euro vorantreibt. Die Ankündigungen des Berichts überraschen zwar mit der geplanten Offline-Lösung, lassen bei Fragen der Privatsphäre aber einige Fragen offen. Positiv zu werten ist sicherlich die Modernisierung des Zahlungsverkehrs und die Erhöhung der Wahlmöglichkeiten für Verbraucher. Der digitale Euro dürfte die Abhängigkeit von nicht-europäischen Zahlungsanbietern verringern und die monetäre Souveränität der Eurozone stärken. Zudem würde er die Sicherheit und Effizienz von Transaktionen verbessern, insbesondere durch die Integration fortschrittlicher Sicherheitsprotokolle. Die häufigsten Gegenargumente der E-Euro-Kritiker konnte die EZB dennoch nicht entkräften. Datenschutz und Sicherheit bleiben ein großes Thema, vor allem wegen der potenziellen Kontrolle der Transaktionsdaten durch die Zentralbank. Ein weiterer Knackpunkt könnte das geplante Limit der digitalen Euro-Wallet sein, das aus Sicherheitsgründen die Summe begrenzen soll, die in digitalen Euros gehalten werden kann. Die EZB kündigte eine solche Obergrenze mit Verweis auf Maßnahmen gegen Geldwäsche und Fälschungen zwar an, gab aber keine Details bekannt.

Allen voran soll der digitale Euro laut EZB das Problem der Fragmentierung europäischer Zahlungslösungen entlang nationaler Grenzen beheben, welches zur Schwächung des internationalen Wettbewerbs führt. Derzeit sind europäische Zahlungslösungen oft national begrenzt, was zu höheren Kosten für Händler führt und privaten Zahlungsdienstleistern zu Monopolstellungen verhilft. Internationale Kartenanbieter dominieren den Markt, was die Abhängigkeit von globalen Akteuren verstärkt. Das kritisiert auch Petia Niederländer, Direktorin der Hauptabteilung Zahlungsverkehr bei der Österreichischen Nationalbank: „Genau hier soll der digitale Euro als digitales Zentralbankgeld eingreifen. Er soll als Alternative zu privaten Zahlungslösungen gerade die Eigenständigkeit des europäischen Zahlungsverkehrs stärken“. In einer „vermehrt digitalen Gesellschaft“ sei ein „digitaler Euro für unsere gemeinsame Währung ein Schritt nach vorne“.  Der digitale Euro könnte den kontinentalen Zahlungsmarkt demnach vereinheitlichen und die Abhängigkeit von privaten Unternehmen verringern.

Wie ist das mit der Bargeld-Obergrenze?

Auch in Krisenzeiten könne sich ein teilweiser Umstieg auf den E-Euro bezahlt machen, argumentiert die Deutsche Bundesbank: „Zum einen ist eine gewisse Schrumpfung des Bankensektors zu erwarten, und zum anderen wird ein Zahlungsmittel geschaffen, welches prinzipiell in großen Mengen während einer Bankenkrise gehalten werden könnte.“ Eine Obergrenze bei den privat gehaltenen Beständen des digitalen Euro sei sinnvoll: Sollte „eine digitale Zentralbankwährung ohne eine Haltegrenze eingeführt werden“, so würde das laut Bundesbank „die Wahrscheinlichkeit eines Bank Runs erhöhen“ – also massenhafte Bargeldbehebungen von Privatkunden, sollte das Vertrauen in bestimmte Banken oder das gesamte System zusammenbrechen. Verhindern will man mit einer solchen Obergrenze also offenbar, dass Nutzer zu große Geldmengen auf einmal von Banken an ihre privaten digitalen Wallets senden und den Geldhäusern damit die Liquidität entziehen. Funktionieren würde ein solches digitales Limit also ähnlich wie eine Barbehebungsgrenze an physischen Geldautomaten. Nähere Details will die EZB auch dazu in den kommenden Monaten liefern, allzu bald dürfte der E-Euro aber ohnehin nicht eingeführt werden. Bis Ende 2025 müssen nun die zuständigen EU-Gremien darüber abstimmen, wie und wann die nächste Phase des Projekts eingeläutet wird.

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Simeon Koch

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