Max Pain: Warum uns Bitcoin, Altcoins und Aktien so gerne Schmerzen zufügen
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Max Pain: Warum uns Bitcoin, Altcoins und Aktien so gerne Schmerzen zufügen

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Simeon Koch

Warum fügt der Finanzmarkt seinen Anlegern so gerne Schmerzen zu? Im Englischen gibt es dafür den treffenden Begriff Max Pain, der eigentlich aus dem Optionshandel stammt. Und auch im Deutschen hören sich viele Börsen-Formulierungen ziemlich schmerzhaft an. Ob nun der Bitcoin seine Trader aus dem Markt liquidieren oder Aktien-Abverkäufe zum sprichwörtlichen Blutbad führen – oft bekommt man das Gefühl, der Markt würde seinen Investoren vorsätzlich Schaden zufügen. Ganz so falsch ist diese Annahme nicht. Allerdings ist es gar nicht der Markt selbst, der für Verzweiflung und buchstäblichen Schmerz sorgt. Es sind seine Teilnehmer und deren Psyche, die den Kurs von Aktien, Kryptowährungen und Rohstoffen immer wieder dorthin befördern, wo es besonders wehtut. Max Pain ist notwendig, um große Rallyes möglich machen. Wer das versteht, gewinnt langfristig.

Warum Market Maker die Märkte manipulieren

Der Begriff Max Pain entstand ursprünglich im Optionshandel. Er beschreibt eine Art stillen Mechanismus, der die Märkte in Richtung des größten Verlusts für Optionsinhaber drängt. Der Max-Pain-Punkt beschreibt das Kursniveau, bei dem die meisten Optionen – insbesondere jene von Privatanlegern – am Verfallstag wertlos auslaufen. Market Maker, also mächtige Marktteilnehmer, die Kurse zu ihren Gunsten manipulieren können, und institutionelle Händler haben ein wirtschaftliches Interesse daran, die Kurse so zu steuern, dass sie die höchsten Prämieneinnahmen erzielen und die meisten Kontrakte verfallen lassen. Die Leidtragenden sind Kleinanleger, deren Optionen ins Leere laufen.


Deutliche Korrekturen vor großen Anstiegen sind alles andere als ungewöhnlich. Im Börsenjargon nennt  man das 'Bärenfalle' (Bear Trap).
Optionen sind eine besondere Art von Wette auf die zukünftige Kursentwicklung einer Aktie oder eines anderen Wertpapiers. Sie geben dem Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht, eine Aktie zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Eine Call-Option erlaubt den Kauf zu einem festgelegten Preis, eine Put-Option den Verkauf. Spekuliert man darauf, dass der Bitcoin in drei Monaten deutlich höher gehandelt wird, kann man sich mit einer Call-Option schon jetzt das Recht sichern, zu diesem zukünftigen Zeitpunkt für einen niedrigeren Kurs zu kaufen und sofort im Gewinn zu sein. Geht man aber davon aus, dass Ethereum in ein paar Monaten deutlich unter dem aktuellen Kursniveau notiert, kann man sich eine Put-Option sichern, um ETH etwa zum aktuellen Kurswert zu verkaufen und damit Verluste zu vermeiden. Optionen minimieren also das Risiko – kosten dafür aber eine Gebühr, also eine Art Versicherungsprämie.

Hinter den Optionen stehen oft institutionelle Händler oder Market Maker. Für diese Akteure ist es suboptimal, wenn die Optionskäufer am Ende recht haben. Steigt der Bitcoin wie vom Käufer der Call-Option erwartet, muss der Market-Maker ihm die vereinbarten BTC zu einem niedrigeren Preis als am freien Markt verkaufen. Fällt Ethereum so stark, wie der Put-Käufer antizipiert, muss der institutionelle Optionshändler die abgemachten ETH-Bestände quasi überteuert einkaufen. Deshalb ist es für die Market Maker hinter den Optionen besser, wenn die Vereinbarungen ungenutzt verfallen – wenn sich der Preis also in die entgegengesetzte Richtung entwickelt (oder zumindest in solche Preisregionen, wo die allermeisten Optionskäufer leer ausgehen). Dann nämlich sind die Optionshändler von ihren ungünstigen Kauf- oder Verkaufspflichten entbunden, können die Versicherungsprämie für die Option aber behalten.

