Das Wichtigste auf einen Blick
Tencent hat seine erste Anleihe seit vier Jahren angekündigt und verstärkt die Investitionen in Künstliche Intelligenz und Gaming. Mit dem Forscher Shunyu Yao von OpenAI, dem Modell Hunyuan-Large-Vision und dem wachsenden Einfluss bei Ubisoft zeigt der Konzern, dass er nicht nur in China, sondern auch in Europa und den USA ein ernstzunehmender Konkurrent für Branchenführer wie OpenAI, Google oder Meta ist. Mit über 26 Milliarden US-Dollar Umsatz im Quartal und 800 Millionen aktiven Nutzern weltweit setzt Tencent auf Größe, Finanzkraft und Innovationsstrategie.
Tencent hat erstmals seit vier Jahren wieder eine internationale Anleihe begeben und damit ein starkes Signal an den Finanzmärkten gesetzt. Das Geld soll vor allem in die Weiterentwicklung der Cloud- und KI-Infrastruktur fließen, wo der Wettbewerb in China immer härter wird. Gleichzeitig schreitet die KI-Entwicklung beim Mutterkonzern von WeChat und League of Legends: Mit dem abgeworbenen OpenAI-Forscher Shunyu Yao und dem neuen Modell Hunyuan-Large-Vision will Tencent die westliche KI-Elite angreifen. Auch beim Gaming nimmt das Unternehmen eine zentrale Rolle ein. Über seine Beteiligung an Ubisoft gestaltet Tencent die Zukunft der beliebten Far-Cry-Reihe mit – und sorgt für emotionale Diskussionen unter Fans.
Milliarden für die KI: Tencent kämpft um China-Krone
Tencent will Geld aus dem Westen: Das erste Mal seit 2021 gibt der Konzern Firmenanleihen heraus – primär für Investoren außerhalb Chinas. Die Laufzeiten liegen bei fünf, zehn und dreißig Jahren. Federführend sind Banken wie die Bank of China und JPMorgan Chase. Der Betrag ist noch unklar, doch bereits jetzt reiht sich die Emission in eine Phase verstärkter Mittelaufnahme chinesischer Tech-Konzerne ein. So hatte Alibaba im Frühjahr 3.2 Milliarden US-Dollar eingesammelt, während Baidu Milliardenbeträge über ähnliche Anleihen generierte. Tencent selbst hat noch 17.8 Milliarden US-Dollar an ausstehenden Schuldpapieren, darunter eine Milliarde US-Dollar, die 2026 fällig wird.
Die Gründe für die Kapitalaufnahme liegen auf der Hand: Um im milliardenschweren Wettbewerb um Cloud-Infrastruktur, künstliche Intelligenz und Gaming mitzuhalten, braucht es Finanzkraft. Allein im zweiten Quartal steigerte Tencent seinen Umsatz um 15 Prozent auf 25.7 Milliarden US-Dollar – drei Prozent mehr als Analysten erwartet hatten. Besonders überraschend waren diese Zahlen angesichts des immer härteren Wettbewerbs in Chinas Digital- und KI-Branche. Mit den neuen Anleihen will Tencent dieses positive Momentum manifestieren. Das Unternehmen sieht die Emission als Teil einer langfristigen Strategie, um Investitionen gezielt abzusichern.
KI-Talent von OpenAI abgeworben: 14 Millionen Gehalt?
Ein weiterer Baustein der Expansion ist das gezielte Abwerben von Spitzenforschern. Besonders aufhorchen ließ die Nachricht, dass Tencent Shunyu Yao, einen ehemaligen OpenAI-Experten für KI-Agenten, verpflichtete. Zuvor war er unter anderem bei Google und an der Princeton University tätig. Über sein Gehalt wurde spekuliert – über 100 Millionen Yuan oder knapp 14 Millionen US-Dollar (!) standen im Raum. Tencent dementierte dies offiziell, wollte jedoch keine Details preisgeben. Branchenkenner sehen den Transfer als Teil eines global verschärften Wettbewerbs um KI-Talente. Auch große US-Konkurrenten wie Meta, Microsoft oder Google versucht mit hohen Angeboten, Forscher langfristig zu binden.
