Mileis Bilanz: Was der Kettensägen-Präsident geschafft hat – und was nicht
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Mileis Bilanz: Was der Kettensägen-Präsident geschafft hat – und was nicht

Author

Manuel Gottschalk

Javier Milei: Zeit für eine Bilanz

Seit Javier Milei im Dezember 2023 als Präsident Argentiniens sein Amt antrat, hat er mit seinem radikalen, von der Österreichischen Schule inspirierten Reformkurs die Wirtschaft des Landes tiefgreifend verändert. Seine Kettensägen-Politik zielte darauf ab, die Hyperinflation zu bekämpfen, das Haushaltsdefizit zu eliminieren und die Wirtschaft zu deregulieren. Mehr als eineinhalb Jahre später zeigt sich ein uneinheitliches Bild: beeindruckende Erfolge bei der Inflationsbekämpfung und fiskalischen Stabilisierung stehen einem Anstieg von Armut und Arbeitslosigkeit gegenüber. Erst kürzlich gewann er eine umstrittene Wahl. Welche Versprechen hat Milei eingelöst? Und welche nicht?

Durchbruch bei der Inflationsbekämpfung 

Zu Mileis Amtsantritt lag die jährliche Inflationsrate in Argentinien bei 211 Prozent, die monatliche bei 25.5 Prozent. Durch seine einschneidenden Maßnahmen – darunter drastische Kürzungen im öffentlichen Sektor, eine Reduzierung der Geldmenge und eine Peso-Abwertung um 50 Prozent – sank die monatliche Inflationsrate bis Oktober 2024 auf 2.7 Prozent und bis März 2025 auf 2.4 Prozent. Die jährliche Inflationsrate halbierte sich 2024 auf 117.8 Prozent und könnte 2025 laut Prognosen auf 25-30 Prozent fallen. Dies war möglich, weil der Abzug der überschüssigen Liquidität aus dem Wirtschaftssystem den Preisdruck auf die Waren und Dienstleistungen dämpfte, während die Peso-Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit argentinischer Exporte verbesserte.  Dadurch verbesserten sich wiederum die Währungsstabilität und die Außenhandelsbilanz, die Devisenreserven kletterten.

Die Aufhebung der Devisenbeschränkungen im April 2025 reduzierte den Unterschied zwischen offiziellem und Schwarzmarkt-Wechselkurs von 153 Prozent auf ein bis drei Prozent, was zusätzlich sowohl die Währungs- als auch die Wirtschaftsstabilität stärkte. Ein großer Unterschied zwischen dem von der Zentralbank festgelegten Wechselkurs und dem des Schwarzmarktes, der nur durch Angebot und Nachfrage außerhalb offizieller Kanäle entsteht, zeugt von einem wirtschaftlichen Ungleichgewicht, fördert Misstrauen und führt schließlich zu Marktverzerrungen. Zuvor wurde diese Devisenbeschränkung eingeführt, um Kapitalabflüsse und eine Flucht in den Dollar zu verhindern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) lobt diesen Fortschritt, doch weiterhin bleibt Argentinien voraussichtlich das Land mit der weltweit höchsten Inflationsrate.

BIP und Wirtschaftswachstum: Eine Rezession mit Erholung 

2023 schrumpfte das BIP um 1.6 Prozent. Zu Beginn der von Milei eingeführten Reformen vertiefte sich die Rezession 2024 mit einem konjunkturellen Rückgang von etwa vier Prozent, da heftige Kürzungen bei Subventionen und öffentlichen Ausgaben den Konsum dämpften. Seit dem dritten Quartal 2024 gibt es jedoch Erholungszeichen: Das BIP wuchs wieder um 3.9 Prozent, und für das Jahr 2025 prognostizieren die OECD 3.6 bis 3.9 Prozent, der IWF sogar ein Wachstum von fünf Prozent. Die wirtschaftlichen Treiber sind allen voran die Landwirtschaft, die für die Saison 2024/25 ein Ernteplus von über neun Prozent erzielen konnte, sowie der Bergbau. Die Industrie steckt hingegen in einer Krise, was eine Deindustrialisierung drohen lässt.

