Wohin soll’s dieses Jahr in den Urlaub gehen? In welchem Restaurant wird heute Abend diniert? Fahr ich morgen mit dem Elektrofahrrad oder doch lieber mit meinem konventionellen Mountainbike zum Shoppen in die Stadt? Wie zur Hölle bekomme ich meine Unmengen an Kleidern verstaut? Und welche Farbe soll eigentlich das neue Auto haben? Je größer der eigene Wohlstand, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich mit (Luxus-)Problemen konfrontiert sieht, die – nicht nur aus Sicht von weniger privilegierten Menschen – eigentlich gar keine sind. Amazon-Gründer Jeff Bezos muss sich derzeit mit einem First World Problem solchen Ausmaßes „herumschlagen“, dass man selbst als privilegierter Deutscher mit den eingangs beispielhaft aufgeführten Luxusproblemen lediglich den Kopf schütteln möchte.
So hat Bezos in einer Werft nahe Rotterdam vor geraumer Zeit den Bau seiner neuen Segelyacht in Auftrag gegeben, welche nun offenbar kurz vor der Fertigstellung steht. Bevor der Multimilliardär jedoch mit seinem neuen $500-Millionen-Spielzeug über die Weltmeere schippern kann, muss das 127 Meter lange Bötchen aber erst einmal unter der historischen Rotterdamer Koningshavenbrücke hindurchfahren, welche extra für solche Zwecke bis zu 40 Meter in die Höhe gefahren werden kann. Das (Luxus-)Problem: Die Masten der Bezos-Yacht messen rund 70 Meter. Die Werft Oceanco hat deshalb, wohl im Auftrag ihres prominenten Kunden, die Stadt um Erlaubnis gebeten, den mittleren Abschnitt der 95 Jahre alten Brücke kurzzeitig abzubauen, um so Bezos Yacht die Durchfahrt zu ermöglichen. Bezos hat zudem angeboten, die anfallenden Kosten, welche bei rund €100.000 liegen dürften, aus eigener Tasche zu begleichen.

Die 95 Jahre alte Koningshavenbrücke wurde im Jahr 2017 frisch saniert.
Das Vorhaben löste in der Rotterdamer Bevölkerung eine hitzige Debatte aus: Während die einen stolz darauf sind, dass ihre Stadt das größte private Segelschiff der Welt produziert hat und dem US-amerikanischen Superreichen deshalb die Durchfahrt gerne ermöglichen würden, sind die anderen überhaupt nicht begeistert und rufen deshalb dazu auf, Bezos und sein Schiff auf seiner Fahrt heraus aus Rotterdam mit faulen Eiern zu bewerfen. Die Koningshavenbrücke, welche in der Bevölkerung aufgrund ihres beweglichen Mittelstücks auch De Hef genannt wird, wurde zwar 1994 außer Betrieb genommen und durch einen Tunnel ersetzt, für die Rotterdamer ist der Flussüberweg aber weit mehr als ein in die Jahre gekommenes Bauwerk. So demonstrierten die Bürger bereits in den Neunzigerjahren gegen den Abriss ihrer geliebten Brücke und sorgten so dafür, dass diese im Jahr 2017 saniert wurde und somit als Industriedenkmal bestehen blieb. Zudem sind im Zuge der Causa Superyacht trifft auf Brücke niederlandweit deutlich tiefergehende Diskussionen entbrannt. Der Sprecher der GroenLinks-Partei Stephan Lewis führt aus: „Jeff Bezos hat sein Geld mit strukturellem Personalabbau, Steuerhinterziehung und der Umgehung von Vorschriften verdient – und jetzt müssen wir unser wunderschönes Nationaldenkmal abreißen? Das geht wirklich zu weit!“ Letztlich dürfte es hierbei aber eher ums berühmte Prinzip gehen, technisch gesehen stellt die Demontage der Brücke Experten zufolge keine allzu große Herausforderung dar. Auch Paul van de Laar, seinerseits Leiter des Fachbereichs Geschichte an der Rotterdamer Erasmus-Universität, führt auf, dass der Abbau der Brücke „technisch keine große Sache“ sei, es hierbei aber um deutlich mehr gehe. Man müsse sich nämlich die Frage stellen, ob man in dieser Geschichte nachgeben wolle und so der Bevölkerung das Signal sende, dass die „Ultrareichen immer einen Weg finden“, das zu bekommen, was sie wollen.
Nach Aussagen des Rotterdamer Rathauses laufe das Antragsverfahren für den Abbau der Brücke noch. So werde man neben „möglichen Umweltbelastungen“ und Aspekten des Denkmalschutzes auch prüfen, wie viele Arbeitsplätze durch den Bau der Segelyacht geschaffen wurden. Auch der Brückenverantwortliche Marcel Walravens weist darauf hin, dass die Gemeinde das Projekt „aus wirtschaftlicher Sicht und im Hinblick auf die Erhaltung von Arbeitsplätzen (…)“ als sehr wichtig erachtet. Derzeit sieht es also ganz danach aus, als würde die Stadt Bezos „Bitte“ nachkommen.
Es gäbe übrigens noch eine weitere Möglichkeit, die Bezos-Yacht in die Nordsee zu manövrieren: So sieht der Backup-Plan der Werft vor, das Schiff ohne die hohen Masten unter der Koningshavenbrücke hindurchfahren lassen, um diese dann erst im Anschluss auf das Boot zu montieren. Warum sich die Werft und ihr wohlhabender Kunde nicht einfach direkt für diese Vorgehensweise entschieden haben? Hierzu liegen uns im Moment keinerlei Informationen vor. Vielleicht hat sich der Amazon-Gründer aber einfach daran gewöhnt, stets das zubekommen, was er sich wünscht.
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