Parallel dazu präsentierte Tencent sein neues Modell Hunyuan-Large-Vision. Mit 389 Milliarden Parametern, davon 52 Milliarden aktiv, rangiert es im renommierten KI-Ranking LMArena Vision Leaderboard auf Platz 16 weltweit – vor allen anderen chinesischen Systemen. Besonders beeindruckend: In Benchmarks für visuelles Schlussfolgern, Videoanalyse oder mehrsprachige Texterkennung erreicht das Modell Ergebnisse auf Augenhöhe mit westlichen Systemen. „Mobile, PC, Konsole und Cloud wachsen zusammen“, erklärte Stephane Decroix, Vizepräsident von Tencent Europa. Damit positioniert sich Tencent als einer der führenden chinesischen KI-Kontrahenten für westliche Branchenführer um OpenAIs ChatGPT, Metas Llama oder Googles DeepMind.
Far Cry: Tencent geht in die Gaming-Offensive
Die Tencent-Expansion endet nicht bei der KI-Forschung. Mit seiner Beteiligung an Ubisoft (im März kaufte der Konzern 25 Prozent an den wichtigsten Gaming-Lizenzen für rund eine Milliarde Dollar) hat Tencent nun auch direkten Einfluss auf die traditionsreiche Far-Cry-Reihe. Für den siebten Teil kündigte Ubisoft-Chef Yves Guillemot auf einer Konferenz im saudischen Riad einen klaren Kurswechsel an: Mehr Multiplayer-Inhalte, mehr Events, mehr Live-Service. Klassische Solo-Abenteuer könnten reduziert werden. Welche Rolle Tencent dabei genau spielt, ließ Ubisoft offen. Doch in der Branche wird erwartet, dass Tencent seine Erfahrung aus Titeln wie League of Legends oder PUBG Mobile einbringt.
Der Zeitpunkt ist strategisch gewählt. Mit rund 26 Milliarden US-Dollar Umsatz im zweiten Quartal 2025 ist Tencent der größte Videospielkonzern der Welt. Auf dem Heimatmarkt setzte das Unternehmen 5.6 Milliarden US-Dollar um, im Ausland waren es 2.6 Milliarden – ein Plus von 35 Prozent. Mit über 170 Spielen in 200 Märkten und mehr als 800 Millionen aktiven Nutzern verfügt Tencent über eine Reichweite, die kaum ein westlicher Anbieter erreicht. Wenige andere Konzerne vereinen derart hohe Nutzerzahlen, internationale Beteiligungen und Kapitalstärke in einem Portfolio.
Die Gamescom in Köln wurde in diesem Jahr auch zur Bühne für Tencents Ambitionen. „Unser bisher größter Auftritt auf der Messe ist ein klares Zeichen für unser Engagement“, sagte Stephane Decroix. Mit Beteiligungen an europäischen Studios wie Ubisoft oder Lighthouse Games baut Tencent seine Präsenz gezielt aus. Für das Unternehmen hat dies mehrere Vorteile: Zum einen gelten europäische Spieler als besonders zahlungsbereit, zum anderen ist der Heimatmarkt in China durch staatliche Regulierung unsicherer geworden. Auch geopolitische Spannungen zwischen den USA und China treiben Tencent stärker nach Europa.
Wie geht’s für die Tencent weiter?
Tencent steht damit an mehreren Fronten gleichzeitig: Der Konzern erweitert seine Finanzierungsbasis, investiert in KI, stellt die Weichen für neue Spielestrategien und baut seine Präsenz in Europa aus. Mit Hunyuan-Large-Vision und dem Zugang zu Spitzenforschern will Tencent sich im globalen KI-Rennen behaupten. Gleichzeitig deutet die Einflussnahme bei Far Cry 7 auf eine neue Ära in der Gaming-Kultur hin – eine, in der Monetarisierung und Online-Multiplayer noch stärker fokussiert werden. Wo der Schwerpunkt der KI- und Gaming-Offensive bei Tencent liegen soll, macht Stéphane Decroix klar: „Europa ist ein zentraler Knotenpunkt in unserer globalen Strategie.“