Hoher Preis der Reformen 

Was Milei bisher erreichen konnte, belastet in vielen Fällen die wirtschaftlich Schwächsten der Gesellschaft. Die Armutsquote stieg von 45 Prozent im Dezember 2023 auf 53 Prozent im ersten Halbjahr 2024, der höchste Wert seit über 20 Jahren. Besonders betroffen waren die Rentner, deren Armutsquote sich von 13.2 Prozent auf 30.8 Prozent mehr als verdoppelte. Kürzungen bei Subventionen für Energie, Verkehr und Lebensmittel sowie die Peso-Abwertung verschärften die Lage. Neuere Daten zeigen jedoch einen leichten Rückgang der Armutsquote auf 46.8 Prozent bis Ende 2024, einige Quellen nennen sogar rund 35 Prozent im Mai 2025, was jedoch unbestätigt bleibt. Die Katholische Kirche und lokale NGOs kritisieren, dass die ärmsten Schichten die Hauptlast der wirtschaftlichen Entwicklung tragen würden.

Der Anpassungsschock an Mileis radikale Reformen erschüttert auch den Arbeitsmarkt. Durch die Entlassung von etwa 50 000 Staatsbediensteten, die Streichung von Zeitverträgen und Subventionen, wuchs die Arbeitslosigkeit in den zurückliegenden Monaten deutlich. Berichten zufolge stieg diese von 5.7 Prozent Ende 2023 auf 7.6 Prozent bis Mitte 2024. Ende 2024 soll sie wieder leicht auf 6.9 Prozent zurückgelaufen sein. Die Umwandlung verdeckter in offene Arbeitslosigkeit ist ein typischer Effekt marktwirtschaftlicher Reformen, gerade bei solch weitreichenden, wie sie Milei eingeführt hat.

Durch die Kürzungen im öffentlichen Sektor und die Deregulierungen ineffizienter Arbeitsplätze (verdeckte Arbeitslosigkeit) wurden diese Arbeitsplätze aufgelöst, wodurch die offene Arbeitslosigkeit sichtbar anstieg. Langfristig könnte dadurch die Wirtschaft effizienter werden, da Humanressourcen wieder in produktivere Sektoren fließen können, wodurch Milei private Arbeitsplätze schaffen will.

Erfüllten sich die düsteren Prognosen der Kritiker? 

Kritiker wie der argentinische Ökonom Fernando Morra warnten vor einer Rezession, steigender Armut und sozialen Unruhen. Die Rezession (-4 Prozent BIP) und der Armutsanstieg (auf 53 Prozent) bestätigten diese Prognosen teilweise. Proteste, etwa gegen Kürzungen im Bildungswesen, fanden zwar am Anfang von MILEIS Rosskur statt, blieben aber moderater als zunächst erwartet, was auch an Mileis hohen Zustimmungswerten von über 50 Prozent liegen dürfte.

Ein weiterer Kritiker ist der Unternehmer und Publizist Federico Tessore, der an der Nachhaltigkeit der Milei-Reformen zweifelt. Seiner Meinung nach basiert ein Großteil der staatlichen Einsparungen darauf, dass die Renten und Gehälter nicht an die Inflation angepasst werden. Dennoch widerlegen der Inflationsrückgang und die Erholung einige Befürchtungen eines dauerhaften Kollapses. Seit 2008 konnten wieder Haushaltsüberschüsse erreicht werden, wodurch sich die Devisenreserven von 21 auf 30 Milliarden US-Dollar erhöht haben. Handelsüberschüsse und steigende Exporte – besonders im Energiesektor – stärken die Außenhandelsbilanz. Durch die Abschaffung der Mietpreisbremse konnte das Wohnungsangebot wieder erhöht werden und Reformen der Gesetze zur Investitionsförderung ziehen wieder ausländische Geldgeber an.

War der soziale Preis vermeidbar? 

Der Anstieg von Armut und Arbeitslosigkeit war möglicherweise ein unvermeidbarer Anpassungsschock, zumindest, wenn man Mileis Unterstützern glaubt. Die Kollateralschäden in Argentinien sind vergleichbar mit Reformen im Polen der 1990er Jahre oder den Reformen unter Margaret Thatcher im Großbritannien der 1980er Jahre. Die Peso-Abwertung und Subventionskürzungen waren laut Mileis Stab notwendig, um so die Hyperinflation zu stoppen und die Wirtschaft zu stabilisieren. Kritiker argumentieren jedoch, dass gezieltere Sozialhilfen oder eine schrittweise Abwertung die Härten, insbesondere für Rentner, hätten mildern können. Mileis kompromissloser Stil und fehlende Kongressmehrheit verzögerten strukturelle Reformen, was wiederum die sozialen Kosten erhöhte.