Ohne Schmerzen keine Rallye

Optionen sind zeitlich begrenzt und zielen auf einen bestimmten Stichtag: Am Verfallsdatum wird entschieden, ob die Option etwas wert ist oder nicht. Hat sich der Aktienkurs in die gewünschte Richtung bewegt, kann der Käufer der Option einen Gewinn machen. Liegt der Kurs aber ungünstig, verfällt die Option und die bezahlte Gebühr ist weg. Oder besser gesagt: in der Tasche der Market Maker, die dann ihre Prämie behalten, ohne selbst Verluste zu machen. Deswegen versuchen sie manchmal, durch geschickte Käufe und Verkäufe den Kurs einer Aktie in Richtung eines Niveaus zu bewegen, bei dem die meisten Optionen wertlos werden – sprich: der größte Schmerz (Max Pain) für die Anleger entsteht.


Bestes Beispiel Krypto: Anfang des Monats erlebten Bitcoin und Co. die größten absoluten Liquidationen aller Zeiten. Und was taten die Anleger?
Ein Beispiel: Angenommen, viele Anleger haben Call-Optionen für eine Aktie gekauft, die bei 105 Euro liegt, und die Optionen laufen in wenigen Tagen ab. Die Market Maker wissen, dass sie Geld verlieren, wenn die Aktie darüber schließt. Also könnten sie durch Verkäufe oder andere Strategien den Preis in Richtung von 100 Euro drücken – weil dort die meisten Optionen verfallen. Für unerfahrene Anleger ist das frustrierend, aber für die Profis ist es schlicht ihr Geschäft. Deshalb wird oft gesagt, dass der Max-Pain-Punkt am Optionsmarkt wie ein unsichtbarer Magnet auf die Aktienkurse wirkt.

Das geflügelte Wort vom maximalen Schmerz hat sich aber weit über den Optionsmarkt hinaus im Börsensprech verfestigt. Und das ist kein Zufall – schließlich steuern Marktteilnehmer als Kollektiv bewusst oder unbewusst immer wieder Preisbereiche an, die in der Masse den maximalen Schmerz auslösen. Ein altes Börsensprichwort rät Investoren: Kauft ein, wenn das Blut in den Straßen fließt – also genau dann, wenn die meisten Anleger das Vertrauen in den Markt verlieren, kapitulieren und ihre Aktien zu Schleuderpreisen veräußern. Aber warum sind genau diese Zeitpunkte der tiefsten finanziellen Depression die besten Einstiegspunkte? Klar, die Preise sind in solchen Phasen niedrig. Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund.

Wie Irrationalität den Markt bereinigt

Der maximale Schmerz, den der breite Markt in Phasen der Panik verspürt, fungiert als Mechanismus der Marktbereinigung. Die massenhafte Kapitulation ist das notwendige Opfer für die nächste Aufwärtsbewegung. Wenn unerfahrene Anleger bei heftigen Abverkäufen entnervt verkaufen oder durch gehebelte Wetten liquidiert werden, dann ist das kein Unfall, sondern eine zyklische Gesetzmäßigkeit. Ein Markt, der steigen will, braucht frisches Kapital als Schießpulver. Ist dieses Pulver für eine Rallye verschossen, muss es erst wieder aufgefüllt werden. Und das passiert, wenn die vorherige Anlegergeneration aufgibt.



Kleinanleger verließen in Scharen den Markt (in Grün und Rot die monatliche Veränderung der Anzahl von Transaktionen unter 10 000 US-Dollar)...