Die Kettensäge wirkt – und reißt Narben 

Javier Mileis Reformen haben die Inflation halbiert, Haushaltsüberschüsse erzielt und mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von 3.6 bis fünf Prozent für das Jahr 2025 erste Erholungszeichen gebracht. Der soziale Preis war zwar hoch, doch war die Ausgangslage der argentinischen Wirtschaft sowie des Staatshaushaltes derart desolat, dass die Milei-Regierung keinen Weg sah, wirksame Reformen ohne Nebenwirkungen umzusetzen. Die Nachhaltigkeit hängt jetzt davon ab, ob Milei Projekte vorantreiben und die Industrie wieder stärken kann, um so eine drohende Deindustrialisierung zu verhindern.

Der Einsatz der Kettensäge hat also gewirkt – aber auch soziale Narben hinterlassen. Interessanterweise erreichte Mileis Partei La Libertad Avanza (LLA) bei den Wahlen zum Stadtparlament von Buenos Aires vor einigen Wochen einen überraschenden Sieg mit über 30 Prozent der Stimmen und konnte deutlich den bisherigen Lokalmatador Propuesta Republicana (PRO) von Mauricio Macri überholen. Dieser Wahlsieg stärkt Mileis Position für kommende Wahlen und scheint trotz aller Härten eine wachsende Akzeptanz seines Reformkurses widerzuspiegeln.

Die Bilanz von Javier Milei im Überblick: Positives vs. Negatives

Positiv:

* Inflation deutlich gesenkt 
* Haushaltsüberschuss erzielt 
* Devisenreserven gestärkt 
* Wechselkurs stabilisiert 
* Wirtschaftswachstum wieder aufgenommen 
* Agrarsektor gestärkt 
* Wohnungsangebot erweitert 
* Vertrauen internationaler Investoren gewonnen 
* Überraschende Bestätigung seiner Politik durch Wahlerfolg in Buenos Aires 

Negativ:

* Armutsquote deutlich gestiegen 
* Anstieg der Erwerbslosigkeit 
* Industrie in der Krise 
* Renten nicht ausreichend angepasst 
* Stockende Strukturreformen 
* Starke Belastung der sozial Schwachen 
* Unzureichende Sozialhilfen 
* Kritik an Regierungsstil
* Zweifel an langfristiger Wirkung

Häufig gestellte Fragen rund um Javier Milei

Ist Javier Milei ein Rechtspopulist?

Javier Milei wird häufig als rechtspopulistisch eingeordnet, vorwiegend wegen seines radikalen Stils, seiner Anti-Establishment-Rhetorik und seiner Ablehnung klassischer Parteien. Er selbst sieht sich jedoch als libertären Ökonomen, inspiriert von der Österreichischen Schule, mit dem Ziel, den Staat drastisch zu verkleinern und die Wirtschaft zu liberalisieren.

Wie ist die aktuelle Wirtschaftslage in Argentinien?

Argentinien hat unter Mileis Führung wirtschaftlich eine Kehrtwende vollzogen. Die Inflation wurde massiv gesenkt, das Haushaltsdefizit abgebaut und die Devisenreserven gestärkt. Gleichzeitig ist das Land aber durch eine harte Übergangsphase gegangen: Armut und Arbeitslosigkeit stiegen zunächst deutlich an. Seit Ende 2024 gibt es erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung, vorwiegend durch starke Exporte und ein wieder wachsendes BIP. Die Lage bleibt jedoch für viele Menschen angespannt, besonders für sozial Schwache.

Was bedeutet Milei auf Deutsch?

„Milei“ ist ein Nachname und hat im Deutschen keine eigenständige Bedeutung. Es handelt sich um einen Familiennamen ohne wörtliche Übersetzung. Der Name selbst stammt wahrscheinlich aus dem osteuropäischen Raum, aber er hat im Spanischen oder Deutschen keine definierte Bedeutung wie etwa ein Substantiv oder Adjektiv.

Wer ist der Vater von Javier Milei?

Javier Milei ist der Sohn von Norberto Horacio Milei, einem Busunternehmer aus Buenos Aires. Über seinen Vater ist wenig öffentlich bekannt, doch es ist bekannt, dass das Verhältnis zwischen Vater und Sohn zeitweise sehr angespannt war – Milei hat in der Vergangenheit öffentlich erklärt, dass er den Kontakt zu seinen Eltern lange Zeit abgebrochen hatte.

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Manuel Gottschalk

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