Warum aber ist der maximale Schmerz nötig, um anschließendes Wachstum zu generieren? Die Antwort auf diese Frage besteht aus drei Teilen: der Logik hinter starken Anstiegen, dem unterschiedlichen Mindset erfahrener und unerfahrener Investoren und dem vielleicht wichtigsten Grund für epochale Bullenmärkte, nämlich FOMO (engl.: Fear of Missing Out; dt.: Angst, etwas zu verpassen). Zunächst zur Logik großer Rallyes: Die größten Anstiege im Finanzmarkt sind getrieben von Gier und einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage – so weit, so bekannt. Die steilsten Anstiege in Bullenmärkten beginnen in der Regel mit Akkumulationsphasen erfahrener Investoren. Schießen die Preise dann in die Höhe, eilen Kleinanleger (meistens viel zu spät) in den Markt und sorgen mit ihrer Liquidität für das, was man im Finanzjargon als Blow-Off Top bezeichnet – also die finale und explosivste Phase, wenn sich der Preis eines Assets im Sinne einer Blase immer weiter vom fairen Wert entfernt.

Jede Rallye durchläuft diese Phasen – ob es nun eine übergeordnete, langfristige ist oder ein kürzerer Zwischenanstieg. Auf jede Rallye folgt eine Phase der Abkühlung, in der die Unterschiede im Mindset erfahrener und unerfahrener Investoren zum Tragen kommen. Wer die Zyklizität der Finanzmärkte und der menschlichen Emotion verstanden hat, verkauft bei steigenden Preisen und kauft, wenn das Blut sprichwörtlich in den Straßen liegt. Der breite Markt aber, der in Hype-Phasen zu großen Teilen aus Kleinanlegern besteht, muss nach dem Höhepunkt der Euphorie vom volatilen Kapital der Anfänger bereinigt werden. In Top-Bereichen ist das letzte, explosivste Pulver der Kleinanleger verschossen und das Magazin muss wieder geladen werden. Dafür gilt es, die sprunghafte Liquidität der FOMO-Käufer wieder aus dem Markt zu wischen.

Max Pain als maximale Chance

Erst wenn Depression und Resignation das vorherrschende Gefühl sind, wenn also die Masse verkauft hat und das Orderbuch leer ist, können kleine Impulse wieder starke Kursbewegungen auslösen und das volatile Retail-Kapital für die nächste große Rallye anlocken. Dann kommt der Moment, in dem die Gier wieder die Oberhand gewinnt – und aus Schmerz wird FOMO. Das gilt übrigens auch für erfahrene Investoren und Trader. Wir Menschen hassen es, auf der Verliererseite zu stehen und würden am liebsten immer zu den Gewinnern gehören. Ist man mit einer Position unter Wasser oder wurde bei einem heftigen Abverkauf aus Hebelpositionen liquidiert, versuchen emotionale Anleger, diese Verluste durch sofortige Wiedereinstiege wettzumachen. Derart überhebelte Positionen sorgen so lange für Liquidationskaskaden, bis alle ängstlichen Anleger den Markt verlassen haben.



... während Großinvestoren (violett) die Panik der Kleinen (blau) nutzten, um sich die Taschen vollzumachen. Ein übliches Muster in schmerzhaften Marktphasen.
Es ist also die irrationale Psychologie der Marktteilnehmer, die Börsenkurse immer wieder in Bereiche des maximalen Schmerzes drückt. Nur so kann der Markt alle destabilisierenden Faktoren – seien es volatiles Kapital von FOMO-Käufern, überhebelte Positionen oder allzu emotionale Anleger – abschütteln. Diese regelmäßige Bereinigung ist eine Art Naturgesetz der Finanzmärkte und notwendig, um ein solides Fundament zu legen und das nötige FOMO-Schießpulver für die nächste explosive Rallye vorzubereiten. Sobald die Preise wieder steigen, kommen diejenigen zurück, die am Max-Pain-Punkt frustriert verkauft haben. Dann aber ist es meistens zu spät. Wer erst auf die Seite der Gewinner springt, wenn sie für alle Welt klar erkennbar ist, wird zur Exit-Liquidität. Erfolgreich ist, wer auf fundamental gute Projekte setzt und es aushält, vorübergehend auch mal wie ein Verlierer auszusehen. Dann wird Max Pain zur größtmöglichen Chance.

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Simeon Koch

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